Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Alice (1988)

Nicht lange bevor Herr Fräulein Himbär und ich uns dazu entschlossen, uns endlich Jan Švankmajers Verarbeitung der Carroll’schen Alice-Geschichten (Alice alias Něco z Alenky) anzusehen, lief im Fernsehen Tim Burtons Alice in Wonderland (2010).

Nun, wir beide haben gewiss nichts gegen Tim Burton, und auch ganz sicher nichts gegen den Star des Films, Johnny Depp – beide haben eine durchaus interessante filmische Vergangenheit, haben durchaus Bemerkenswertes geleistet; und umso enttäuschender war es, dass Tim Burton mit der 3D-Animationstechnik anscheinend auch nichts besseres anzufangen wusste, als sie zu einem hässlichen, videospielartigen Krach- und-Knallfest zu verarbeiten. Nach ca. 30 Minuten schalteten wir ab.

Nun geht es in dieser Notiz, wie man an der Überschrift feststellen kann, natürlich nicht um diese unsägliche Verfilmung, sondern um jene von Jan Švankmajer – und allein der Vergleich mit der Burton-Version erscheint mir plötzlich wie eine schreckliche Beleidigung für Švankmajers Film – schreiben wir also nicht mehr davon.

Švankmajer konstruiert das Universum Alices aus reinen Alltagsgegenständen: Alice bewegt sich zwischen Spielkarten, Linealen, Einmachgläsern, ausgestopften Tieren, Strümpfen, Schubladen etc., die sie in ihrer Phantasie – durch ihr kindliches Spielen – in die Figuren und Schauplätze der ersten Alice-Geschichte, Alice im Wunderland, verwandelt (natürlich behält er sich einige inhaltliche Freiheiten vor). Und so entsteht eine interessante Beziehung zwischen uns, den Zuschauern, und Alice: Was für sie das kindliche Spielen/Phantasieren/Träumen leistet, das leistet für uns der Film – und es wirkt nicht so, als habe Alice dabei die Oberhand – sie wirkt genauso passiv wie wir, sie wird einfach in diese Welt versetzt: Es ist die Ähnlichkeit von Film und Traum. Hinzu kommt auch, wie Alice die Dialoge der Figuren spricht – es ist jedoch nicht dieselbe Alice, die ihre Phantasiewelt durchschreitet, sondern eine „abstrakte“, fernere Alice. Wir sehen lediglich eine Detailaufnahme ihres sprechenden Mundes, und dieser Mund – diese „abstrakte“, zweite Alice – spricht nicht nur zu sich selbst (bzw. der träumenden, erlebenden Alice), sondern auch zum Zuschauer.

Im Gegensatz zu … ähm, Dem Unsäglichen Film, Über Den Eigentlich Nicht Mehr Gesprochen Werden Soll, fällt auf, dass Švankmajers Film keine typische dramatische Struktur aufweist: Er wirkt oft irgendwie anti-klimatisch; steckt voller Episoden, die auf nichts hinauslaufen – es gibt keine alles verbindende und umspannende Geschichte. Damit orientiert es sich sehr an dem ihm zugrundliegenden Stoff – denn Carrolls Alice-Bücher sind, auch wenn sie oft als solche beschrieben werden, keine Märchen; Sie haben keine einheitliche Geschichte, keine Aussage oder Moral. Es ist literarischer Nonsense – und das ist nicht wertend gemeint: Es ist auf die gleiche Weise Nonsense, auf die es auch Träume sind: Sie sind nicht-linear, willkürlich und sprunghaft – und dennoch scheinen sie ihre eigene „Logik“ zu besitzen, die sie dem Erleben des Alltags oft ähnlicher macht als die dramatische Struktur klassischer Fiktionen. Das wirklich Interessante an Švankmajers Verfilmung ist meiner Meinung nach jedoch nicht ihre Treue zum Original (schließlich gibt es inhaltlich, wie gesagt, zahlreiche Abweichungen; und auch die Darstellung der Welt durch Alltagsgegenstände ist eine eigenwillige Interpretation – obgleich sie vermutlich durchaus in Carrolls Sinn gewesen wäre), sondern, dass er durch seine anti-dramatische Struktur eine der wesentlichen Besonderheiten dieses Werks in den Film übernimmt.

Und natürlich ist er auch in jeder sonstigen Hinsicht – durch seine Švankmajer’sch verstärkte Geräuschkulisse bei völliger Abwesenheit von Hintergrundmusik, durch seine Farben, durch den Umgang mit seiner Schauspielerin etc. – einfach nur vollkommen gelungen.

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4 Kommentare zu “Alice (1988)

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 25. Mai 2012 von in Filme und getaggt mit , , , , , , , .
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