Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

RoboCop (1987), die 1980er, und: Warum neue Filme stinken.

Hedge-Fonds, Finanzmärkte, Röhrenjeans, Streit zwischen Amerika und Russland, Terrorismus, Neo-Konservatismus, ungezügelter Kapitalismus, Weltuntergangsstimmung, Apple, Karottenhosen, Aufstieg Asiens, bunte Plastik-Popstars, Electropop, Krise, Krise, Krise, Arbeitslosigkeit in den USA, Vollbeschäftigung in Süddeutschland, Wohlstandskluft, Obdachlosigkeit, klobige Autos, Nein zum Atom, etc. etc. etc.

Es wurde schon viel zu häufig behauptet, wir lebten seit ca. 10 Jahren in einer Verlängerung der 1980er Jahre. Tatsächlich leben wir seit langem in einer sehr witzlosen Parodie der 1980er Jahre – dieselben leidigen Probleme, nur noch blöder. Dieselben Antworten auf diese Probleme, nur noch dümmer. Dieselben Hosen.

Kulturell hatten die 1980er sogar einiges zu bieten. Sogar Hollywood machte sich die Mühe, die Probleme seiner Zeit künstlerisch zu verarbeiten – selbst die einfachsten Weihnachtskomödien dieser Epoche (Die Glücksritter, Das Wunder in der 8. Straße) tragen einen ziemlich gewitzt verarbeiteten subversiven Unterton. Und was macht Hollywood heute?

Man plant ein Remake von Escape From New York. Von Ghostbusters. Von Videodrome. Von RoboCop. Ernsthaft. Und ich bin überzeugt, dass jeder einzelne dieser Filme von jedem noch so kleinen Quäntchen Aussagekraft bereinigt und auf ein vollkommen idiotisches 3D-Action-Special-Effect-Knallspektakel reduziert werden wird. Und das ist so verdammt offensichtlich, es ist nicht einmal erwähnenswert.

Mein Gott, ich klinge wie ein alter Mann. Wie kann ich jemandem beweisen, dass ich die Idee solcher Remakes nicht allein deshalb verabscheue, weil sie neu sind? Weil ich mich abgrenzen möchte? Weil ich mich nicht auf Neues einlassen möchte?

Ich übertreibe kein bisschen: Wenn ich höre, dass derselbe Mensch, der das Drehbuch zu Transformers 3 geschrieben hat, nun das Remake zu Videodrome schreiben soll, möchte ich kotzen. Am liebsten auf diesen Menschen. Und auf David Cronenberg, weil er, zumindest meines Wissen nach, noch nicht auf diesen Menschen gekotzt hat.

Nun gut, RoboCop (1987). Von Paul Verhoeven, den ich aus demselben Grund bekotzen möchte. Eigentlich wollte ich diesen Film hier dafür loben, wie er die wirtschaftlichen und kulturellen Tendenzen seiner Zeit (Privatisierung des öffentlichen Lebens, Entertainment) in eine Jesus-artige Heldengeschichte fortschreibt – wie eine perverse Welt einen verkrüppelten, durch seine Programmierung unfreien und steuerbaren Messias erschafft; eine tragische Mischung aus aufrichtigem, moralischem Mensch und zweckmäßigem Produkt – und wie diese großartige Geschichte hier in einen kurzweiligen Actionfilm verpackt wird. Ich wollte den Film empfehlen; was für ein einfacher, und dennoch toller Film, toller Film. Natürlich nicht großartig, spürbar kommerziell; aber gerade in Angesicht seiner Einfachheit, seines scheinbar reinen Unterhaltungscharakters, herausragend.

Aber dann drängte sich mir die Vorstellung davon auf, wie irgendeine fleischgewordene Sauerstoffverschwendung wie Colin Farrell o.ä. die Hauptrolle des Remakes übernehmen könnte. Und dann werde ich wieder wütend auf Paul Verhoeven. Und auf David Cronenberg, obwohl er nichts damit zu tun hat (Irgendwie schmerzt die Idee eines Videodrome-Remakes noch viel mehr).

Und selbst wenn ein guter, ehrenhafter Regisseur sich dem Remake annehmen würde, und selbst wenn (was vollkommen zu erwarten wäre) nicht jede einzelne verdammt Rolle dieses Remakes von irgendwelchen Retorten-Schönlingen übernommen würde, und selbst wenn (was ebenso abzusehen ist) nicht 50% des Films aus irgendwelchen „zukunftsweisenden“, „nie dagewesenen“, „ultra-realistischen“, „über-realistischen“ usw. Special-Effects und 3D-Effekten bestünden, und selbst wenn es dieser potentielle Regisseur und die sonstigen beteiligten Menschen irgendwie schaffen würden, dem Film zumindest einen Teil seines ursprünglichen Reichtums zu gönnen und ihn nicht zu einem weiteren Exemplar dieses durch und durch widerwärtigen neuen Hollywoodkinos zu machen, würde ich ihn mir trotzdem nicht ansehen.

Es ist eine ekelhaft gierige Strategie, jeden verdammten Kassenschlager der 80er mit den Standards des heutigen Kinos zu remakexploiten. Warum sollte irgendjemand diese vollkommene Geistlosigkeit, diese totale Aufgabe jeglichen Anspruchs an Kreativität oder Schöpfung (auch von Unterhaltung) mit seinem Geld unterstützen wollen? Ich ganz bestimmt nicht. Und wenn ich mich damit allem „Neuen“ verweigere, jede „Entwicklung“ ablehne, dann soll es halt so sein.

Zurück zu RoboCop. Es ist ein guter Film, ein empfehlenswerter Film, dessen Behandlung hier nun etwas zu kurz kam. Aber ich kann momentan nicht über ihn schreiben, ohne mein Empfinden dabei mit all diesen hier erläuterten Aggressionen vermengt zu sehen.

102 Min.

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Nach all der fanatischen Tipperei stellte ich fest, dass das Videodrome-Remake voraussichtlich nie zustande kommen wird. Hooray for humanity!

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2 Kommentare zu “RoboCop (1987), die 1980er, und: Warum neue Filme stinken.

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