Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

In einem Jahr mit 13 Monden (1978)

Transfrau Elvira, ehemals Erwin, wird nicht nur in einem Frankfurter Park verprügelt, sondern auch von ihrem Liebhaber Christoph verlassen. Von ihrer ehemaligen Ehefrau Irene wird sie aufgefordert, Anton Saitz, einen anderen Mann aus ihrer Vergangenheit aufzusuchen; wir hören von Elviras fragwürdig motivierter Geschlechtsumwandlung in Casablanca, von Elviras schwieriger Kindheit, von  Anton Saitz, und wir sehen, wie Elvira immer weiter in sich zusammenbricht, wie sie zu einer immer verletztlicheren Person wird, bis sie sich schließlich umbringt – zwei Tage nach Beginn der Geschichte, in denen Elvira die wichtigsten Personen ihres Lebens treffen konnte.

In einem Jahr mit 13 Monden wird üblicherweise als Rainer Werner Fassbinders persönlichster Film beschrieben: Im gleichen Jahr hatte sich auch sein Geliebter Armin Meier umgebracht. Meier hatte, genau wie Elvira/Erwin, ursprünglich Metzger gelernt. Es mag gemein wirken, einen verstorbenen Geliebten in der Figur eines so liebeskranken, so übersentimentalen und gedankenlosen Menschen wie Elvira zu portraitieren. Doch ist die Darstellung Elviras ausgesprochen liebevoll, sympathisierend und keineswegs gehässig. Es sind stattdessen all die anderen Figuren, vor allem die hohen und bedrohlichen, wie Anton Saitz und seine zwielichtige Truppe, die sich im Laufe des Films als albern und lächerlich herausstellen.

Der Film steckt voller, wirklich voller Anspielungen: Die Schopenhauer-lesende Nonne, die Schopenhauer-Zitate in der Diskussion mit dem Selbstmörder, das Interview mit Fassbinder höchstpersönlich im Fernsehen, die Goethe-Zitate im Schlachthof… und übrigens könnte die ganze berühmte Schlachthofsequenz eine Hommage an Georges Franjus Le sang des bêtes (1949) sein.

Nach meinem ellenlangen Cabaret-Post habe ich gerade nicht die Energie, und in den kommenden Tagen nicht die Zeit, mehr zu diesem Film zu schreiben, obwohl er es definitiv verdient hätte. Ich möchte allerdings auf diesen Blogeintrag hinweisen, der In einem Jahr mit 13 Monden nicht nur mit Hans Christian Andersens Märchen Die kleine Meerjungfrau vergleicht, sondern auch auf einen weiteren interessanten Umstand hinweist: Fassbinder konstruiert Elvira/Erwin nicht als „Frau im Körper eines Mannes“, nicht einmal als Homosexuellen, sondern als eine einfach-nur furchtbar liebesbedürftige Figur. Ihre Geschlechtsumwandlung beruht einzig und allein auf dem Verlangen, von Saitz geliebt zu werden. Denn die Pointe des Films ist der Beweggrund für Elviras Entscheidung: Sie, damals noch Erwin, offenbarte Saitz, dass sie ihn liebt – und dieser sagte Erwin, dass er sich ja sehr darüber freuen würde, wenn er doch nur ein Mädel wäre.

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6 Kommentare zu “In einem Jahr mit 13 Monden (1978)

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 3. Oktober 2012 von in Filme und getaggt mit , , , , .
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