Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Emmanuelle (1974)

Im Reich des vergoldeten Smegmas

Das wirklich ärgerliche an stilprägenden Filmen wie Emmanuelle von Just Jaeckin (1974) ist, dass sie – im Nachhinein betrachtet – wie ein stupides Sammelsurium von Klischees wirken. Roger Ebert würdigte in seiner Rezension Emmanuelles außergewöhnlichen Stil; ich kann ihn einfach nicht erkennen. Die Soft-Focus-Aufnahmen triefen für mich vor billiger Pornösität. Aber natürlich kann der Film nichts dafür, dass er später so oft kopiert wurde.

Sieht man von dem Stil ab, bleibt eine Geschichte, die zu Anfang gleichermaßen stinkt – Emmanuelle als Model/Diplomatenfrau in Thailand; offene Beziehung; reiche Ehegattinen, die am Pool über ihre Affären quatschen; alle Frauen sind bisexuell; ein freizügig masturbierendes Lolita-Mädchen etc. etc. Doch dann scheint Emmanuelle diesem ganzen kläglichen Zirkus eine Absage zu erteilen und hängt sich an die Fersen einer „starken“ Frau, der Archäologin Bee. Man freut sich, dass Emmanuelle die Stumpfheit ihrer Umgebung zu erkennen vermag, man freut sich, dass ihr Ehemann anscheinend doch nicht so frei und ungezwungen zu sein scheint, wie er Emmanuelle und den Zuschauer zu Anfang des Film weismachen wollte. Nachdem Bee Emmanuelle jedoch – eigentlich nicht auf boshafte Weise – enttäuscht, indem sie ihre Liebe nicht erwidert, verfällt Emmanuelle eben genau dem Stumpfsinn, über den sie sich gerade noch zu erheben schien. Der schmierige, alte Mario, gespielt von Alain Cuny, dem intellektuellen Signore Steiner aus La Dolce Vita (1960), soll sie in die Kunst des „Erotismus“ einführen, und ab dort gibt es zwei Möglichkeiten den Film zu verstehen:

1) Man nimmt ihn ernst. Dies würde bedeuten, dass Emmanuelle hiermit den rechten Weg beschreitet und Marios orakelhafte Weisheiten (eine vulgarisierte Mischung aus Bataille, Nietzsche und Existentialismus) irgendeinen Gehalt haben sollen. Ich habe den Eindruck, dass der Film – auch wenn es seiner ersten Hälfte offen wiederspricht – auf diese Weise verstanden werden will. Es gibt im Film drei Arten der Sexualitätsdarstellung, unterteilt durch ihre Hintergrundmusik: a) schön, b) brutal, aber schön und c) brutal und verwirrend. Während Emmanuelles anfängliche, offene und nette Sexualität natürlich im Modus a) dargestellt wird, verwendet man für ihre spätere Vergewaltigung unter Marios Aufsicht den Modus c). Allerdings kehrt sie mit der Zeit zum Modus a), d.h. zur wohligen, netten und genussvollen Sexualität zurück – es wirkt, als würde sie sich zum Ende des Films „finden“, ihren „Erotismus“ o.ä. entdecken und somit Marios Philosophanz legitimieren. Angesichts der bodenlosen Schmierigkeit des Ganzen macht das den Film zu einer totalen Katastrophe.

2) Der Ton war die ganze Zeit über selbstironisch und Emmanuelles Abstieg in den Erotismus soll genau dies sein: Ein Abstieg. Demnach wäre das Ende negativ – sie würde erkennen, dass sie auf dem Weg ist, sich in eine der gelangweilten Frauen vom Pool zu verwandeln; sie würde sehen, dass Mario nicht mehr als einen aufgeblasenen, geilen Schmock abgibt. Alain Cunys Rolle wäre somit eine Subversion seiner Rolle in La Dolce Vita – was lustig wäre. Ich glaube aber leider nicht daran. Ich sehe keinen Ansatz der Selbst-Parodie, es wirkt auf seine schmierige Art zu ernst, um selbstkritisch zu sein.

Vielleicht missverstehe ich den Film hier, aber so ist zumindest mein Eindruck. Und sollte der Film auf die 2. Art verstanden werden wollen – als Selbst-Parodie, als Kritik – dann bringt er dies meiner Meinung nach nicht deutlich genug herüber. Deshalb ist der Ruf des Films völlig ungerechtfertigt; gut, vielleicht war er stilprägend, big deal, aber unter seine Oberfläche müffelt es gewaltig. 105 min. (3/10)

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3 Kommentare zu “Emmanuelle (1974)

  1. Pingback: Sensations (1975) « The Schmockery

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 1. Dezember 2011 von in Filme und getaggt mit , , , , , , .
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