Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

All That Heaven Allows (1955)

Also, ich weiß nicht so recht. Douglas Sirk sei ein Meister der filmischen Ironie, sagte man mir, dessen Melodramen sich auf zwei ganz verschiedene Weisen sehen ließen: Während der naive Zuschauer nur die oberflächliche Gefühlsduselei mitbekäme, erfreue sich der aufmerksame Filmliebhaber an der subtilen Gesellschaftskritik, an der Ironisierung der oberflächlichen Problemchen, und so weiter. Klar, wir mussten dringend etwas von diesem Herrn sehen.

Ja, natürlich ist es falsch, sich nach einem Film ein Urteil über einen Regisseur zu erlauben, und deshalb möchte ich hier auch ausschließlich von All That Heaven Allows schreiben – einem der bekanntesten Filme Sirks, und Inspiration unter anderem für Fassbinders Angst essen Seele auf (1974), Todd Haynes‘ Far From Heaven (2002) und John Waters‘ Hausfrauenfilmparodie Polyester (1981). Das Melodrama All That Heaven Allows handelt von der kürzlich verwitweten Hausfrau Cary, die von ihren fast erwachsenen Kindern und klatschsüchtigen Freunden in einem essentiell unerfüllten Leben gefangen gehalten wird. Doch dann verliebt sie sich in ihren kernigen Gärtner Ron (gespielt von Rock Hudson), wird in ein viel echteres und kernigeres Leben entführt, und die beiden planen sogar, einander zu heiraten – doch dann wird Cary mit dem sozialen Druck konfrontiert; sie – eine wohlhabende Witwe, er – ein einfacher Kerl… Wird es funktionieren? Wird Cary zu ihren Gefühlen stehen können? Wird die Liebe siegen?

Zunächst: Ja, der Film ist wirklich toll gedreht. Die offensichtlich ironische Darstellung der psychoanalytischen Aspirationen der Tochter, der Kontrast zwischen der künstlich-sterilen Suburbanität und der idyllischen Natur, und natürlich das Spiegelbild Carys in der schwarzen Leere ihres ungewünschten Fernsehers, und somit das Spiegelbild der Millionen von Hausfrauen, die den Film irgendwann nach 1955 in ihren Fernsehern sahen, genauso wie Cary, gefangen zwischen ihrem suburbanen Mobiliar und ihrem Fernseher, der Einsamkeit, der Verlassenheit und so weiter. Jedes einzelne Bild ist toll beleuchtet, die Farben sind wunderbar aufeinander abgestimmt.

Wie erwähnt gibt es auch tatsächlich ein paar einigermaßen subtil ironisierende Elemente. Der „subversive“ Hauptkonflikt ist hingegen kein bisschen versteckt – ganz im Gegenteil, die Fronten stehen von Anfang an fest: Rock Hudson und die Naturburschen = gut; martinischlürfende Country-Club-Snobs = herzlos und böse. Die Aufteilung ist allerspätestens ab der Szene offensichtlich, in der Rock Hudson – allen Ernstes – im Schnee kniedend einen jungen Hirsch füttert. Den Snobs hätte man noch Zylinder und Monokel geben können, klar, vielleicht auch noch Mäntel aus Dalmatinerfell; es genügt aber wirklich auch so. Worauf ich hinaus will: Der Film ist inhaltlich wirklich ausgesprochen plump, und es ist mir vollkommen schleierhaft, wie irgendjemand diese Botschaft als „subtil“ empfinden könnte.

Trotz fehlender Country-Club-Erfahrung bin ich vielleicht ein ziemlicher Snob, denn ich sehe in All That Heaven Allows hauptsächlich die campige Schnulze, als die er lange angeblich diskreditiert wurde. Der Eindruck entsteht vor allem dadurch, wie sehr der Film auf die Wunschvorstellungen der archetypischen frustrierten Hausfrau abzielt:

Cary ist in dieser eigentlich idealen Position: Ihr Mann ist tot, wir erfahren so gut wie nichts von ihm, sie scheint ihn weder zu vermissen, noch seinen Tod zu bejubeln – er ist weniger tot als vielmehr einfach bloß weg, aus der Welt geschafft. Sie überlegt herum, wer aus ihrem sozialen Umfeld seine Position einnehmen könnte, wer sich vielleicht an sie heranschmeißen könnte, doch – wie langweilig! Viel interessanter ist doch der gutaussehende, wortkarge Gärtner – jünger als sie, gut gebaut, irgendwie ganz anders als die übrigen Herren, irgendwie exotisch, aber nicht zu exotisch… und so verliebt sich dieser Gärtner aus vollkommen unerfindlichen Gründen, die im Film nie auch nur ansatzweise dargestellt werden, in sie, und nach einer traumhaften, wunderschönen Zeit produziert das Ganze natürlich Probleme, Probleme über Probleme, und als aufopferungsvolle Mutter beugt sie sich zwar nicht ihren Freunden, aber natürlich dem Willen ihrer Kinder, die es ihr natürlich überhaupt nicht danken (undankbare Gören!), und so kommt sie nach ein paar retardierenden Episoden wieder zum schönen Gärtner zurück, und sie leben glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

