Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Bis ans Ende der Welt (1991)

Teil I: Warum ich den Film hassen sollte

Es gibt so viel, was man – oder eher: ich – an diesem Film hassen könnte: Da wäre beispielsweise die Darstellung der zahlreichen Orte, die in diesem Film gezeigt werden (Es sind: Venedig, Paris, Berlin, Lissabon, Moskau, irgendeine Stadt in China, Tokyo, die japanischen Wälder, San Francisco, und, schließlich, das australische Hinterland) – diese Darstellung schwankt zwischen Cartoonhaftigkeit und unfassbar verkitschter Romantisierung; und vor allem in der Sequenz in den japanischen Wäldern fragt man sich, wie ernst Wenders sie eigentlich meinen kann – ist es eine semi-ironische, aber doch liebevoll gemeinte Anspielung auf den japanischen Film, den Wenders bekanntermaßen liebt, ist es eine Persiflage? Ist es einfach nur missglückt? Dann wäre da die Fadenscheinigkeit der Erzählung – die Naivität der Figuren scheint oft bodenlos, die Zufälle und Verstrickungen nicht bloß unglaubwürdig, sondern geradezu erzwungen… und da wäre außerdem die Hauptfigur Claire, eine Art magisch-magnetisches Flittchen, das durch ihre schiere Anwesenheit die volle Gutherzigkeit, Bewunderung, wenn nicht gar Liebe ihrer Umwelt auf sich zieht – einzig der mysteriöse Trevor entzieht sich, zumindest Anfangs, ihrem gravitätischen Feld: Er bestiehlt sie sogar, was ihr so ungewohnt sein muss, dass sie sich sofort unsterblich in ihn verliebt und ihn auf seiner rätselhaften Reise durch die Welt (und Flucht vor nicht minder mysteriösen Agenten) verfolgt. Bis sich letztendlich auch er nicht mehr der auf ihn wirkenden Clairekraftanziehung entziehen kann, hat diese bereits drei männliche Satelliten in ihrem Orbit versammeln können; drei willenlose, aber finanzkräftige Körper, die Clarie „bis ans Ende der Welt“ folgen, auch wenn sie ihnen immer wieder mit Trevor davonläuft – allerdings sind sie dennoch stets bereit, sich von ihr, die sie sich wieder und wieder ihr Geld stehlen lässt, anpumpen zu lassen.

Also wie gesagt; Gründe, diesen Film zu hassen, gibt es genug – und dennoch kann und will ich ihn nicht verschmähen. Bis ans Ende der Welt ist, angesichts der oben genannten Schwächen, für mich nicht Wenders bester Film. Aber dennoch, und das ist in Anbetracht des obigen Absatzes ziemlich beachtlich, wurde mir Bis ans Ende der Welt trotz all seiner Fadenscheinigkeit nie langweilig, trotz all meiner Probleme mit den Figuren konnte mich der Film nie – wie ich es erwartet hätte – verärgern — Nein, ich genoss diesen Film.

Wie kann das sein? Gänzlich kann ich es mir nicht erklären, aber ich habe eine Reihe persönlicher Theorien, die ich im zweiten Teil dieser Notiz ausführen möchte; und zwar unter dem Titel

Teil II: Warum ich den Film doch nicht hasse

1. Theorie: Der Einfallsreichtum. Wenders Film, der 1991 in die Kinos kam, spielt im Jahr 1999, in der damaligen Zukunft – was natürlich eine Menge Freiheiten zur Stilisierung dieser nicht allzu fernen Zukunft gab: Paris ist ein post-apokalyptisch anmutendes Höllenloch, es erinnert ein bisschen an die diversen Dystopien der 1980er; Berlin ist eine 10-Millionen-Stadt, in der das Brandenburger Tor unter einem riesigen gläsernen Brückengebäude verschwindet. Die Internet-Suchprogramme, mit denen nach Trevor gefahndet wird, verwenden unfassbar alberne Animationen, die in Moskau in einem das Internet durchforstenden Tanzbären kulminieren. Da ist die von Wenders immer wieder verwendete Figur Phillip Winter (gespielt, natürlich, von Wenders-Liebling Rüdiger Vogler), die als sehr soft-boiled-er Detektiv als absolut liebenswerter Charakter heraussticht. Im Outback gründen er und weitere (nicht minder liebenswerte) Nebenfiguren spontan eine Band… und es finden sich noch viele weitere, kleine tolle Ideen, die den Film sehr bereichern.

