Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Wild at Heart (1990)

Cape Fear, zwischen North und South Carolina. Der elviseske „Sailor“ (Nicolas Cage) tötet einen Mann, der ihn mit einem Messer angreift. Die Brutalität seiner Verteidigung bringt ihm 22 Monate und 18 Tage im Gefängnis. Dann kehrt Sailor zurück, zurück zu seiner geliebten Lulu (Laura Dern), sehr zum Leidwesen ihrer Mutter (Derns Mutter Diane Ladd). Die beiden verlassen das Land, in Richtung Westen. Lulus Mutter, die einen mysteriösen Hass gegen Sailor hegt, beauftragt zunächst ihren Liebhaber und Detektiv Johnnie Farragut (Harry Dean Stanton), anschließend allerdings ihren Liebhaber und Auftragskiller Santos (J.E. Freeman), um Sailor und Lulu zu folgen und Ersteren aus dem Weg zu räumen.

Und dann sind da etliche Anspielungen auf den Wizard of Oz, den ich zugegebenermaßen noch nie gesehen habe. Manche bezeichnen den Film sogar als Neuinterpretation dieser Geschichte, wobei mir das etwas übertrieben scheint. Vielmehr greift Lynch immer wieder Motive aus der Geschichte auf, oder lädt zu Spekulationen über mögliche Verbindungen ein (Bemalt die Mutter ihr Gesicht rot, weil sie das „Gegenteil“ der grüngesichtigen Hexe des Westens sein will?).

Hinzu kommen zahlreiche Motive des klassischen Amerikas, das Lynch eigentlich immer wieder in seine Filme einbaut: Die Schlangenlederjacke Sailors, Zeichen seiner „Individualität“ und seines „Glaubens an die persönliche Freiheit“. Seine Elvis-Imitationen. Der Rock, das Tanzen, wie Grease und Jailhouse Rock meets Kong-Fu auf Methamphetamin. Lulu, ihr Name, ihr Stil, ihr Tanzen, erinnert stark an die hyperaktive Tochter Lu-Lu aus John Waters‘ Polyester (1981), der wiederum die Melodramen der 1950er parodiert.

Archetypen. Sailor und Lulu sind im Grunde die ur-amerikanischen Figuren, verfolgt von einem obskuren Bösen. Wie bei Lynch üblich manifestiert sich dieses Böse in mehren, auf dunklen Wegen miteinander verbundenen Figuren. Die Mutter, die einerseits einfach nur eine überbehütende Mutter darstellt, andererseits ihren Ehemann, Lulus Vater, ermorden ließ, ist vielleicht, vielleicht aber auch nicht, die böse Hexe, die hier die Fäden in der Hand hält. Neben und über ihr sind Santos, dessen Chef (?), der noch ominösere Mr. Reindeer (William Morgan Sheppard), die Voodoo-Tante  Juana (Grace Zabriskie), samt Voodoo-Clique, ihre fast identisch gestylte Tochter Perdita (Isabella Rossellini) und natürlich der wirklich furchteinflößende, zahnstumpfige Bobby Peru (Willem Dafoe). Dieses undurchdringbare Netz des Bösen wirkt in Wild at Heart ein bisschen wie eine Vorarbeit für ähnliche, ausgereiftere Motive in späteren Lynch-Filmen wie Lost Highway (1997), Mulholland Drive (2001) und Inland Empire (2006).

Bobby Peru ist nicht der klassische Lynch-Gegenspieler, wie Frank Booth oder Mr. Eddy, die auf der einen Seite jovial und kumpelhaft und lebensbejahend und auf der anderen Seite wahnsinnig und sadistisch wirken – Bobby ist von Beginn, oder zumindest ziemlich schnell, eine abstoßende, schlichtweg böse Figur. Doch wie ein guter Lynch-Bösewicht ist sein Sadismus komplex, er wirkt eher auf die Psyche als auf den Körper seiner Opfer. Anstatt Lulu einfach zu vergewaltigen, bringt er sie dazu, um ihre Vergewaltigung zu flehen, als würde er es schaffen, in ihr tatsächlich ein Verlangen nach ihm zu wecken, woraufhin er sich schlagartig zurückzieht – er lässt sie zurück, er braucht sie gar nicht wirklich zu vergewaltigen. Seine Sexualität ist genauso abwegig wie beim nach seiner Mutter schreienden Frank Booth aus Blue Velvet. Und das Ganze kulminiert in der Sequenz, in der sich Sailor und Bobby kondomgleiche Nylonstrümpfe über die Köpfe ziehen, und der stummelzahnige Bobby irgendwann so grauenerregend lacht wie ein geschmirgelter ostasiatischer Flaschengeist; es ist ein großartiges Bild.