Dies ist nicht die Geschichte zweier ausgeformter Charaktere, sondern ein Traum, in dem sehr grob umrissene Typen eine sehr grob umrissene Handlung durchleben – und somit eine so meisterhaft umgesetzte Möglichkeit, sich selbst in die Lage dieser beiden schemenhaften Figuren zu versetzen, wie ich sie noch nie im Film gesehen habe – aber gut, ich schaue auch nicht viele Melodramen. Was ich sagen will: Die schemenhafte Natur dieser Figuren, die alle keine „richtigen“ fiktionalen Charaktere, sondern wirklich nur Typen sind, die hier und da durch ein paar Klischees ausgefüllt werden, diese Natur erleichtern die Identifikation mit diesen Figuren. Hier ist das vollkommen hypnotische Kino, in das man sich ganz einfach fallen lassen soll, ohne zu denken, zu hinterfragen – nein, man soll einfach nur fühlen. Und ich weiß nicht so ganz, was ich davon halte.

Leider habe ich keinen Trailer in der Originalsprache Englisch, sondern nur in der deutschen Synchronisation finden können, aber immerhin:

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9 Kommentare zu “All That Heaven Allows (1955)

  1. Whoknows
    24. September 2012

    Vielleicht war das, was du hier aus verständlichen Gründen kritisierst, in den 50ern wirklich „all that Heaven allowed“. Kenner hingegen wussten, dass Rock Hudson wie Sirk auch schwul war, dass also jede Menge Ironie in der Geschichte steckte. Haynes zeigte ja in dem von dir erwähnten (nur scheinbar kitschigen) „Far From Heaven“ dann auch auf, was erlaubt war und was nicht: Die Liebe einer älteren Frau zu einem jungen Mann (und sei er auch schwul): Keine Sache, weil letztlich zu vernachlässigen (Agnes Moorehead hält als beste Freundin ja auch zur Witwe)! Die Freundschaft mit der/dem Schwarzen (von Sirk dann in seinem „Imitation of Life“, 1959, scheu thematisiert): Der Ultra-Skandal!

    Wenn du dir einen Sirk anschauen möchtest, der mit ein wenig Ironie – freilich harmloser – arbeitet, würde ich „Has Anybody Seen My Gal?“ 1952) empfehlen.

    • Desinteressierter Schmock
      25. September 2012

      Beim Sehen des Films war mir schon bewusst, dass Rock Hudson schwul war (von Sirk wusste ich es nicht), aber irgendwie konnte das mein Ironie-Empfinden nicht bereichern…
      Danke jedenfalls für die Empfehlung. Ich werde mir auch sicher mehr von Sirk anschauen.

  2. david
    26. September 2012

    So weit ich in Erinnerung habe, sind die inneren Konflikt der Jane-Wyman-Figur doch relativ gut herausgearbeitet: zweisamer Neuanfang mit einer sozial geächteten Person, oder doch Beziehung mit einem arrivierten älteren Mann? Soziales Leben im Country-Club oder richtige Feiern in der Holzhütte? Und was passiert mit den Kindern (die ja anfangen, selbständig zu werden)? Mit Ausnahme von vielleicht „The Magnificient Obsession“ hat Rock Hudson in Sirk-Filmen aber eigentlich immer kernige Holzschnitt-Typen ohne Ambivalenz und innere Konflikte gespielt. Das sollten gemäß Sirk ja andere Schauspieler für andere Figuren übernehmen.

    Der Ironie-Begriff ist mir ehrlich gesagt etwas zu abstrakt. Ob so viele Zeitgenossen unter der exzessiv dick aufgetragenen Melodrama-Abdeckung die ätzende Sozial-Satire erkannten, wie wir das heute machen können, kann aber wohl bezweifelt werden. Sowohl Mainstream-Publikum (das Sirk liebte) wie auch Filmkritiker (die Sirk verrissen) sahen damals wohl fast ausschließlich die Melodrama-Oberfläche.

    Und ja bitte! Schau dir weitere Filme von Sirk an, denn es lohnt sich wirklich – vor allem wegen den grandiosen Inszenierungen! Nicht zuletzt sein Umgang mit Farben und Farbdramaturgie ist absolut atemberaubend und einzigartig. Mein Filmtipp diesbezüglich: „Written On The Wind“ von 1956. Neben diesem sieht „All That Heaven Allows“ schon fast dezent aus!

