Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Midnight Cowboy (1969)

Howdy, Ma’am,
I’m brand, spankin‘ new in this here town,
and I was hopin‘ to get a look at the statue of liberty.

…sprach Jon Voigt, strahlend, Cowboyhut auf dem Kopf, zu der adretten Dame auf der Park Avenue. Aber Jon Voigt will nicht wirklich zur Freiheitsstatue.

Es ist die alte Geschichte: Der Junge vom Lande kommt in die Großstadt, um seinen Lebenstraum zu verfolgen. Dumm und naiv stellt er sich an, versaut sich seinen Anfang… doch dann lernt er jemanden kennen, und plötzlich, ja plötzlich scheint es bergauf zu gehen. Denn dieser Jemand kennt einen anderen Jemand, und er schickt ihn zu diesem anderen Jemand, und der bedroht ihn mit einem Plastikjesus… und dann geht es wieder bergab.

Nun ja, vielleicht ist es auch eine Frage des jeweiligen Lebenstraums – denn Jon Voigts Figur, der kernige Cowboy Joe Buck, will nicht einfach Schauspieler, Schriftsteller, Präsident, Ballerino oder ähnliches werden, nein, Joe will reiche Damen gegen Geld beglücken. Womit sich auch die Frage nach der Freiheitsstatue erklärt.

Aber Joe hätte sich das alles viel einfacher vorgestellt: Da weiß seine erste Kundin überhaupt nicht, dass SIE ihn bezahlen soll, und letztendlich fließt das Geld tatsächlich in die andere Richtung; und nicht einmal die homosexuelle Prostitution eröffnet eine ordentliche Erwerbsquelle für Joe – und alles wäre vollends aussichtslos, wäre da nicht der schon erwähnte Jemand, der humpelnde und kränkelnde Enrico „Ratso“ Rizzo (gespielt von Dustin Hoffman), der Joe zwar zunächst um sein letztes Geld betrügt, aber schließlich doch zu seinem einzigen Freund im Moloch wird…

Und hier setzen sich die Träume fort; während Joe damit beschäftigt ist, immer und immer wieder sein Glück als Gigolo zu versuchen, träumt Ratso von seinem persönlichen Garten Eden, dem Staat Florida, der umso mehr zu seinem geistigen Zufluchtsort wird, je mehr sein langsam zerfallender Körper ihm versagt – bis der Film schließlich in den Tod der großen Hoffnungen und Träume mündet.

Man kann den Film wie einen Bildungsroman betrachten, eine Coming-of-Age-Geschichte, in der sich der junge Joe Buck (etwas verspätet) durch die Vernichtung seiner „kindlichen“ Hoffnungen zu einer reifen, mündigen Person entwickelt – man kann ihn als Angriff auf die uramerikanische Geschichte vom American Dream sehen (nicht umsonst beginnt Joes Geschichte als Tellerwäscher); die Interpretationsmöglichkeiten sind vielfältig. Aber was an diesem Film vielleicht am meisten fasziniert ist die Beziehung zwischen Joe und Rizzo, dieser gescheiterten Existenzen, die sich zum Ende des Films sogar zu einer (asexuellen) Form von Liebe entwickelt. Ihr Verhältnis; eine Poesie des Versagens.

Schön gedreht und großartig musikalisch unterlegt. 113 Min.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 3. Mai 2012 von in Filme und getaggt mit , , , , , , , .
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