Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Salomé, Salome, Salomè (1923, 1988, 1972)

Nachdem Herr Fräulein Himbär und ich am Freitag die heimische Stube verließen, um uns Charles Bryants und Alla Nazimovas Camp-Klassiker Salomé (1923) in einer großartigen, live-vertonten Vorstellung im Kino Arsenal anzusehen, entschlossen wir uns, am Sonntag einen kleinen Salome-Thementag mit zwei weiteren Verfilmungen des Oscar-Wilde-Stücks zu veranstalten. Unter – laut IMDb – mindestens 25 Verfilmungen fiel unsere Wahl dabei auf Ken Russells Salome’s Last Dance (1988) und Carmelo Benes Salomè (1972)*.

Und es war eine gute Wahl. Drei Verfilmungen, jede von ihnen grell und schrill und bombastisch; und doch so unterschiedlich, wie sie nur sein konnten. Jede Verfilmung eine explodierende Enzyklopädie der Überschwänglichkeiten, des Kitsches, des Camp.

Leider, das sollten wir zugeben, kannten weder Herr Fräulein Himbär noch ich die Vorlage von Oscar Wilde – geschweige denn die entsprechende Stelle in der Heiligen Schrift (gottlose Heiden, die wir nun einmal sind). Aber nach den ersten beiden Filmen reichte unser Überblick über die wesentlichen Elemente der Geschichte, um sogar die unfassbar kryptische Version Carmelo Benes zu begreifen – aber mehr dazu später.

Salomé, Prinzessin von Judäa, von allen begehrt und zugleich gefürchtet, verguckt sich ausgerechnet in den zölibatären Propheten Johannes (den Täufer), der von ihrem Stiefvater Herod in den Kerker gesperrt wurde. Johannes trotzt jedoch ihren Verführungsversuchen und beleidigt stattdessen Salomé und ihre Mutter Herodias. Herod, gelangweilt von seiner Frau und bedenklich inzestuös an seiner Stieftochter interessiert, verspricht Salomé die Erfüllung eines beliebigen Wunsches, wenn sie einen erotischen Tanz für ihn aufführt. Entschlossen, Johannes‘ Lippen doch noch einen Kuss aufzuschmatzen, erklärt sich Salomé dazu bereit und verpflichtet Herod, ihr einen diabolischen Wunsch zu erfüllen: Man bringe ihr den Kopf Johannes des Täufers, verlangt sie – serviert auf einem Silbertablett. Der verblüffte Herod jammert, hadert und verhandelt zunächst, da er von Johannes‘ besonderer Beziehung zu Gott überzeugt ist, bis er letztlich doch kapituliert. Salomé erhält ihren gewünschten Kopf, drückt ihm ihren Kuss auf die Lippen, und wird schließlich auf Befehl Herods von Soldaten getötet.

Alla Nazimova und ihre expressive Mimik

Charles Bryants und Alla Nazimovas Salomé lief passenderweise als Teil der Reihe Camp/Anti-Camp im Berliner Arsenal, einer vorbereitenden Filmreihe zur gleichnamigen, mehrtägigen Veranstaltung im HAU. Zum ersten Mal hörten Herr Fräulein Himbär und ich dort auch eine der regelmäßigen Film-Einführungen der Stummfilmexpertin und Performance-Künstlerin Vaginal Davis, deren Auftritt, ja, durchaus zum Ethos des Films passte. Salomé besitzt durch seine angeblich vollständig homosexuelle Schauspielerbesetzung, seine homoerotischen Untertöne, und, naja, als Oscar-Wilde-Verfilmung, einen gewissen Kultstatus in der queeren Community (Hauptdarstellerin Nazimova wurde laut Davis sogar zu einer lesbischen Ikone erhoben). Auch zwischen Kulissen, Kostümen und der Mimik Nazimovas bildet sich ein enormer Camp-Faktor. Alles besticht durch seine Maßlosigkeit, alles wird irgendwie etwas zu weit getrieben: Man denke an die Darstellung der Macht Salomes, die ihre Untergebenen durch ihren schieren Blick in den mentalen Abgrund stürzt. Man wirft sich vor ihr auf den Boden, um sie anzusprechen; man behandelt sie wie eine gottgleiche Figur, die in jedem Moment über Leben und Tod entscheidet – alles wird durchdrungen von einer Atmosphäre unbeschränkter Macht und Authorität, was die Verweigerung Johannes‘ natürlich noch großartiger macht.