    • Desinteressierter Schmock
      26. September 2012

      Ja, dieser Konflikt wurde tatsächlich gut herausgearbeitet – aber (nach meinem Empfinden!) wurde beispielsweise nie klar, was die große Liebe motivierte, sie war einfach plötzlich… da. Der Tod des Mannes und die Beziehung zu den Kindern wirkte auf mich irgendwie sehr schemenhaft, was noch dadurch verstärkt wurde, dass moralisch so klar zwischen der oberflächlichen, leeren Vorort-Gesellschaft und dem idyllischen, naturverbundenen Arbeitertum unterschieden wurde.
      Aber genauso wie im Bezug auf die von mir vermisste Ironie lag meine Enttäuschung natürlich hauptsächlich an meiner Erwartungshaltung – ich hatte, von dem, was ich über Sirk gehört hatte (wie gesagt, es ist mein erster Film von ihm (obwohl ich eine dunkle Erinnerung daran habe, vor Jahren „Imitation of Life“ gesehen zu haben)) einfach mehr Vielschichtigkeit erwartet. Und damit will ich überhaupt nicht behaupten, der Film sei qualitativ schlecht o.ä., es ist ja wirklich nur eine persönliche Stellungnahme (wie alle Posts in diesem Blog).
      Danke auch für deine Empfehlung!

    • Whoknows
      26. September 2012

      Wir sind übrigens – nicht einmal Manfred Polak, der dich uns empfohlen hat – nicht die bösen Schreiberlinge, die alles und jeden kritisieren. Es geht uns a) vor allem darum, dir zu zeigen, dass wir eine deiner Besprechungen mit grossem Interesse gelesen haben und dir b) nach Möglichkeit auch eine etwas andere Sichtweise zu vermitteln.

      Stell dir vor, wie gross das subjektive Empfinden ist, das in unseren Beiträgen steckt! Wie sollte ich mein – meistens auf Verrisse hinauslaufendes – Interesse an Filmen aus der NS-Zeit begründen, wie erst das Lob eines Autant-Lara, der damals noch kein Ultra-Rechter war? Und welche Worte fände unser zum Admin erhobener Manfred, würde man ihn fragen, was ihn zu völlig unbekannten Japanern oder zu „Screamplay“ treibt (david bietet uns nach ein paar weiteren Artikeln sicher auch Lästergelegenheiten). 🙂

      Will heisssen: Macht weiter so! Ihr seid einspannendes Blog und schreibt zum Teil über Filme, denen auch ich gelegentlich meine Sicht gegenüberstellen möchte, wenn ich wieder fit bin (und eine Menge weiterer „Musts“ abgearbeitet habe). 😉

      • Desinteressierter Schmock
        26. September 2012

        So habe ich das auch überhaupt nicht aufgefasst! 😀 Ganz im Gegenteil, ich freue mich sehr über eure Kommentare. Ich wollte mit der obigen Antwort bloß klarstellen, dass ich mir mit meinem Post kein abschließendes Urteil über „All That Heaven Allows“ oder Douglas Sirk anmaßen möchte.
        Und natürlich vielen Dank für das Lob!

      • Manfred Polak
        26. September 2012

        Was heißt hier „nicht einmal Manfred Polak“? Wenn Du das nicht augenblicklich zurücknimmst, holt dich Molyneux!

        Aber um auch noch was zum Thema beizutragen: Das Interesse für den NS-Film lässt sich ja mit Sirk verbinden, indem man die Filme betrachtet, als Douglas noch ein Detlef war (no pun intended), insbesondere die mit Zarah Leander. Vielleicht erweist sich ja, dass die späten Melodramen wie WRITTEN ON THE WIND und IMITATION OF LIFE mehr mit LA HABANERA und ZU NEUEN UFERN zu tun haben als mit dem, was Sirk in den 40er Jahren in Hollywood gemacht hat (abgesehen von der Farbdramaturgie natürlich, die es bei s/w nun mal nicht gibt). Aber weil ich von den Frühwerken nur LA HABANERA kenne, ist das jetzt nur eine Anregung, keine definitive Aussage.

      • Whoknows
        26. September 2012

        Ich nehme alles zurück, o Admin unser. Und bitte schmeiss mich nicht aus dem Blog, das ich einst gründete! 😦 – Detlef gehörte, wie du richtig bemerkst, zu den filmischen Förderern von Zarah, die eigentlich als Operetten-Sängerin für Wien entdeckt worden war (man versuchte das – äh – umfangreiche Kind zuerst hinter vielen Fischernetzen zu verstecken, sah dann aber ein, dass es nicht nur eine beachtliche Stimme, sondern auch eine Ausstrahlung vorzuweisen hatte).

        Ich muss allerdings zugeben, dass ich die Frau weniger für ihre tragischen Rollen in den von dir erwähnten Filmen mit dem damaligen Sierck rühmen möchte. Meine Boshaftigkeit würde mich wohl eher zum geradezu peinlichen „Der Blaufuchs“ (1938) locken, wo sie ihr „Kann denn Liebe Sünde sein?“ schmetterte – und das mit Willy Birgel im Visier. Nach rund drei besprochenen Filmen aus der NS-Zeit sollte aber – so ich denn wieder fit genug bin – eher mal das deutsche Schaffen der 50er und 60er Jahre gewürdigt werden. An Christoph Hochhäusler getraue ich mich bekanntlich noch nicht ran, weil wir ihn in der Blogroll haben. 😀

        Jetzt sind wir aber gnadenlos vom Thema, dass sich um Detlef (Hans) respektive Douglas Sirk drehte, abgerückt. Dafür möchte ich mich entschuldigen. 🙂

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 24. September 2012 von in Filme und getaggt mit , , , , , , , .
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