Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

pier paolo pasolini, {1967} edipo re

» Edipo Re

[Silvana Mangano (dieser Name! ♥!) – eine unruhige, vergnügte Kamera – Baumwipfel – der Blick des jungen Vaters (dieser Blick! – traurig, befremdlich) – ein schauspielerisch wahrhaft talentiertes Kleinkind]

[eine karge, einfarbige Wüstenlandschaft – Menschen in phantasievollen Kostümen voller Farbenpracht – Ödipus und die Entfaltung seines Schicksals]

[ein blinder Landstreicher im Bologna der 6oer Jahre]

 – – – – –

Pasolinis Version der Ödipus-Geschichte spielt in zwei verschiedenen Epochen: im zwanzigsten Jahrhundert – welches wiederum auf die Zeit vor dem zweiten Weltkrieg und auf die 6oer aufgeteilt ist – und in der griechischen Antike; allerdings wirkt dieser mittlere Teil des Films, als spiele er in einem Paralleluniversum, auf einem fremden Planeten. Die Landschaft ist so karg, einfarbig und lebensfeindlich, wie man sie sich auf fremden Planeten anzutreffen vorstellt (und nicht nur vorstellt! siehe Mars), die sich darin bewegenden Menschen tragen farbenfrohe, phantasievolle Klamotten und opulente, unnötige Accessoires und Waffen, die wirken, als seien sie zum Kampfe eigentlich unbrauchbar. Zuweilen war ich mir, wie schon bei Pasolinis Medea, unsicher, ob mir das alles nicht zu übertrieben, zu überladen, sei. Aber Pasolini schafft es einfach, trotz all der Opulenz, die mich z.b., auch angesichts all der Kopfputze, an Nazimovas Salomé erinnerte, nicht kitschig zu werden. Sogar wenn er sich selbst ein Muschelgeflecht um’s Gesicht hängt, behält er jegliche Würde. Irgendwie haftet ihm immer etwas wahrhaftiges an, etwas das ihn Lächerlichkeit gegenüber immun macht. Vielleicht wird die Opulenz des Individuums auch durch die minimalistische Landschaft und die schmucklosen Räume aufgewogen, die fast wie eine Theaterbühne wirken.

Pasolinis generelle visuelle Grandiosität muss man eigentlich gar nicht mehr erwähnen. Erwähnenswert ist allerdings Pasolinis Blick für Gesichter: Silvana Manganos (Iocasta) bleiches, augenbrauenloses, ewiges Gesicht, Franco Cittis (Ödipus) fleischiges und doch wie geschnitztes Gesicht, Francesco Leonettis aufdringliche Augen, Julian Becks hypnotischer, wölfischer Mund und die puppenhaften Augen dieses Mannes… Und diese Gesichter zeigt er häufig und sehr ausgiebig, was den Schauspielern nicht weh tut und auch keinen übermäßigen Pathos verursacht.

Ich brauche manchmal ein wenig Überwindung, um mich auf Pasolini einzulassen, vor allem bei Filmen wie Medea oder eben Edipo Re, weil ich von Verfilmungen antiker Werke meistens etwas anderes gewohnt bin. Pasolinis Verfilmungen wirken, im Gegensatz zu den meisten antiken Epen, sehr zeitlos, wirken wesentlich, wirken schmerzerfüllt (Lebensschmerz; kein düsterer, mythischer, unerklärlicher, sondern einfach Lebensschmerz  – im Sinne von: vom Leben abgeriebene Haut, von Wiederkehrendem angenagtes, bis zum Knochen durchgenagtes Fleisch, das Hämmern im Gehirn (wie traurig, wie gemein doch eigentlich die Ödipus-Geschichte ist; das unentrinnbare Schicksal ist nicht der Vatermord und auch nicht die Beschlafung der Mutter, sondern die Unentrinnbarkeit des „geschenkten“ Lebens, des Lebens, das einem ungefragt aufgezwungen wird – ohne Scham)) und vor allem, trotz all der Kostüme, nicht wie Kostümfilme und an Sandalen kann ich mich spontan auch nicht erinnern.

(Deutscher Titel: Bett der Gewalt)

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 5. Mai 2012 von in Filme und getaggt mit , , , , .
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