Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Cabaret (1972)

Berlin, 1931. Schon die einläutende Datumsangabe macht klar, worum es in diesem Film geht: Der Untergang der Weimarer Republik und ihrer Kultur und der Aufstieg des Nazionalsozialismus. Doch zunächst scheint diese historische Entwicklung keine größere Rolle zu spielen: Der britische Doktorand Brian kommt nach Berlin, zu dieser Zeit noch das Epizentrum der Zwischenkriegsdekadenz, und trifft auf die amerikanische Cabaret-Tänzerin Sally Bowles (Liza Minnelli!). Zwischen den beiden entwickelt sich Freundschaft, sexuelle Anziehung und schließlich eine Art Liebe – die auf die Probe gestellt wird, als sie auf den reichen, furchtbar dekadenten Adeligen Maximilian treffen: Dieser erweckt zunächst die Eifersucht Brians, die sich allerdings dadurch auflöst, dass einfach beide mit ihm schlafen. Klingt nach einer guten Lösung, erzürnt jedoch Sally, nachdem sie davon erfährt (warum eigentlich?); und zwar so sehr, dass sie schwanger wird, und Brian sich mit Nazis prügelt, und Maximilian nach Argentinien abhaut, und Brian und Sally schließlich eine kleine gemeinsame Familie in Cambridge planen, aus der dann allerdings doch nichts wird.

Der Film wird eingerahmt von der Begrüßung und der Verabschiedung des unbenannten, gespenstisch-clownesken Kabarett-Zeremonienmeisters, dessen Bühnennummern und Gesang das Geschehen immer wieder durchbrechen und kommentieren (innerhalb dieser Rahmensequenzen gibt es übrigens drei wunderbare Standbild-Imitationen von Otto-Dix-Gemälden, u.a. das großartige Bildnis der Journalistin Sylvia von Harden (1926)). Cabaret wird oft als Musical bezeichnet; was sich wohl aus diesen häufigen Aufführungen begründen dürfte – für mich jedenfalls macht die Klassifikation nicht besonders viel Sinn: Meines Empfindens nach definiert sich ein Musical nicht durch die Häufigkeit des Gesangs, sondern vor allem durch den nicht-diegetischen Einsatz des Gesangs in den Film. Der Gesang wird von den Charaktere innerhalb ihrer Welt als eine vollkommen „natürliche“ Ausdrucksform betrachtet; sie sind sich nicht bewusst, dass sie singen (und evtl. tanzen), wo jeder normale Mensch in der außerfilmischen Welt ein ganz banales Gespräch führen würde. Dies findet bei Cabaret nie statt, die Showeinlagen sind die Bühnennummern des Kabaretttheaters, in dem Sally und der Zeremonienmeister arbeiten. Gut, einmal singt sie vor einem fast leeren Publikum, und es ist klar, dass die Showeinlage mehr uns (dem Zuschauer) dient als dem filminternen Publikum, aber ein paar Leutchen sind da, und so ist der Gesang in jedem Fall realistisch motiviert.

[Eine wirklich nette Anspielung auf die Bühnennummern in Cabaret ist übrigens der „Porno“ (die Anführungszeichen gehören wirklich dort hin) Café Flesh von Stephen Sayadian (1982), wo sich die letzten Überlebenden nach einem Atomkrieg in eine kleine Gruppe Sex-Positive und eine Masse Sex-Negative teilen. Die Letzteren sind unfähig, sich gegenseitig auch nur zu berühren, und so streben sie in das anrüchige Sexkabarett Café Flesh, um sich dort von den letzten Sex-Positiven in grotesken Bühnennummern (die jene in Cabaret wirklich noch bei weitem übertreffen) Sexualität vorführen zu lassen. Das klingt natürlich vor allem wie eine seltsame, aber eindeutige Anspielung auf AIDS (…1982…), die Produzenten des Films versicherten jedoch, dies nicht beabsichtigt zu haben. Interessant ist hier – neben der wirklich großartigen Filmästhetik – vor allem, wie das filminterne Publikum die sexuellen Einlagen motiviert, und gleichzeitig als Stellvertreter für das filmexterne Publikum dient, welches ebenfalls durch Kinoleinwand/Fernsehbildschirm von der wahren sexuellen Handlung abgeschieden ist, welches ganz erbärmlich nach dieser grotesken Action schmachtet, jedoch vollkommen passiv bleiben muss. Aber nun zurück zu Cabaret…]

