Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Themroc (1973)

Urschreitherapie mit Michel Piccoli: Es hustet. Es grunzt. Es brüllt. Es ist Claude Faraldos Film Themroc (1973).

11o Minuten ohne verständlichen Dialog, fast zwei Stunden voller anarchistischem Chaos mit Michel Piccoli. Marco Ferreris Dillinger è morto meets Dušan Makavejevs Sweet Movie.

Im Mittelpunkt dieses Films steht das Gebrüll. Es ist ein anderes Gebrüll als das Schlingensief’sche Geschrei in 100 Jahre Adolf Hitler; es ist weniger vertraut, weniger menschlich. Es wirkt weniger wie ein Aufschrei des Wahnsinns und Entsetzens als wie das animalische Geschrei des Urwalds.

Themroc ist ein Naturfilm über den Menschen. Schon bevor die Hauptfigur aus ihrer sozialen Rolle herausbricht, zeigt uns der Film seine Welt – das Paris des Arbeiters – als einen absurden urbanen Affenfelsen. Die Hauptfigur wird nicht vom Menschen zum Tier: Sie entwickelt sich vom unterwürfigen Arbeitstier zum aggressiven Alphamännchen.

Hätte dieser Film zu einer anderen Zeit entstehen können? Vermutlich nicht. Er das Produkt einer Experimentierfreudigkeit, die nur in den 70ern in dieser Form eine Finanzierung finden konnte.

Besitzt der Film eine inhaltliche Tiefe? Ich bin mir nicht sicher. Er enthält diverse Andeutungen auf einen ihm zugrundeliegenden Marxismus – und, naja, er handelt von einem ausrastenden Proletarier, der (Achtung Spoiler!) am Ende einen Polizisten verspeist. Und nicht nur das; er überträgt seinen Hunger auch auf die brave Familie von Nebenan – und schläft mit seiner verheirateten Nachbarin, seiner Schwester (?), einem Maurer… und scheint letztendlich glücklich und zufrieden, während sein Kollege auf dem Weg zur Arbeit vom Fahrrad fällt. Ob der Film damit irgendetwas sagen will: Ich weiß es nicht. Letztlich scheint er sich seiner Absurdität sehr bewusst (obgleich er sie nicht zum Amüsement seiner Zuschauer ausspielt).

Inhaltlichen Fragen zum Trotz bleibt interessant, wie der Film (ich wiederhole: ohne jeglichen verständlichen Dialog) über 110 Minuten so kurzweilig und unterhaltsam bleiben kann. Dies, und seine Art den Menschen mit dem Blick einer Tierreportage zu zeigen, machen Themroc zwar nicht unbedingt zu einem großartigen Film, aber definitiv sehenswert.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 20. Februar 2012 von in Filme und getaggt mit , , , , , .
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