Einer der großartigsten Aspekte an den „abgedrehteren“ Filmen Lynchs ist ihre unheimliche Offenheit. Und ich meine wirklich „unheimliche“ Offenheit – sie sind auf unfassbar viele, teils gegensätzliche Weisen interpretierbar, sie legen sich nie fest, sie lassen immer etwas zurück: das Absurde. Das Absurde, und ich glaube – und dafür schätze ich Lynch – es will nicht viel mehr sein als einfach nur das Absurde. Hier ein schönes Zitat aus einen Interview mit der LA Times von 1989:

Absurdity is what I like most in life, and there’s humour in struggling in ignorance. If you saw a man repeatedly running into a wall until he was a bloody pulp, after a while, it would make you laugh. Because it becomes absurd.

Man könnte sicherlich auch die komplexesten Hypothesen zu der Frage entwickeln, weshalb sich Lulus Cousin Dell (Crispin Glover) Kakerlaken in den Po steckt, doch letztlich steckt in diesen Details eine ziemlich dadaistische Absurdität. Was nicht ausschließt, dass die Struktur im Großen und Ganzen eine Art Symmetrie aufweist – sicher nicht so stark wie in Lost Highway, doch auch hier haben wir die verdoppelten Frauen Juana/Perdita, wir haben das Gute und das Böse, die sich wie in einer Jung’schen Dualität gegenseitig bedingen und durchdringen und in der Lynch-Welt nur zusammen vollständig wirken. Bei Frank Booth, meinem (wie man sicherlich merkt) liebsten Charakter in Lynchs Filmen, sind diese Polaritäten in einer einzigen Figur vereint.

Und die Hauptfiguren sind mehr als Archetypen, sie sind, wie Dorothy beim Wizard of Oz, die Verkörperungen einer Fantasie, eines Traums. Sie sind einfach, irgendwie leer und unspezifisch, mehr Ideen als realistische Menschen. Ebenso ihre Beziehung, der Urtyp der Liebe. Bei Lynch sind diese Träume gestört, irgendwie verzerrt durch Monster, die in seinen bestens Filmen (oder auch in Twin Peaks) nicht nur von außen auf uns treffen, sondern auch immer ein bisschen in uns stecken. In Wild at Heart ist dieser Aspekt auch vorhanden, meiner Meinung nach aber eben nicht so gut umgesetzt, wie in anderen Filmen Lynchs.

Wild at Heart ist eigentlich ein wahnsinnig liebenswürdiger Film, und wahrscheinlich ist der einzige Grund, der mich davon abhält, hier Lobeshymnen auf ihn zu schreiben, dass er eben ein Film David Lynchs ist, und in dessen Werk irgendwie ein bisschen untergeht. Was nicht heißen soll, dass ich ihn nicht mag! Wie könnte ich ihn nicht mögen, mit seinem kickboxtanzenden Nicolas Cage, seiner überdrehten Laura Dern, seinen, wie erwähnt, unfassbar absurden Einfällen und Entwicklungen, seinen motivischen Verstrickungen, seinen zahllosen Anspielungen?

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2 Kommentare zu “Wild at Heart (1990)

  1. Pingback: Death Wish Club aka The Dark Side to Love aka Carnival of Fools aka Gretta (1984) « Stubenhockerei

  2. Pingback: Twin Peaks: Fire Walk with Me {David Lynch, 1992} | Stubenhockerei

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