Fosses Film ist einer von zahlreichen Filmen aus den 1970er Jahren – andere Beispiele wären Liliana Cavanis Il portiere di notte (1974), Tinto Brass‘ Salon Kitty (1976), Pier Paolo Pasolinis Salò (1974) und (bei diesem weiß ich’s nur vom Hörensagen) Luchino Visocontis La caduta degli dei (Die Verdammten, 1969) – die eine Verbindung zwischen dem Nationalsozialismus/Faschismus und einer moralischen Dekadenz herstellten. Tatsächlich können Nationalsozialismus und Faschismus als Weiterentwicklungen der „dekadenten“ Strömungen der 1910er und 1920er Jahre verstanden werden: Die italienischen Faschisten stammten teilweise aus dem Milieu des Futurismus, Joseph Goebbels hegte ursprünglich eine gewissen Begeisterung für den deutschen Expressionismus, SA-Führer Ernst Röhm war recht offen schwul und hielt die Berliner Dampfbadszene für den „Gipfel alles menschlichen Glücks“ – aber andererseits dürfte auch jedem bekannt sein, dass diese Tendenzen sich nicht lange halten konnten. Der Futurismus wich einem römischen Neoklassizismus, Goebbels wurde Mitorganisator bei den „Entartete-Kunst“-Ausstellungen, Hitler ließ Röhm erschießen. Und außerdem hatte Hilter das Berliner Leben sowieso nie ausstehen können. Bei Cabaret wird diese Verbindung wie erwähnt ebenfalls thematisiert, und oberflächlich betrachtet könnte man zusammenfassen: Zuerst wird der eine und einzige Nazi aus dem Kabarett vertrieben, am Ende macht der Zeremonienmeister einen antisemitischen Witz, und schließlich sitzen ganze Gruppen von Nazis im Publikum. Das ganze ist jedoch nicht so kausal, wie man annehmen könnte. Tatsächlich werden (in gut umgesetzten Cross-Cutting-Sequenzen) die parodistisch-karnevalesken Bühnennummern, in denen die Nazis auf Korn genommen werden, mit den „wahren“, brutalen Aktionen assoziiert, als wollte der Film uns sagen: Seht, hier grölen und lachen sie, dort werden sie misshandelt und ermordet. Die Nebeneinanderstellung wirkt auch durch die ständigen Radionachrichten, die von immer neuen Gewalttaten der Nazis berichten. Im Original sind diese Nachrichten allerdings auf deutsch, sodass das amerikanische Publikum höchstens Bruchstücke verstehen konnte – dafür konnte es Anspielungen verstehen, die dem deutschen Zuschauer womöglich verborgen blieben: Wie die „Herren-„Toilette, die Brian am Anfang des Films, nach der ersten Nazi-Begegnung, aufsucht – ein für Deutsche recht unschuldiges Wort („Herren“), für Amerikaner jedoch ein wenig anders konnotiert (bzw. in anderen Ausprägungen). In einer anderen Sequenz erfahren wir, wie auch der dekadente Maximilian der Bedrohung jeden Ernst abspricht – die Nazis seien ein wirksames Mittel gegen die Kommunisten und anschließend einfach zu kontrollieren und entsorgen, herrschte damals der Tenor in der deutschen Oberklasse. Gleichzeitig wird durch die schrittweise Entwicklung der Bühnennummern von Nazi-Parodie zu (scheinbarem?) Nazi-Zuspruch der Eindruck erweckt, die dekadente Kultur des Weimarer Berlins habe fast aktiv an ihrem Untergang partizipiert – schließlich sehen wir die Nazis am Ende nicht bei der Vorbereitung eines Bombenattentats auf das Kabaretttheater, sondern ruhig und gemütlich im Publikum.