Obwohl diese Darstellung natürlich häufig an eine unfreiwillige Komik grenzt, ist Salomé nicht in diesem Sinne campig. Seine Over-The-Top-Theatralik macht ihn nicht lächerlich; man lacht zwar über seine unfreiwillige Komik, aber man verlacht den Film nicht. Es ist ein guter, manchmal surrealer, außergewöhnlicher Film. Zu würdigen ist auch die großartig noise-drone-ige musikalische Begleitung bei der Vorführung im Arsenal von John und Tim Blue. 74 Min.

Obwohl nicht chronologisch folgend, sahen wir als Nächstes Salome’s Last Dance, Ken Russells Version der Geschichte – und überraschenderweise begegnen wir hier zunächst Oscar Wilde, dem Verfasser des Salomé-Stücks, in einem Londoner Hurenhaus. Und Oscar Wilde wäre ja nicht Oscar Wilde, hätte er nicht ständig den nächsten Wortwitz auf den Lippen – und so rattert er ein Zitat nach dem anderen herunter… eine Charakterisierung, die in diesem Film vielleicht etwas zu weit getrieben wird. Ich jedenfalls musste bei der doch sehr bemühten Art dieses Wildes zeitweise an einen themenverwandten Monty-Python-Sketch denken.

Nun ja, aber schließlich war der ewig wortwitzelnde Oscar Wilde nicht der Mittelpunkt des Films. Wir folgen ihm – wie erwähnt – in ein Bordell, wo sein soeben von den Londoner Bühnen verbanntes Stück Salomé für ihn allein, in einer Privatvorstellung, aufgeführt wird – mit dem Bordellbesitzer als Herod, dem Dienstmädchen als Salome und der restlichen Puff-Entourage in den Nebenrollen. Während hier die Hierarchien nicht derart krass dargestellt werden wie in dem Film von 1923 fällt in Ken Russells Verfilmung insbesondere die offene Zurschaustellung der theatralen Requisiten ins Auge: Da rutscht Herod auf einer roten Plastik-Blutpfütze aus, da ersetzt der Schacht des Speiseaufzugs den Kerker des Johannes, und der Sitzplatz des einzigen Zuschauers, Wildes, wird mehr und mehr in das Spektakel integriert. Passend zum Bordell-Setting verschiebt sich die ganze Art der Darstellung (noch weiter) zum Karnevalesken: Salome wird nicht mehr als gottgleiche Autoritätsfigur, sondern vielmehr als schalkhaftes, irgendwie boshaftes Mädchen verkörpert, Herod ist ein dicker, ängstlich-feiger Kerl, der befürchtet, Jesus könnte den ersten Ehemann seiner Frau wiederauferstehen lassen, und der einen Tanz aufführt, um zu zeigen, wie glücklich er doch ist; und seine Frau bzw. Salomes Mutter, Herodias, ist eine Nymphomanin; und die jüdischen Gelehrten sind albern und kleinwüchsig… es erinnert sehr an Fellinis Satyricon (1969) und wird damit der Absicht des ursprünglichen Oscar-Wilde-Stoffs unter den drei Filmen vermutlich am ehesten gerecht. 89 Min.

Und dann kam Carmelo Bene und seine Interpretation der Salomè aka Neon Vampires. Mehr zu diesem Titel später. Herr Fräulein Himbär und ich hatten diesen Film bereits einmal zuvor angefangen, vor einigen Monaten, als wir mit dem Stoff noch nicht vertraut waren… es war ein Fehler. Denn selbst mit dem Vorwissen, wer Salome war und was sie tat und wer was sagt und wer wann wie reagiert und so weiter und so weiter, selbst mit all diesen Informationen ist Benes Salomè keine leichte Kost.

Wie lässt sich Benes Salomè am besten beschreiben? Man erschaffe einen Raum ohne innen und außen, man fülle ihn mit Wasser und bunten Kristallen; man beschmiere seine Schauspieler mit Leim und lasse sie sich durch einen bunten Scherbenhaufen wälzen; man erwecke Friedensreich Hundertwasser wieder zum Leben, man gebe ihm LSD und man lasse ihn zusammen mit Andy Warhol in tausenden Fässern voller Neonfarben spielen und die beiden damit Las Vegas bombardieren, während dabei Fetzen von Wildes literarischer Vorlage durch die Luft fliegen, aufeinanderprallen und irgendwie das Hinzufügen eines vampirischen Jesu Christis rechtfertigen; man filme diese Vorgänge durch ein rotierendes Kaleidoskop; man drehe den Filmstreifen durch einen Fleischwolf und klebe ihn wieder zusammen; man lasse drei Tonbandgeräte mit Aufnahmen aus dem Stück und italienischer Popmusik simultan laufen – man sehe und höre sich das Ergebnis an, und damit bekäme man vielleicht eine Vorstellung davon, was Carmelo Bene in seinem Salomè angestellt hat.

