Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Golem, Golem (B: 1914, F: 1980)

Der Golem, das Buch: Es ist schon sehr traurig, wenn der Klappentextschreiber eines renommierten Verlags – wie, in diesem Fall, des Fischer-Verlags – das Buch, welches er dem Leser schmackhaft machen soll, überhaupt nicht gelesen zu haben scheint: Nach einer recht vagen Inhaltsangabe reproduziert der Text auf der Rückseite der Fischer-Ausgabe von Gustav Meyrinks Der Golem (1914) die oft anzutreffende Fehlinformation, der Stummfilmklassiker Der Golem, wie er in die Welt kam von Paul Wegener und Carl Boese (1920) sei eine „Verfilmung“ von Meyrinks Roman – und das ist, obwohl es sich auch in der englischen Wikipedia und auf unzähligen Blogs findet, vollkommener Blödsinn.

Meyrinks Roman ist die vielleicht bekannteste literarische Bearbeitung eines wesentlich älteren Mythos, auf dem, unabhängig von Meyrinks Buch, eben auch der berühmte Stummfilm basiert. Die Inhaltsangabe zu Meyrinks Der Golem fasst diesen Mythos und somit auch dem Inhalt des Films recht knapp zusammen, was darauf hindeutet, dass der erwähnte Klappentextschreiber wenigstens den Film gesehen haben dürfte. Ihm schien hingegen nicht bewusst, dass sich Meyrink – im Gegensatz zu Wegener und Boese – denkbar weit von einer reinen Neuauflage des ursprünglichen Mythos entfernt: Der Golem ist die Beschreibung eines sich im Prager Judenviertel abspielenden Traumes, bei dem die Geschichte des Golems fast nur eine Hintergrundgeschichte bildet – die Hauptfigur des Traumes, Athanasius Pernat, steht in einer mysteriösen Beziehung zur Figur des Golems; mal wird er für den Golem gehalten, der angeblich nach 33 Jahren wieder im Ghetto umhergeht; mal träumt er sich (Traum-im-Traum) in die geheimnisvolle Kammer des Golems, dann sieht er sie auch außerhalb seines Traumes – aber wie gesagt, es ist eher ein Hintergrundmotiv, welches die fragmentarischen Haupthandlungen miteinander verstrickt: Pernat wird in verschiedene komplizierte Affären involviert; zwischen dem verarmten und verrückten Studenten Charousek und seinem Erzfeind, dem diabolischen Trödler Aaron Wassertrum; der (Wassertrum) wiederum eine ihren Ehemann betrügende Frau bedroht, und dessen Sohn, der Zahnarzt Dr. Wassory ein seltsames Spiel mit seinen Patienten treibt; zwischen dem Archivar und (anscheinend) Kabbalisten Hillel und seiner Tochter Mirriam und zwischen den seltsamsten Figuren der Prager Unterwelt…

Ja, der Roman spielt in Prag (und nicht, wie auf diversen anderen Blogs behauptet „someplace in Germany“), sein Stil ist expressionistisch, es passieren unerklärliche, seltsame Dinge und ja, es gibt sogar eine Verhaftung und einen absurden Prozess und nun wissen wir natürlich alle, an wen uns das erinnert: Milan Kundera.

Was bin ich heute albern – nein, natürlich nicht Kundera. Vom Bildungssystem Pavlov’sch konditioniert, wie wir es nun einmal sind, speicheln unsere Hirne den Namen Franz Kafka – und daran ist offensichtlich nichts auszusetzen, und tatsächlich sollen Kafka und Meyrink befreundet gewesen sein – aber ihr Stil könnte unterschiedlicher kaum sein: Kafka schafft seine Welt scheinbar aus dem Nichts, aus einer Verfremdung seiner eigenen Realität, wohingegen Meyrink uns ein Wirrwarr an literarischen, geschichtlichen und mythologischen Anspielungen liefert – sicher ist Meyrink auch (im Gegensatz zu Kafka) bei Esoterikern so beliebt, weil er sich offen zwischen den Eckpfeilern der modernen alternativen Mythologie – zwischen Kabbala, Buddhismus und Tarot – bewegt. Der Golem ist gewissermaßen auch eine Verarbeitung dieser Einflüsse in Form eines Schauerromans mit expressionistischen Elementen – was sich weniger zu einem „eigenständigen“ Stil zusammenfügt als die Prosa Kafkas.