2. Theorie: Das Spiel mit dem Aufhänger. Fast bis zum dritten und letzten Teil des Films, das heißt in diesem Fall ungefähr die ersten drei Stunden (Die Gesamtlänge des Films beläuft sich auf 280 Minuten), lösen sich in dem Film verschiedene Hauptthemen unerwartet nacheinander ab: So beginnt er mit Claire, an diesem Punkt noch eine gelangweilte Figur auf einer Jet-Set-Party, kurz darauf steht ihre Verstrickung in einen Bankraub in Nizza im Vordergrund, dann ihre Jagd nach dem geheimnisvollen Fremden, dann die gemeinsame Flucht vor den mysteriösen Agenten. An diesem Punkt entfaltet sich das Thema des potentiellen nuklearen Unfalls, das uns zwar schon eine Weile begleitet, bis zu diesem Punkt aber lediglich eine Hintergrundrolle gespielt hat. Alle vorherigen Themen sind plötzlich vergessen; die ständigen Ortswechsel haben ein Ende. Kurze Zeit später kreist der Film um die Aufzeichnung von Bildern, die der blinden Mutter Trevors/Sams direkt in ihr Gehirn übertragen werden sollen, bis er schließlich zu seinem finalen Thema vordringt: Die Aufzeichnung von Träumen und die daraus entstehenden Konsequenzen. Dieser ständige Wechsel, diese Weigerung, sich festzulegen gibt dem Film eine interessante Struktur, die sich auch in der Motivik wiederspiegelt: Vom futuristisch-apokalyptischen Paris und Berlin driftet der Film in Lissabon und Moskau in eine totale Nostalgie, kehrt in Tokyo zum bunten Futurismus zurück und endet schließlich in der kargen australischen Wüste. Selbst das Aussehen Claires wandelt sich, selbst die Albernheiten der Gadgets (siehe oben) sind einer schleichenden Veränderung unterworfen. Bis auf die Figuren und ihre Verstrickungen bleibt nichts konstant. Und wirklich bemerkenswert ist, dass diese Wechsel reibungslos funktionieren und letztendlich ein wirklich homogenes, rundes Werk entstehen lassen.

3. Theorie: Die Bilder. Ja, diese Theorie entbehrt nicht einer gewissen Ironie, da es eben gerade die Sucht nach Bildern ist, die der Film am Ende kritisiert, aber… sicher werden einige seiner formellen, erzählerischen Schwächen auch durch die oft großartigen, beeindruckenden Bilder kompensiert. Die Kamera ist wenderstypisch ruhig, sie drängt sich nirgends auf, arbeitet vollkommen dezent – was natürlich nicht bloß Wenders‘, sondern auch (und derartiges erwähne ich hier viel zu selten) der Verdienst seines Kameramanns, Robby Müller, ist – und wenn ich von einem Lieblingskameramann sprechen kann (ich kenne nämlich kaum welche), so ist es Robby Müller.

Teil III: Und in der Konsequenz bedeutet all das

, wie gesagt, dass der Film zwar nicht unbedingt genial, aber definitiv sehenswert ist. Und sein Soundtrack, der sich meiner Meinung nach während des Films oft ein wenig zu sehr aufdrängt, ist – meiner Meinung nach – größtenteils sehr nett, wirklich sehr nett.

Es verwundert ein wenig, dass Wenders den Film als das „ultimative Road Movie“ plante – leider zeigt er sehr wenig von den jeweiligen Reisen und oft nur sehr, wie gesagt, entweder stereotype oder stark verfremdete Ausschnitte der jeweiligen Orte – und gerade nachdem Wenders mit Alice in den Städten (1974), Im Lauf der Zeit (1976) und Paris, Texas (1984) drei Klassiker des Genres erschaffen, beziehungsweise sogar das Genre auf seine Weise perfektioniert hat, könnte man dieses Ziel von Bis ans Ende der Welt verfehlt halten – aber das macht den Film an sich natürlich nicht schlecht.

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Ein Kommentar zu “Bis ans Ende der Welt (1991)

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