Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Sieben Dada Manifeste (1916-1927)

Was zum Teufel ist eigentlich Dada?

Ist es eine Vorstufe zum viel bedeutenderen Surrealismus?

Ist es das Wahre, ist es das Falsche, ist es ein Pfannkuchen?

Ja, ja, nein, nein, nichts, alles, und so weiter. Wir wissen wirklich nicht viel von Dada.

Vor nun bald hundert Jahren, noch während des ersten Weltkrieges, entstand in Zürich (ja wirklich, in dem Zürich) die informelle Dada-Bewegung – und ich habe zumindest das Gefühl, dass dieser Bewegung, insbesondere im Vergleich zum Surrealismus, momentan nur sehr wenig Beachtung geschenkt wird (wie viele Seminare gab es an meiner Uni zum Surrealismus? Wie viele behandeln Dada lediglich als eine Art unvollständige Vorstufe des großen S.?). Um einen kleinen Einblick in die Bewegung und, im Allgemeinen, die Idee hinter Dada zu gewinnen, möchte ich Tristan Tzaras wunderbares kleines Büchlein Sieben Dada Manifeste empfehlen. Darin sind, wie der Titel schon sagt, sieben Manifeste zu Dada, sowie auch ein Vortrag und zwei Essays Tzaras vereint.

Wem der Name nichts sagt: Tristan Tzara alias Samy Rosenstock, ein in seiner Heimat verachteter Rumäne im französischen Exil, war eine der Schlüsselfiguren sowohl der Zürcher als auch der Pariser Dada-Gruppe. Seine sehr unterschiedlichen Texte reichen von absurdistischen Sprachspielen über polemische Bürger-Provokationen bis zu klassischen Erinnerungen an die Bewegung – und ihre äußerst gelungene Zusammenstellung in diesem Büchlein folgt weniger einer exakten Chronologie als einer argumentative Form: So beginnt der Text mit einer noch sehr verständlichen Erklärung des Selbstverständnisses der Dadaisten, die in den darauf folgenden, stärker künstlerisch verfremdeten Manifesten widerhallt, und schließt mit einer kurzen Erinnerung an den Beginn, die Entwicklung und den Untergang der Bewegung. Die Entscheidung zur Auswahl und Reihenfolge erfolgte übrigens durch Tzara selbst, der das Buch in dieser Form Ende der 1920er Jahre, also lange nach dem Ende der Bewegung, publizieren ließ.

Tzara wird nachgesagt, der düstere Gegenpart zum eher spielerischen Hans Arp gewesen zu sein – und tatsächlich werden die Texte stets von einem starken Nihilismus durchdrungen:

„Die Geschehnisse des Lebens haben weder Anfang noch Ende. Alles verläuft auf sehr idiotische Weise. Deswegen ist alles gleich. Die Einfachheit heißt Dada.“

Aus diesem Nihilismus folgt für ihn mal eine spielerische Gleichgültigkeit, mal eine aggressive Ablehnung gegenüber den Konventionen der Gesellschaft, der Kunst und der Philosophie. Alles nur Geschwätz, scheint er sagen zu wollen, und an manchen Stellen empfiehlt er, diese Erkenntnis achselzuckend (fast Zen-esk) hinzunehmen, an anderen schimpft er darüber, empört sich, beschreibt seinen „Ekel“, und kommt erst durch diesen spürbaren Hass zu voller Größe – er ist darin widersprüchlich, und er ist sich dessen bewusst. Es stört ihn nicht.

Obwohl er anscheinend eher die Absicht des Achselzuckens verfolgt (d.h. sich von den Konventionen der [für ihn] blödsinnigen Konventionen der Kunst und Philosophie zu befreien), sind seine Texte dort am besten, wo er seiner Wut und Verachtung freien Lauf lässt. Er liefert wunderbare, teils schreiend komische Parodien auf die heiligen Institutionen des Bürgertums; aber auch auf das menschliche Denken, auf die Logik, die Beobachtung, die Moral… er entlarvt sie als Produkte des Zufalls, als Beschränkungen und als lächerliche Verpackungen für die Vorurteile der jeweiligen Personen. Ja, das ist alles nicht neu – aber man beachte einerseits die Zeit, zu der Tzara schrieb, und andererseits die poetische Form, in die er seinen Hass verpackt: Spätestens seit Thomas Bernhard oder E.M. Cioran, die inhaltlich eigentlich auch nur nihilistische Banalitäten von sich gegeben haben, wissen wir, dass in diesen Fällen oft weniger der Inhalt als seine Form die Erkenntnis ausmachen. Man erfährt durch Bernhard nicht, dass Österreich, die Menschheit und die Existenz ein Scheißdreck sein kann (ohne dieses Bewusstsein würde man ihn vermutlich gar nicht lesen [wollen]), sondern, wie sich das Denken über diese Einsicht anfühlen kann. Sie verschaffen keine neue Erkenntnis, sie vertiefen das bereits Bekannte.

„Sich ergänzen, sich in der eigenen Kleinheit vervollkommnen, bis man das Gefäß seines Ichs ausfüllt, Mut, gegen und für das Denken zu kämpfen, Geheimnis des Brotes plötzliches Rotieren des infernalischen Propellers mit ökonomischen Lilien: Die dadaistische Spontaneität.“

Ebendies schafft auch Tzara – durch seine Mischung aus erklärenden und spielerischen Textteilen lässt er uns Dada und den ihm zugrundeliegenden Dada-Nihilismus spüren. Er ähnelt damit oft mehr einer avantgardistischeren Version von Cioran oder Nietzsche als seinen Dada-Kollegen Arp oder Schwitters.

„Ich bin gegen Systeme, das annehmbarste System ist es, aus Prinzip keins zu haben.“

Wie gesagt: Tzara hat überhaupt nicht vor, ein philosophisches System mit Anspruch auf Wahrheit und universelle Gültigkeit zu schaffen. Überhaupt nicht. Selbst eine Figur wie Nietzsche würde ihn vermutlich extrem nerven, zumindest in weiten Teilen. Seine Texte sind aber nicht rein literarisch-künstlerisch, es schwingt, und das gefällt mir an ihnen, fast immer eine argumentative Komponente mit.

„Ich finde mich trotzdem sehr sympathisch.“

Ich dich auch, Tristan.

Sieben Dada Manifeste erscheint auf Deutsch beim Verlag Edition Nautilus in einem reich bebilderten, sehr liebevoll gestalteten Büchlein – welches allerdings leider etwas schlecht geklebt zu sein scheint, da sich die Seiten beim weiten Aufklappen des Büchleins schnell aus ihrer Bindung lösen. Aber Edition Nautilus ist ein unabhängiger kleiner Verlag mit einem sehr schönen Programm, eine leider immer rarer werdende Gattung in der deutschen Verlagslandschaft; da verzeiht man so etwas natürlich gerne.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 28. März 2012 von in Literatur und getaggt mit , , , , , , , , , .
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