(Zur Bebilderung dieses Textblocks und zur visuellen Unterstreichung des Themas, unten das polnische Poster zum Film.)

Das Verhältnis ist ambivalent. Der vermeintlich anti-semitische Witz besteht aus einer kleinen Gesangs- und Tanzeinlage, in der sich der Zeremonienmeister in eine Dame verliebt haben will, die für ihn, aber leider nur für ihn, wunderschön ist, für den Rest der Welt jedoch eher nicht. Die besagte Dame steckt jedoch in einem Affenkostüm (in Damenkleidern), und wir lachen ganz vergnügt, klar, es ist eine witzige Nummer, diese interspeziale Liebe. Dann gibt er ihr noch eine Banane, jaja, haha. Doch am Ende erklärt der Zeremonienmeister, er hoffe, dass, vielleicht, in Zukunft, irgendwann, niemand mehr sehe, dass sie nicht sei wir wir, sondern… jüdisch. Und lacht, und mit ihm das (filminterne) Publikum. Und für das filmexterne Publikum fühlt sich der Witz plötzlich gar nicht mehr so komisch an. Doch nehmen wir ihn ein bisschen auseinander: OK, die oberflächliche Ebene sagt uns, Juden seien nicht wie wir, sie seien weit unter uns, sie seien eine Art Affen. Untermenschen eben – und eine Liebe zwischen Deutschen und Juden sei ebenso grotesk wie die zwischen einem Deutschen und einem Affen. Daher der antisemitische Anklang. Allerdings ist diese Lesart sehr von unserer heutigen Sensibilität gegenüber antisemitischen Untertönen bestimmt. Ich bin mir jedoch sicher, dass der Witz im Jahre 1931 mindestens zwei Lesarten zuließ: Neben der obigen könnte man den Abschlusskommentar (…jüdisch) auch als eine Enthüllung deuten, die für das Publikum bisher nicht sichtbar war: Die Geliebte ist nicht nur ein Affe, sondern auch noch jüdisch. Und das Problem der Gesellschaft ist nicht die Liebe zwischen einem Menschen und einem Affen, sondern die Liebe zwischen einem Deutschen und einer Jüdin. Dabei ist es unerheblich, ob der Zeremonienmeister nicht vielleicht auch jüdisch ist; er ist einfach nur der unidentifizierte, merkmalslose Irgendeinmann, der für jeden beliebigen Mann einstehen kann, und sich erst am Ende als nicht-jüdisch offenbart. Und der Witz impliziert nach dieser Lesart sogar, dass die Gesellschaft kein Problem damit hat, dass ein Mann einen weiblichen Affen liebt, sondern das Problem erst dadurch einsteht, dass der weibliche Affe jüdisch ist. Was natürlich idiotisch wäre.

Ich behaupte nicht, dass diese Lesart die „wahre“ Botschaft sei, sondern dass der Witz 1931 recht ambivalent war, weil er beide Möglichkeiten zuließ. Und ich glaube, dies passt auch besser zu der sonst offenbarten moralischen Aussage des Films: Die Kultur der Weimarer Republik hat nicht an ihrem eigenen Untergang partizipiert, sondern ihn, irgendwo zwischen Opportunismus und Apathie, über sich ergehen lassen. Schließlich deutet die Verabschiedung am Ende auch darauf hin, dass nicht nur der Film, sondern auch die Zeit des Kabarett (in dieser Form) ein Ende findet: Mit den Nazis, die der Weimarer Kultur und ihrer fröhlichen Dekadenz bald nach 1933 den Garaus machten.

Wie dem auch sei: Cabaret ist auch unabhängig von seiner moralischen Botschaft ein toller Film – sowohl optisch als auch musikalisch – und vor allem ausgesprochen unterhaltsam.

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Ein Kommentar zu “Cabaret (1972)

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 3. Oktober 2012 von in Filme und getaggt mit , , , , , , , , .
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