Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Dinge und Undinge (1973)

In der 1973 geschriebenen und posthum veröffentlichen Essaysammlung  Dinge und Undinge versucht der vor allem durch seine Medientheorie bekannte tschechoslowakische Philosoph Vilém Flusser, die phänomenologische Methode auf diverse Alltagsgegenstände anzuwenden – in seinen kurzen Aufsätzen betrachtet er Flaschen, Wände, Stöcke, Teppiche, und versucht dabei, sich von dem üblichen Blick auf diese scheinbar banalen Gegenstände zu befreien. So lässt sich Flusser von diesen Dingen zu teils sehr interessanten Gedanken leiten und entlockt ihnen einen ungeahnten philosophischen Reichtum.

In den besten Fällen kreisen die Texte dabei tatsächlich um die Sache selbst – und erlauben uns, einen verfremdeten Blick auf das Betrachtete zu werfen. Flussers Beschreibung eines Schachbretts und der Schwierigkeit, das Schachbrett als Schachbrett, ohne gesellschaftlich vorgefasste Begriffe von Schach und Spiel, der Geometrie usw. wahrzunehmen, ist meiner Meinung nach ein hervorragendes Beispiel für diesen Ansatz. Manchmal sind seine Texte sehr assoziativ, wie der Essay „Das Bett“ in der Mitte des Buches (er ist auch der längste und stilistisch herausragendste Text in der Sammlung), in welchem er in fast poetischer Sprache sechs Aktivitäten um das räumliche Zentrum seiner Wohnung und seines Lebens, das Bett, beschreibt.

Ja, Flussers Sprache ist beeindruckend – so übernimmt er nicht nur etliche Konzepte aus den Naturwissenschaften, um seine Ausdruckskraft zu verstärken; er bildet auch eine eigene, sich manchmal verselbständigende Metaphorik und erschafft mit Hilfe dieser Sprache abstrakte, dystopische und, man könnte schreiben: „technomanische“ Bilder – ähnlich wie sein geistiger Verwandter Jean Baudrillard.

Leider wirken einige der gedanklichen Verbindungen, die Flusser hier oft zwischen Alltagsgegenständen und gesellschaftlich-politischen Zusammenhängen aufstellt, sehr erzwungen. Und so bekam ich oft das Gefühl, dass sich einige Texte, die im Grunde recht interessant als (auch wenn Flusser diesen Begriff ablehnen würde) schriftliche Mediationen über Alltägliches begannen, mit der Zeit zu einem reinen Ausdruck von Flussers – zumeist unbegründeten und als selbstverständlich angenommenen – gesellschaftlich-politischen Positionen wandelten. Und neben ein paar etwas fragwürdigen Ausflügen in die Anthropologie, die hier herangezogen werden, um einige dieser Gedankenverbindungen zu stützen, wiederholt Flusser immer wieder dieselben techno-dystopischen Mantras, die uns allen spätestens seit der Cyberpunk-Welle bekannt sein dürften – auch hier erkennt man eine Verwandschaft zu Baudrillard; Letzterer liest sich jedoch, dank seiner (Flusser ebenbürtigen) Metaphorik und seines hyper-apokalyptischen Sci-Fi-Stils, wesentlich interessanter.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 16. Februar 2012 von in Literatur und getaggt mit , , , , , .
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