Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Mondo Candido (1975)

Wenn Mondo-Cane-Regisseur Gualtiero Jacopetti sich Voltaires Candide oder der Optimismus annimmt, kann man sich natürlich schon denken, das wohl keine klassische Literaturverfilmung dabei herumkommen wird. Doch Mondo Candido (1975), diese halluzinatorische, ultra-opulente Satire auf die Liebe, den Krieg, die Religion, die Menschheit und Gott und die Welt übertraf dann doch meine Erwartungen.

Der Film ist – wie auch der ihm zugrundeliegende Stoff – offen sozialkritisch, dabei furchtbar albern und dick auftragend. Er bewegt sich in seinen surreal-parodistischen Überspitzungen irgendwo zwischen Jodorowskys El Topo (1970), Andrades Macunaíma (1969), Fellinis La città delle donne (1980) und Brass‘ L’urlo (1970) – wobei er diese teils noch subtil wirken lässt. Genau wie diese arbeitet er mit der Verfremdung von Symbolen, führt Riten und Traditionen ad absurdum: Da lässt ein blassierter Kriegsherr seine Soldaten mit den Köpfen gegen Steinmauern rennen, um sie zum Kampfe zu trainieren, dort werden die gleichen Soldaten wie Pappfiguren von Maschinengewehren niedergemäht; hier sehen wir die Inszenierung einer öffentlichen Folter, die an die Vorbereitung eines sportlichen Ereignisses oder eines menschlichen Schaulaufens erinnert; später sehen wir Christopher Kolumbus, wie er für Coca-Cola wirbt…

Im Gegensatz zu Jodorowsky, der in seinen Filmen neben seiner Sozialkritik auch eine new-ageige Selbsterkenntnis betreibt, oder Fellini, der der menschlichen Natur zwar manchmal recht zynisch gegenübersteht, sich aber letztlich dennoch an ihrer Absurdität erfreut, schwingt bei Jacopettis Mondo Candido ein ungeheurer Ekel vor dem Menschen mit. Dieser soll sich auch schon in seinen Mondo-Filmen gezeigt haben (was ja nicht weiter verwunderlich wäre), und ergänzt sich natürlich perfekt mit dem Stoff der Candide-Geschichte. Dabei transzendiert er Länder und Zeiten; ob ein Krieg im Mittelalter, in Irland oder in Israel stattfindet, ob sich Menschen um Sex, um Religion oder um sonst etwas zoffen, scheint Jacopetti vollkommen Wurscht zu sein: Es ist alles derselbe abstoßende Brei.

Wie gesagt, der Film mag in seinen Überspitzungen oft etwas übertreiben und so häufig albern wirken; es mangelt ihm vielleicht an Subtilität – aber sein Ton passt perfekt zum Stoff. Und er ist, wie auch der Roman von Voltaire, sowohl inspirierend, aussagekräftig und zugleich unglaublich unterhaltsam. Und er ist visuell sehr interessant: Immer wieder spielt er mit verzerrenden Weitwinkelaufnahmen, kaleidoskopartigen Spiegelungen – wodurch die Opulenz seiner Kulissen, Kostüme und sonstigen Gestaltungen erst richtig herausgearbeitet wird.

Um einen Eindruck zu gewinnen, empfehle ich daher auch den unten eingebetteten Trailer.

107 Min.

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Ein Kommentar zu “Mondo Candido (1975)

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 11. März 2012 von in Filme und getaggt mit , , , , , , , , , , , , .
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