Dies soll aber keine wertende Gegenüberstellung sein. Auch Meyrink gelingt es, eine eigene, spezifische Erzählwelt zu erschaffen; er ist im Grund nur sehr von Kafka verschieden – ein Vergleich ist meiner Meinung nach kaum sinnvoll. Meyrink erschafft eine unheimlich dichte Atmosphäre – ein dunkles, verwinkeltes Prag; in dem die Häuser sich ständig zu verschieben scheinen; eine Welt des Verborgenen – diese Motive sind für einen Schauerroman natürlich typisch, aber Meyrink bringt uns dazu, sie in ihrer vollen Breite und Tiefe auszukosten, ohne sie jemals als stereotyp zu empfinden. Vieles bleibt unerklärt und unverständlich, Erklärungen werden einfach ausgelassen – es ist ein, wie schon erwähnt, fragmentarischer Stil, der immer wieder durch Geschichten-in-der-Geschichte und durch Verstrickungen zwischen diesen Geschichten und der eigentlichen Handlung angetrieben wird.

Die Charaktere sind ebenso rätselhaft – immer wieder spielt der Text mit Dualismen, die aus dem verrückten Charousek ein Genie, aus dem abstoßenden Wassertrum einen Engel usw. machen. Alle Figuren sind irgendwie ambivalent; sowohl in ihren Beziehungen zu Pernat, als auch in ihren Persönlichkeiten – und Carl Gustav Jung wird – falls er das Buch kannte – sicherlich seine Freude mit ihm gehabt haben…

Ach, es gibt im Grund viel zu viel zu diesem Buch zu schreiben – und wie gesagt, Meyrink macht es uns, durch die vielen offenen Verweise auf Religion und Mythologie im Prinzip sehr einfach, das Buch um verschiedene Inhaltsebenen zu erweitern – möglicherweise würde sich dabei herausstellen, dass es im Grund recht flach, ein simples Amalgam aus seinen vielen Einflüssen ist – ich weiß es nicht, mir fehlt das Wissen, um eine solche Aussage zu treffen. Für mich wird einiges in dem Buch ein Rätsel bleiben, ich habe einiges nicht verstanden und so wird es bleiben – und es gefällt mir so.

Um noch ein letztes Mal zu der Fischer-Ausgabe zurück zu kommen: Neben einem passenden Klappentext fehlt bei ihr auch ein Hinweis auf die Lithographien von Hugo Steiner-Prag, die die Erstausgabe des Buchs illustrierten. Sie sind – zumindest teilweise – auf dem flickr-Fotostream des Center for Jewish History in New York zu sehen (Das Artikelbild ist dieser Sammlung entnommen).

Golem, der Film: Also, wie gesagt: Der Film Der Golem, wie er in die Welt kam von 1920 hat mit Meyrinks Roman Der Golem von 1914 ungefähr so viel zu tun wie, ich weiß nicht, Moby Dick mit Moby oder Groucho Marx mit dem Kommunistischen Manifest… Na gut, etwas enger ist der Zusammenhang vielleicht schon, aber bessere Beispiele habe ich gerade nicht parat. Der Zusammenhang ist jedenfalls ziemlich lose.

Anders verhält es sich bei dem Film Golem des polnischen Regisseurs Piotr Szulkin von 1980: Dieser ist zwar keine Verfilmung des Roman (zeitlich spielt er in einer Mischung aus den 1980er Jahren und der Zukunft, örtlich in einem Warschauer Hinterhof), greift aber zahlreiche Elemente auf; er vermengt oft die Charaktere, zerschnippselt die Dialoge und vertauscht die Handlungen – er ist aber auch ähnlich fragmentarisch und schafft es insbesondere, die grotesken Elemente des Romans zu verarbeiten. Auch hier wissen wir bis zum Ende nicht gänzlich, ob Pernat der Golem ist, ob er sein Doppelgänger (übrigens auch eines der Motive des Romans) ist, ob der Golem überhaupt existiert – und auch sind es eher die übrigen Verstrickungen, die hier – des Names zum Trotz – die Haupthandlung bilden.

Auch hier fehlt mir vielleicht das Hintergrundwissen, um die rätselhaften Aspekte des Films vollständig zu verstehen. Aber auch hier stört mich das nicht – der Film ist gut gedreht, seine furchtbar einfachen Kulissen und seine omnipräsenten Farbtönungen erschaffen hier eine großartige Atmosphäre, die sich zwar nicht mit der des Romans deckt, aber eine sehr gelungene Neuinterpretation darstellt.

In jedem Fall bereichern sich Buch und Film gegenseitig – einzeln, aber vor allem in Kombination, kann ich beide nur empfehlen.

(Der Wegener-Film, um den es hier allerdings – ganz ausdrücklich – nicht geht, ist übrigens auch ganz wunderbar)

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2 Kommentare zu “Golem, Golem (B: 1914, F: 1980)

  1. Herr Fräulein Himbär
    26. Mai 2012

    milan kundera! 😀

  2. Pingback: Faust (1994) | Stubenhockerei

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 25. Mai 2012 von in Filme, Literatur und getaggt mit , , , , , , , , , .
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