Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Bad Lieutenant (1992)

Bad Lieutenant von Abel Ferrara (1992) hat, wie man sich durch Anklicken des obigen Videos vergewissern kann, einen furchtbaren, vollkommen nichtssagenden Trailer. Und der Anfang des Films reflektiert dieses Gefühl: Nicht bloß heißt der Film Bad Lieutenant, der damit bezeichnete bad lieutenant ist, wie wir es die meiste Zeit des Films vorgeführt bekommen, wirklich ein bad, bad lieutenant: Er säuft, er kokst, er erpresst, er fixt, er raucht (alles mögliche), er hurt herum, er ist unfreundlich zu seinen Kindern und Kollegen – ich bin mir nicht sicher, ob er nicht irgendwann auch noch einen Hundewelpen durch die Gegend tritt, oder in einen Kinderwagen ascht, oder einem Entenküken den Kopf abbeißt: Vermutlich nicht, aber es würde passen, denn er ist ja ein bad, bad, bad lieutenant. Obwohl. Während der bad lieutenant nackt und betrunken schwingend in einem Frauenzimmer gen Himmel schreit, wird andernorts eine Nonne brutal vergewaltigt. Dies scheint den bad lieutenant zwar anfangs nicht zu stören, sobald er jedoch erfährt, dass die Nonne ihren Angreifern verziehen hat, beginnt der Fall sein Interesse zu wecken. Wir erfahren, dass der bad lieutenant katholisch ist, und man bekommt mehr und mehr den Eindruck, irgendein besonders katholisches Empfinden scheine ihn innerlich zu zerfressen.

In einer sich selbst hochschaukelnden Folge von Baseballwetten setzt er seine ganze Hoffnung, und mit ihr sein ganzes Geld, auf den Spieler “Strawberry”; und man fühlt, dass diese Wetten, die irgendwann so groß werden, dass sie über seine Existenz zu entscheiden beginnen, seine immer präsenter werdende religiöse Erlösungshoffnung wiederspiegeln. So fleht er zuerst die Nonne und später eine Jesusvision an, ihm zu verraten, wie er denn sein Leben führen solle, wie er denn ein guter Mensch sein könne. Er sei schwach, schreit er, er brauche Hilfe.

Zum Ende des Films begeht er einen Akt der vollkommenen, schon übertriebenen Barmherzigkeit und wird kurz darauf tatsächlich “erlöst” (sozusagen). Jedoch fragt man sich, ob dieser sehr katholische Akt und diese sehr katholische Erlösung nicht eigentlich eine traurige Konsequenz eines sehr katholischen Gewissensterrors in diesem Mann gewesen sein mussten. Während wir heute in der Gesellschaft (berechtigterweise) häufig einen Mangel an Rücksicht und Empathie für die Belange anderer Menschen beklagen, zeigt der Film, wie der christliche Anspruch einer universellen Menschenliebe den einzelnen Menschen genauso zerstören kann – eine wichtige Thematik aus Freuds kulturpessimistischem Essay Das Unbehagen in der Kultur. Wer als Mensch Jesus nacheifert, ist zum Scheitern verurteilt.

Als wenig katholischer Mensch fällt es mir relativ schwer, mich in den moralischen Konflikt des Films hineinzuversetzen. So konnte ich anfangs das Objekt der unendlichen Gequältheit des bad lieutenant überhaupt nicht erkennen. Keitels “Schreien” ist kein Schreien, es ist ein unterdrückter, verzerrter Laut, von dem man sich vorstellt, er müsse größer und mächtiger sein als jeder Schrei, würde Keitel ihn entfesseln. Es wirkt befremdlich; so befremdlich, dass man nicht weiß, ob Keitel grandios oder eher absolut entsetzlich spielt, wenn er zu diesem “Schrei” ansetzt. Ich brauchte meine Zeit, um ihn irgendwie wertschätzen zu können; und nun, im Nachhinein, kann ich sagen, dass der Film mir insgesamt gefiel, auch wenn er mich mit seiner Thematik wenig berührte. Jedoch empfand ich viele Sequenzen als übermäßig plakativ – seht her, es ist wirklich ein bad, bad, bad lieutenant. Hätte er gesungen und getanzt, hätte er fast diesem bösen, bösen Zahnarzt aus Little Shop of Horrors geähnelt:

http://www.youtube.com/watch?v=bOtMizMQ6oM

Deshalb: (6,5/10) 96 min.

Advertisements

4 Kommentare zu “Bad Lieutenant (1992)

  1. Pingback: Body Snatchers (1993) « Stubenhockerei

  2. Pingback: The Addiction (1995) « Stubenhockerei

  3. Pingback: The Wicker Man {Neil LaBute, 2006} | Stubenhockerei

  4. Pingback: The Bad Lieutenant: Port of Call: New Orleans {Werner Herzog, 2009} | Stubenhockerei

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 1. Dezember 2011 von in Filme und getaggt mit , , , , .
unsoundaesthetics

Alternative, elektronische und instrumentale Musik

ergothek

Der Blog mit dem DeLorean

KOMM & SIEH

film international: genre. arthaus. mainstream

Strange Flowers

Highly unusual lives.

KinoKlandestin

Das freie studentische Kino der BUW

licence d'artiste

par benoit david

MISE EN CINEMA

Filmreviews.

der breite grat

Filmbesprechungen für einen Grat statt Graben zwischen Arthouse und Exploitation

Movie. Love.

Undying.

%d Bloggern gefällt das: