Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Diabeł (1972)

Herr Fräulein Himbär und ich hatten so unsere Schwierigkeiten mit dem polnischen Regisseur Andrzej Żuławski: Wir liebten, liebten, liebten, liebten, liebten, ich kann es nicht oft genug wiederholen, liebten, liebten, liebten seinen bekanntesten Film Possession und werden nun seit einiger Zeit immer wieder an ihn erinnert, weil wir in direkter Nähe zu einem seiner Drehorte wohnen. Sehr zögerlich, fast schon mit einer gewissen Skepsis, entschlossen wir uns, uns auch an seine anderen Filme zu wagen; stets fürchtend, an unseren nach Possession so unendlich hohen Erwartungen zu scheitern. Und so versuchten wir es mit L’Amour braque (1985) und On the Silver Globe (1988) und… nun ja, es entwickelte sich wie befürchtet. Wir erwarteten irgendetwas undefiniert possessioneskes, was Żuławski uns offensichtlich nicht bieten wollte. Was er uns stattdessen bot, damit konnten wir nichts anfangen. Wir waren traurig.

Nun starteten wir endlich einen erneuten Versuch. Possession ist schon ein paar Jährchen her, und darin lag in diesem Fall unser Glück, denn so sahen wir Diabeł – im Gegensatz zu den anderen Filmen – mit fast revirginisierten Augen, und können dank dieses Umstands sagen: Er war großartig.

Polen im 18. Jahrhundert: Ein mysteriöser kleiner Typ, der vielleicht den Teufel, oder einen Teufel, personifiziert, rettet den polnischen Freiheitskämpfer Jakub aus der Todeszelle eines Gefängnisses. Schon die Art der Befreiung ist etwas seltsam – Jakubs Zellengenosse Thomasz kann leider nicht mitkommen, nein, leider nicht, also schießt der fragwürdige Retter ihm eine Kugel durch den Körper. Er setzt Jakub auf ein Pferd und gibt ihm eine junge Nonne mit, zur Unterhaltung, wie er sagt.

Jakub solle schnellstmöglich nach Hause reiten, sagt ihm sein Retter. Dort angekommen, findet er in seinem halb abgebrannten Elternhaus die Leiche seines Vaters, der sich anscheinend selbst erschossen hat, er findet seine Schwester in der Obhut eines seltsamen Kerls, der sich für seinen Bruder ausgibt, er findet seine schwangere, aber nicht von ihm geschwängerte Braut bei der Vermählung mit einem ehemaligen Mitpatrioten. Er merkt, dass er zuhause nicht vermisst wurde, ganz im Gegenteil, seine ehemaligen Freunde erwarteten nicht bloß seinen bevorstehenden Tod, sie erwarteten auch, dass er sie sicherlich verraten hätte und sie ihm somit nichts schuldeten, und überhaupt, was bildet er sich ein, plötzlich wieder dort aufzukreuzen? Dieser wenig herzliche Empfang wird nicht besser, wenn er durch seinen neu gefundenen Bruder auf seine ihm zuvor unbekannte Frau Mama trifft. Diese, Mutter und Puffmutter, hält ihn für einen Freier und will gerade den Geschäftsvollzug beginnen, als er ihr enthüllt, dass er ihr Sohn ist… Und mit all diesen Offenbarungen treibt der mysteriöse Fremde den armen Jakub dazu, seine Frustration auszuleben, indem er (anfangs nur vollkommen harmlosen und unbeteiligten) Personen das Leben nimmt.

Wir haben also zunächst Jakub als Hiob, dann Jakub als gemarterten Jack the Ripper. Jakub wird, wie man sich denken kann, schnell wahnsinnig. So wahnsinnig wie die (übrigens wie auch in Possession) ständig wirbelnde und schwirbelnde Kamera, die die bruegeleske Winterlandschaft wie einen mythischen Ort inszeniert. Nicht nur die Kamera, der ganze Film bewegt sich in voller ADS-Geschwindigkeit, oft, gerade am Anfang, versteht man nicht ganz, wer wie wo was in einem bestimmten Moment passieren soll; aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran und begreift die Logik und Zusammenhänge dieses Films. Und spätestens ab diesem Punkt ist er ein wunderbares Erlebnis.

Bei youtube findet man nicht nur den vollständigen Film, sondern auch einen von Herrn Fräulein Himbär höchstpersönlich hochgeladenen Ausschnitt, der die allgemeine Stimmung des Films sehr treffend zusammenfasst. Andererseits ist es auch eine der großartigsten Szenen dieses Films, wer sich also nicht spoilern möchte, sollte hier verzichten. Da der Ausschnitt nicht untertitelt ist, möchte ich hier kurz übersetzen:

Jakub, der Dunkelbärtige, fragt, ob die Welt wirklich so furchtbar sei, oder ob es nur an seiner Krankheit liege. Vielleicht-Teufel, der Blonde, erwidert, nein, die Welt sei nicht furchtbar, sie sei angefüllt mit Schönheit, mit Blumen, Frauen, Früchten… Dann argumentiert er, er könne die Welt nicht mit Worten beschreiben, er könne sie lediglich… tanzen!

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Ein Kommentar zu “Diabeł (1972)

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 16. August 2012 von in Filme und getaggt mit , , , , , .
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