Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Drowning by Numbers (1988)

1. Cissy Colpitt (a) ertränkt ihren Mann.
2. Cissy Colpitt (b) ertränkt ihren Mann.
3. Cissy Colpitt (c) ertränkt ihren Mann.

1. Leichenbeschauer Madgett erklärt es zum natürlichen Tod durch Ertrinken.
2. Leichenbeschauer Madgett erklärt es zum natürlichen Tod durch Ertrinken.
3. Leichenbeschauer Madgett erklärt es zum natürlichen Tod durch Ertrinken.

Magett, der die drei Cissies eigentlich zu sexuellen Kompensationen erpressen will, werden immer größere (jüngere) Belohnungen versprochen, sodass er – gegen sein eigenes gutes Gewissen – allen Frauen eine weiße Weste verschafft. Sein Sohn Smut zählt alles in seiner Umgebung, insbesondere tote Tiere, für die er kleine Feuerwerke inszeniert. Seine seilspringende Angebetete zählt die Sterne, aber nur bis 100, denn danach sind alle weiteren Hundert gleich.

Über den Film verteilt finden wir die Zahlen von Eins bis Hundert (hier ein paar Ausschnitte). Überall zählt jemand, überall vernimmt man Zahlen; und wenn nicht Zahlen, dann komplizierte (fiktive) Spiele, meist mit recht makaberem Charakter.

Dazwischen kommen die Anspielungen: Konstante Referenzen zu Samson (aus dem Buch der Richter), zu den von Greenaway häufig herangezogenen niederländischen Malern und zu berühmten letzten Worten. Ach ja, und Beschneidungen. Und eine Todesszene, die auf Buñuels Viridiana (1961) anspielt. Und natürlich der Titel des Films, ein Wortspiel.

In seiner Doku zum Film, Fear of Drowning, die wir leider nicht gesehen haben, soll Greenaway noch mehr Muster dieses Films aufzeigen, unter anderem die 100 Gegenstände, die mit „S“ beginnen in Smuts Zimmer und die 100 Gegenstände, die mit „M“ beginnen, in Madgetts Zimmer.

Und so weiter.

Greenaways Filme sind oft extrem symmetrisch, sehr formell strukturiert: Man denke an die Tiere und die Zwillinge in A Zed & Two Noughts (1985) oder an die Tageskarten-Struktur in The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover (1989) – doch mit Drowning by Numbers schießt er den Vogel ab – oder eher alle hundert, die dann von Smut durchnummeriert und in einem perfekt symmetrischen pyrotechnischen Schauspiel gefeiert werden. Ja, auch hier können wir wieder die wunderbar vielschichtigen Bilder des Resnais-Kameramannes Sacha Vierny bewundern. Es liegt nahe, Parallelen zwischen Greenaway bzw. Drowning by Numbers und Jorge Luis Borges zu ziehen, der sogar noch besessener von Anspielungen, komplexen Referenzen und mathematischen Strukturen war als Greenaway. Doch trotz aller Ähnlichkeit besteht ein wesentlicher Unterschied: Borges interessierte sich insbesondere für Paradoxien und Ausreißer, für die Grenzbereiche der Logik, für in sich verschlungene Strukturen, wohingegen Greenaway seine recht klaren Strukturen pedantisch bis zum Ende durchzieht. In Drowning by Numbers wird nicht, wie man es vielleicht erwarten könnte, irgendwann die Sinnlosigkeit des Zählens und Katalogisierens entblößt. Die Morde sind keine Ausreißer, keine Störungen in dem System des Lebens, sie ziehen nur das Unausweichliche vor – das Ende einer Existenz, das von Smut genauso katalogisiert wird wie jenes der überfahrenden Nagetiere, verendeten Kühe und ans Ufer geschwemmten Heringe. Es ist wie ein Index der kosmischen Belanglosigkeit.

In meiner Notiz zu meinem (immer noch) Lieblings-Greenaway, The Belly of an Architect (1987), schrieb ich, der Film sei weniger nach narrativen, als nach visuellen Strukturen organisiert. In Drowning by Numbers legt Greenaway die Struktur fast offen; es gibt keine Wendungen, keine dramatischen Entwicklungen – nur Symmetrie und ein fast angekündigtes Ende (Auf Deutsch trägt der Film übrigens den idiotischen Titel Verschwörung der Frauen [ugh!], der das Ende – zusammen mit den drei vorherigen Toden – in das Schema Frauen-töten-Männer einordnet. Und auch zwischen Herr Fräulein Himbär und mir entbrannte eine kurze Diskussion, ob dieser Film misogyne Tendenzen hat – ich bin nicht der Meinung. Ja, es geht um männermordende Frauen, aber doch kann ich an ihrer Darstellung nichts prinzipiell Frauenfeindliches erkennen. Sie wirken auf mich vielmehr wie rein strukturelle Schablonen, die eine Erzählung ermöglichen, sich aber nicht auf die Gesamtheit der Frauen generalisieren lassen – aber gut, vielleicht sehe ich den Begriff auch einfach sehr eng.). Die Struktur erinnert weniger an Borges als an andere Konzepte aus der experimentellen Literatur und Kunst, wie beispielsweise Oulipo oder den strukturellen Film, der insbesondere die frühen Filme Greenaways inspirierte.

Ich weiß nicht mehr, ob ich es schon in einer meiner früheren Notizen erwähnt habe, aber neben den opulenten Bildern macht auch die minimalistische Hintergrundmusik – hier von Michael Nyman – Greenaways Filme so wunderschön anzusehen. Ehrlich gesagt verstehe ich ja stets nur einen Bruchteil ihrer Anspielungen, während ich mir den Rest höchstens im Nachhinein „erarbeiten“ kann (ich bin schließlich überhaupt nicht bibel- und kanonfest) – und ich schäme mich oft sogar, nicht nur, aber insbesondere bei Greenaway, hier so klägliche Dinge über Filme zu schreiben, über die sich wahrscheinlich ganze Bücher verfassen ließen. Doch der Reiz Greenaways liegt auch in seiner Ästhetik – einer gleichzeitig minimalistischen und opulenten Bildgewalt. Und je mehr ich davon sehe, desto mehr möchte ich auch in Zukunft davon zu sehen bekommen. Greenaway Hooray!

Trailer bei artistdirect.com.

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3 Kommentare zu “Drowning by Numbers (1988)

  1. Pingback: The Falls (1980) | Stubenhockerei

  2. Pingback: Intervals (1969) | Stubenhockerei

  3. Pingback: Drowning by Numbers {Peter Greenaway, 1988} | Stubenhockerei

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 25. November 2012 von in Filme und getaggt mit , , , .
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