Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Così fan tutte (1992)

Bei Tinto Brass‘ Sexkomödie Così fan tutte (1992) handelt es sich – wenn überhaupt – um eine sehr, sehr lose Verfilmung der gleichnamigen Mozart-Oper: Anstelle von zwei Herren, die die Herzensdamen des jeweils anderen verführen wollen, um deren Treue unter Beweis zu stellen (Mozart), dreht sich Brass‘ Film um die unheimlich lüsterne und immerzu quietschvergnügte Diana, die sich gegen die monogamen Ansprüche ihres verstockten Ehemannes zur Wehr setzt. Und dieser verstockte Ehemann (er trägt nicht nur eine Brille, er ist auch noch Beamter!) scheint in der Welt des Films sowieso der Einzige zu sein, der irgendein Problem mit ihrem Handeln hat – ganz im Gegensatz zu Dianas emanzipierten Freundinnen oder dem französischen Meister-Erotomanen „Donatien Alphonse“ (ernsthaft!).

Ich frage mich übrigens noch immer, ob dieser Donatien Alphonse im Film entweder a) eine übergroße Clownshose trägt oder b) tatsächlich wie eine menschliche Birne geformt ist. Aber obwohl er, eben aufgrund seiner eigenartigen Erscheinung, nicht an die furchterregende Trashigkeit der Lehrmeisterfigur Mario aus Emmanuelle heranreicht, setzt Donatien Alphonse der Cheesiness von Così fan tutte ein dickes Sahnehäubchen auf – und zwar ein Sahnehäubchen in Form eines menschlichen Hinterteils: Denn die zweifellos albernste Sequenz dieses Films findet in Donatiens riesiger Galerie der Gesäß-Portraits statt – und wie Donatien uns erklärt, ist das Gesäß ein äußerst expressiver Teil des menschlichen Körpers; und er erzählt uns vom traurigen Po, vom selbstbewussten Po, vom introvertierten Po, vom intelligenten Po…

Donatien Alphonse ist sicherlich auch eine selbstironische Darstellung des vermutlich ebenso popophilen Regisseurs dieses Films, Tinto Brass, der – obwohl Così fan tutte letztlich doch ein sehr cheesiger, sehr pornöser Softporno bleibt und nicht an die surreale, künstlerische Opulenz seines früheren Films Salon Kitty (1976) heranreicht – definitiv auch mit diesem Film sein technisches Talent unter Beweis stellt.

Insofern ist der Film einerseits natürlich nichts Besonderes, da er im Grunde nur das altbekannte Porno-Motiv wiederholt, wonach Frauen erst dann emanzipiert und befreit sind, wenn sie mit allem und jedem schlafen, der ihnen über den Weg läuft. Andererseits ist er recht gut gemacht, und das gilt natürlich insbesondere für Softporno-Standards.

Ach ja, zum Abschluss noch eine interessante Nebenbemerkung: Die Hauptdarstellerin Claudia Koll, die erst durch diesen Film bekannt wurde, re-konvertiere in ihrem späteren Leben wieder zum Katholizismus und frömmelte anscheinend fortan mit einem missionarischen Dienst durch Italien – was an die sehr ähnliche Geschichte um Linda Lovelace erinnert, die, nachdem sie durch den legendären Hardcore-Porno und Midnight-Klassiker Deep Throat (sozusagen) Welt“ruhm“ erlangte, später zu einer der bekanntesten Anti-Porno-Aktivistinnen der USA wurde. Derartige Gemütsschwenker sind unter ehemaligen Pornodarstellerinnen anscheinend recht verbreitet und tragen, in Gedenken an Linda Lovelace, den schönen Namen „Linda Syndrome“.

Da ham‘ wir wieder was gelernt!

93 Min.

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