Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

The Ossuary (1970)

Von Jan Švankmajers kleinem Film The Ossuary (Kostnice) existieren zwei Versionen: Die ursprüngliche Version unterlegt Bilder des knochenverzierten, morbiden Sedletz-Ossariums im tschechischen Kuntá Hora mit dem bla-nalen Gequatsche eines Tourguides, der zu einer nicht minder deplatziert wirkenden Schulklasse zu sprechen scheint – doch diese Version war den staatlichen Zensoren anscheinend zu „kritisch“, sodass Švankmajer eine zweite, mit gespenstischem Gesang unterlegte Version schuf, die schließlich genehmigt wurde. Dieses Vorgehen erscheint selbst für kommunistische Sitten- und Ordnungswächter relativ hart – hinter der Diskrepanz zwischen andächtig-morbiden Bildern und dem dummen Gerede steckt schließlich weniger „Kritik“ am kommunistischen System denn an dem trivialisierenden Umgang des „einfachen“ Tschechen mit einem so komplizierten Kulturgut wie dieser mit Knochen gefüllten Kirche – aber hierbei sind zwei Dinge zu bedenken: 1) Wurde der Film kurz nach dem Prager Frühling gedreht, d.h. unter einer äußerst sensiblen Zensur und, noch wichtiger, 2) wurde der Film zu Ehren des hundertjährigen Bestehens des künstlerischen Arrangements der Gebeine durch František Rint vom Staat in Auftrag gegeben – und wahrscheinlich würde man zu einem solchen Anlass auch heute keine Version akzeptieren, die sich über die offiziellen Führer lustig macht.

Damit wären also die Umstände erklärt – es sollte jedoch bemerkt werden, dass die zweite Version, obgleich sie natürlich auf den Witz des ursprünglichen Films verzichten muss, ein wunderbares formelles, sehr sehenswertes Experiment darstellt. Švankmajer fängt den Ort mit Hilfe seiner schnellen, kollagenhaften Schnitte perfekt ein, ohne jemals einfach nur monoton abzubilden – es ist eine großartige, kurze und knappe Dokumentation.

An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass Herr Fräulein Himbär und ich im Rahmen unserer (schon in einer vorherigen Notiz erwähnten) Reise auch das Ossarium in Kutná Hora besichtigten. Natürlich ist man an einem solchen Ort nicht allein; insbesondere, da der Raum nicht nur sehr berühmt, sondern auch sehr klein ist – und tatsächlich hätte ich mir das dumme Gequatsche des Švankmajer’schen Tourguides gewünscht, denn schlimmer als die lauten, furchbaren Sensationstouristen, die man dort antraf, ist kein noch so blöder Monolog (Und ja, ich bin mir vollkommen bewusst, dass auch wir nur weitere Touristen darstellen, die diesen Ort mit unserer banalen Anwesenheit besudelten – aber wenigstens waren wir nicht laut) – und so war es für mich auch vollkommen unmöglich, irgendetwas von diesem Ort für mich mitzunehmen. Die Knochen hätten auch aus Ton oder Plastik oder Pappmaché sein können, es hätte die gleiche Wirkung auf mich gehabt – natürlich ist die Geschichte des Ortes faszinierend… aber letztlich hätte ich sie auch zuhause lernen können. Der Film war mal wieder besser als die dumpfe Realität – also deshalb in Zukunft wieder: Viva la [Stubenhockerei]!

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Ein Kommentar zu “The Ossuary (1970)

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 24. Mai 2012 von in Filme, Kurzfilme und getaggt mit , , , , , , .
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