Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Polyester (1981)

Hausfrauen, Hausfrauen, Hausfrauen. Gibt es sie heute noch, die wahren Hausfrauen? Irrelevant. Für Herrn Fräulein Himbär und mich gab es sie letzte Woche in Form der gesellschaftlich verunsicherten Cary in Douglas Sirks All That Heaven Allows, und diese Woche in Form, Größe, Umfang der unglaublichen Divine als Francine Fishpaw in John Waters‘ Polyester.

Zunächst: Waters‘ Film wird manchmal als Hommage an / Parodie auf All That Heaven Allows beschrieben – doch die Verbindung wollte mir beim Sehen nicht ganz klar werden. Sicher, in einer Szene sieht man Francine/Divine in einem prismatisch farbveränderten Raum, der sehr an eine Szene im Zimmer von Carys Tochter erinnert, aber ansonsten wirkt Polyester eher wie eine Parodie auf diverse Fernseh-Soap-Operas, wie wir sie alle kennen und lieben – Probleme stapeln sich auf Probleme, und ein absurder Schicksalsschlag folgt auf den nächsten, und am Ende siegt… die Familie.

Worum geht’s also in Polyester? Mr. Elmer Fishpaw, Besitzer eine Pornokinos, nutzt die öffentliche Entrüstung über sein Geschäft als Marketingkampagne, ohne sich um den sozialen Ruf seiner Frau zu scheren, die hyperaktive Fishpaw-Tochter Lu-Lu verbringt zu viel Zeit mit ihrem Punkerfreund Bo-Bo und schmeißt schließlich die Schule, um Go-Go-Girl zu werden, Fishpaw-Sohnemann Dexter schnüffelt Kleber, wird der Schule verwiesen und zertritt mit Leidenschaft Damenfüße, und Francines Mutter verhöhnt ihre Tochter wegen ihres Gewichts, was sie aber nicht davon abhält, ihr Geld zu stehlen. Dazwischen begeht auch noch der Hund Selbstmord… Francines einziger Anker ist ihre ehemalige Putzfrau und Freundin Mrs. Cuddles, die – neben der von, ich wiederhole, der unglaublichen Divine gespielten Francine – die wohl amüsanteste Figur des Films sein dürfte: Cuddles, gespielt von der ebenso kultigen Edith Massey, ist nämlich Erbin eines gewaltigen Batzens Geld und seitdem nie um exquisite Modetipps und ein paar passende französische Phrasen verlegen. Durch die Diskrepanz zwischen Masseys Aussehen und den Status-Ambitionen der Figur entsteht eine unfassbar komische Darstellung einer, wie Cuddles sich ausdrücken würde, nouvelle riche, die ein wenig an eine gutmütige, unschuldigere Version von Spica in Greenaways Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber erinnert.

Alles in Allem steckt in dem Film eine Menge wunderbarer Sozial- und Genrekritik, allerdings wirkt der Humor im Vergleich zu Waters‘ früheren Filmen (wie Pink Flamingos, Desperate Living oder Female Trouble) recht gezähmt und gezügelt, oft sogar etwas lasch. Klar, es ist auch kein Independent-, sondern ein einigermaßen großer Studio-Film, mit Altkinostar Tab Hunter – vielleicht eignet er sich deshalb vor allem, um sich mit Waters bekannt zu machen. Jeder Film von Waters ist eine Ode an den schlechten Geschmack, und Polyester, bzw. Waters spätere Filme, wirken durch ihre relative (!) Gezähmtheit und Konventionalität nicht so überfordernd wie seine frühen, wirklich herausragenden Werke. Als ich Polyester vor einigen Jahren zum ersten Mal sah, gefiel er mir auch noch wesentlich besser, und ja, natürlich, auch heute finde ich ihn noch komisch… aber eben nur stellenweise.

Ach ja: Unbedingt erwähnt werden sollte, dass Polyester als „Odorama“ geplant wurde: Für jeden Kinogänger gab es ein Rubbelkärtchen, auf dem verschiedene Felder zu bestimmten Stellen des Films freigerubbelt und beschnuppert werden sollten, sodass man die Gerüche des Films mitempfinden konnte… ich bezweifle allerdings, dass irgendjemand, der Filme wie Pink Flamingos gesehen hat, freiwillig die Gerüche eines Waters-Films schnuppern wollte. Dennoch, die Idee ist nett und irgendwie sehr passend zu Waters Herangehensweise an Film & Kino. In seinem Essay Whatever Happened to Showmanship? erzählt er übrigens eine kleine Geschichte des Kinogimmicks, mit wunderbaren Beispielen und Anekdoten, insbesondere zu Regisseur William Castle, dem Meister des Gimmicks. Aber dies nur am Rande.

Polyester lohnt sich zweifelsohne für Fans von Divine, Waters und Edith Massey (was alles auf mich und Herrn Fräulein Himbär zutrifft), für alle Anderen ist es vielleicht nicht viel mehr als eine ganz gut gemachte, einigermaßen schräge Soap-Opera-/Melodrama-Parodie.

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Ein Kommentar zu “Polyester (1981)

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 30. September 2012 von in Filme und getaggt mit , , , , , , , .
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