Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

The Elephant Man (1980)

Viel Dampf, keine heiße Luft

David Lynchs The Elephant Man (1980) zeigt den letzten Lebensabschnitt von Joseph Merrick, der im viktorianischen England wegen seines extrem deformierten Körpers als der „Elefantenmensch“ bekannt wurde. Merrick, im Film „John Merrick“, gespielt von John Hurt, wird als menschliche Attraktion auf Jahrmärkten ausgestellt, bis der Londoner Arzt Frederick Treves, gespielt von Anthony Hopkins, ihn entdeckt, um ihn wiederum als anatomische Kuriosität einem Fachpublikum vorzustellen. Obgleich er zunächst von ihm annimmt, er sei auch geistig behindert, findet Treves bald heraus, dass Merrick vollen Verstandes ist. Er versucht, ihm ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen – was sich als schwierig erweist, da Merrick natürlich eine Kuriosität bleibt.

The Elephant Man ist ein herausragendes Beispiel für einen Film, der eine herzergreifende Traurigkeit vermitteln kann, ohne dabei in schmalzige Gefühlsduseleien abzurutschen. In einigen Sequenzen bewegt der Film sich hart an der Grenze; er schafft es aber letztendlich doch stets, sich zu zügeln. Keine Szene ist wirklich so over-the-top, wie man es befürchten könnte. Merricks Charakter wird als beinahe unmenschlich bescheiden, freundlich und dankbar dargestellt, seine Peiniger sind unfassbar boshaft und selbstsüchtig – und es ist offensichtlich, dass damit die Ungerechtigkeit und Tragödie seines Schicksals betont werden soll. Dennoch wirkt es nicht wie billige Emotionalität; nein, es funktioniert, es bleibt realistisch und vor allem glaubhaft.* Die Hintergrundmusik, die Inszenierung und alle anderen atmosphärischen Mittel werden dezent und passend eingesetzt, kurzum: Alles stimmt.

Leider gab es nur wenige Sequenzen, die sich mit den Innenleben von Merrick und Treves auseinandersetzten – Lynch hätte dies m.M.n. weiter ausbauen können. Alternativ hätte man sie gänzlich weglassen und einfach nur Merricks Schicksal von außen zeigen können. Ich hätte mir Ersteres gewünscht. Der Prolog des Films, der später in Merricks Erinnerungen wiederaufgegriffen wird, ist äußerst interessant; ebenso Treves moralisches Problem, welches ihm in der Mitte des Films den Schlaf raubt. Nur wenige derartiger Szenen über den Film zu verteilen, lässt vermuten, Lynch habe sich zügeln wollen, um seinen Film für das Massenpublikum zugänglicher zu machen… was schade ist. Das Resultat wirkt so ein wenig inkonsequent.

Aber das tut dem Film keinen Abbruch. 124 min. (7,5/10)

_______________________________________________________

* So gibt es beispielsweise keine dieser abscheulichen, Hollywood’schen Wer-ist-hier-das-wahre-Monster?-Szenen. Ebensowenig kritisiert der Film wie so viele andere einfach dummdreist in der Gegend herum; er verurteilt die von Merrick profitierenden Menschen nicht pauschal.

Advertisements

Ein Kommentar zu “The Elephant Man (1980)

  1. Pingback: Twin Peaks: Fire Walk with Me {David Lynch, 1992} | Stubenhockerei

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 1. Dezember 2011 von in Filme und getaggt mit , , , , , , , , .
unsoundaesthetics

Alternative, elektronische und instrumentale Musik

ergothek

Der Blog mit dem DeLorean

Strange Flowers

Highly unusual lives.

KinoKlandestin

Das freie studentische Kino der BUW

licence d'artiste

par benoit david

MISE EN CINEMA

Filmreviews.

der breite grat

Filmbesprechungen für einen Grat statt Graben zwischen Arthouse und Exploitation

%d Bloggern gefällt das: