Stubenhockerei

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Die Struktur des Kristalls (1969)

Polnische Dichotomien

Struktura krysztalu (Die Struktur des Kristalls, 1969) ist der erste Spielfilm des inzwischen einigermaßen bekannten polnischen Regisseurs Krzysztof Zanussi und außerdem der erste Film, den ich bisher von ihm gesehen habe. Und er wird sicher nicht der letzte sein.

Die Struktur des Kristalls ist nämlich einer dieser mitteleuropäischen Filme, die so sagenhaft süß und unschuldig sein können, ohne dabei, wie die meisten süßen und unschuldigen Filme, auch sagenhaft blöd zu sein. Vielleicht gelingt ihnen das, weil durch ihre süße Unschuld stets eine unendlich tiefe Melancholie durchscheint: Wie auch bei vielen tschechoslowakischen Filmen schwingt bei Die Struktur des Kristalls bei jeder Albernheit ein leichter Schmerz mit; bei jedem Ausdruck der Freude und bei jedem unschuldigen Lachen nistet irgendwo das Gefühl der Vergänglichkeit; ohne, dass dieser melancholische Grundton irgendwo direkt angesprochen oder erklärt würde.

Die Handlung von Die Struktur des Kristalls lässt sich einfach zusammenfassen: Marek, ein international erfolgreicher Kristallograph aus Warschau, besucht seinen alten Freund Jan, der inzwischen zurückgezogen, zusammen mit seiner Frau Anna, in der polnischen Provinz lebt. Marek versteht nicht, wie Jan dieses Leben – ohne Kämpfe, Erfolge, Spannung etc. – führen kann. Er möchte ihn wieder für die Wissenschaft und die Gesellschaft im Allgemeinen begeistern, scheitert dabei aber konstant an Jans Desinteresse für das große, ernsthafte Leben. Erfolglos fährt er schließlich nach Warschau zurück.

Marek verbringt insgesamt sechs Wochen bei Jan und Anna, und der Film präsentiert uns kurze Fragmente dieser Zeit – Unterhaltungen, Ausflüge, Alltagsszenen. Nur in wenigen Sequenzen wird die Frage nach Jans Entscheidung für das ruhige, ländliche Leben direkt angesprochen, und selbst diese Sequenzen lassen sich letztlich nicht zu einer eindeutigen Antwort über das Warum und Wieso zusammenfügen. Man bekommt aber den Eindruck, dass es in Jans Leben an nichts mangelt – es geht ihm gut, er scheint sein Leben so zu leben, wie es ihm gefällt. Marek scheint es zwar nicht gänzlich akzeptieren, mit der Zeit aber irgendwie doch verstehen zu können.

In den meisten Sequenzen haben Anna, Jan und Marek einfach ihren Spaß – oft vergnügen sie sich wie kleine Kinder, die gerade zum ersten Mal die Welt für sich entdecken. Im Laufe der Zeit baut sich eine gewisse Spannung zwischen Marek und Anna auf, die sich aber verflüchtigt, sobald sie ihnen bewusst wird. Man könnte auch meinen, diese Spannung ginge mehr von ihm aus als von ihr – sie wirkt recht kindlich und gedankenlos, während er sich aktiv(er) auf sie zubewegt. Vielleicht äußert sich darin eine unbewussten Sehnsucht nach Jans Leben.

Auf eine gewisse Weise meint man, eine solche Sehnsucht Mareks spüren zu können; am deutlichsten wird sie in der Szene, in der er Anna und Jan bei einer kleinen Neckerei in ihrem Schlafzimmer beobachtet. Er weiß aber auch, dass ein Leben, wie Jan es führt, bei weitem nicht so einfach ist, wie es nach außen scheint: Es ist, wie er feststellt, ein Rentnerleben – ein sinnloses, wenn auch vergnügliches Warten auf den Tod. Das kann er nicht akzeptieren.

Jan könnte natürlich einfach darauf hinweisen, dass Mareks Leben – trotz seiner Ziele und Kämpfe – in nichts anderes mündet, dass Erfolg und Anerkennung auch nur temporäres Vergnügen bereiten können, dass Marek die Akzeptanz seiner eigenen Vergänglichkeit und dass er damit den Genuss seines Lebens an sich einfach auf unbegrenzte Zeit in die Zukunft verschiebt. Er tut es aber nicht. Zumindest nicht explizit. Vielmehr wird Jans Lebenseinstellung, ohne viele Worte zu verschwenden, gezeigt. Die sechs Wochen, die Marek bei Jan und Anna verbringt, scheinen auch ihn zu verändern.

Es ist beeindruckend, wie Zanussi die minimale Handlung in den immerhin 75 Minuten des Films darstellt, ohne auch nur ein einziges Mal in philosophische Exkurse zu verfallen (Es gibt Ansätze eines philosophischen Gesprächs über die Geschichte der Unendlichkeit, dieses hat aber nichts mit dem Sujet des Films zu tun). Er ähnelt darin Michelangelo Antonioni, wobei Zanussi, anders als Antonioni, der in seinen Filmen wenige, lange Sequenzen verwendet, eine Menge kurzer Mikrosequenzen (Fragmente, wie ich sie oben nenne) benutzt, die teilweise unerwartet, scheinbar zufällig abbrechen und ineinander übergehen. Wie Antonioni zeigt Zanussi in den Sequenzen viel scheinbar irrelevantes, doch die Kombination all dieser Nebensächlichkeiten deutet eine Aussage an, die jedoch niemals vollkommen deutlich wird. Sie ergibt sich aus der Dynamik der gegensätzlichen Lebenseinstellungen, die Zanussi jedoch nie direkt, in einem argumentativen oder sonstigen Gefecht, aufeinanderprallen lässt. Wegen dieser Uneindeutigkeit – dieser Offenheit des Films – ist das obige auch nichts anderes als meine persönliche Interpretation – man kann den Film sicher durchaus anders verstehen.

Neben all den genannten Punkten hat der Film eine sehr schöne Musik und zwei wunderbare Aufnahmen von Kühen. Tolles Plakat, toller Film. 74 min. (9/10)

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 1. Dezember 2011 von in Filme und getaggt mit , , , , .
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