Seine Salomè ist nun wieder ein ganz anderer Charakter – keine furchteinflößende Halbgöttin, kein schelmisches Mädchen, sondern eine eigenartige, para-menschliche Kreatur, gespielt vom glatzköpfigen, skelettartigen Kult-Modell Donyale Luna (u.a. bekannt durch … wer hätte das gedacht: Satyricon), mit einer ebenso para-menschlichen Aussprache der italienischen Sprache. Sexuelle Untertöne werden hier nicht nur an die Oberfläche gebracht, sie werden zu einem bunten sexuellem Gebrüll; und der Film wäre angesichts all seiner nackten Haut fast eine Art Soft-Porno; aber angesichts seiner restlichen Qualitäten ist er das, ein Soft-Porno, nein, nun wirklich, wirklich, wirklich nicht.

Seine Farbfelder sind so schreiend grell, dass man die Personen und Objekte auf einzelnen Bildern zunächst nur schwierig erkennen kann; was umso komplizierter wird, da nicht nur die Kamera in konstanter Bewegung ist, sondern der Film außerdem auch kaum eine Einstellung länger als 3 Sekunden beibehält – und wäre das Leben ein Cartoon, würden selbst noch so MTV-trainierte Augen angesichts dieses neonbunten Farbengeflickers aus ihren Augenhöhlen springen und explodieren. Die Schnelligkeit des Schnitts, die hyperaktive Kameraführung, die schreienden Neonfarben, das konfuse italienische Durcheinandergerede… all das macht Salomè zu einem unfassbaren Mind-Rape.

So ist dieser letzte Film aus der Liste auch nicht unbedingt empfehlenswert – ich bin mir selbst nicht sicher, ob ich ihn wirklich mochte. Aber, auch wenn ich dieses Wort hier viel zu häufig benutze: Salomè ist definitiv einzigartig, insbesondere als literarische Adaption. Ich möchte jedem davon abraten, ihn ohne Vorwissen zu sehen, denn dies würde entweder ein masochistisches Durchhaltevermögen oder eine vollkommen unbeschwerte Faszination für ein reines, fast anderthalbstündiges Farbgewitter erfordern. Aber wer es möchte, kann es natürlich probieren. 73 Min.

Und so ging ein wunderbares Themenwochenende dahin. Sollten wir noch weitere Salomé-Verfilmungen sehen, werde ich diesen Artikel einfach aus der Versenkung kramen und aktualisieren.

Die drei hier genannten Salomés gibt es übrigens alle als ganze Filme bei youtube (s.u.)!

___________________

* Die Akzent-Variation é-e-è ist tatsächlich reiner Zufall.

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2 Kommentare zu “Salomé, Salome, Salomè (1923, 1988, 1972)

  1. Manfred Polak
    3. September 2012

    Sehr interessanter Vergleich! Bei der Version von und mit Alla Nazimova (die wohl mehr oder weniger selbst inszeniert hat, während Bryant kaum mehr als ein Strohmann war), hat mich vor allem das kühne Design von Natacha Rambova beeindruckt, das sich an den Zeichnungen von Aubrey Beardsley orientierte, die die erste englische Ausgabe von Wildes Stück zierten. Und natürlich die Frisuren. Du meine Güte, diese Frisuren!

    Den Film von Russell kenne ich nicht, dazu kann ich nichts sagen, und den von Bene (und einen weiteren von ihm) hab ich gerade hier selbst besprochen. Mit den engl. Untertiteln war es auch nicht so schwer, der Handlung zu folgen. Kennt ihr eigentlich wirklich eine 80-minütige Version? Die YouTube-Fassung, die ihr da eingebettet habt, dauert ja auch nur 73:20, genau wie die italienische DVD.

  2. Pingback: Sebastiane (1976) « Stubenhockerei

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