Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Max, Mon Amour (1986)

maxmonamour

Anlässlich des Todes des großen japanischen Regisseurs Nagisa Oshima am Dienstag dieser Woche beschlossen Herr Fräulein Himbär und ich, uns endlich den schon seit Urzeiten auf unserer Filmideenliste stehenden Max, Mon Amour anzusehen. Zwar heißt es, Max, Mon Amour sei der Un-Oshimaigste seiner Filme, aber, naja, wir haben zugegebenermaßen eigentlich nur seinen berühmtesten Film, Ai no Korida (1976, Im Reich der Sinne) und Shinjuku dorobo nikki (1968, Diary of a Shinjuku Thief) gesehen, und hatten mit dem Letzteren  – vermutlich mangels ausreichendem Hintergrundwissen zu den doch recht Japan-spezifischen Themen – so unsere Probleme. Also entschieden wir uns für etwas Leichtes. Und etwas Schräges. Sehr schräges.

Um lange, umständliche Erklärungen abzukürzen, sehe man sich (falls man den Film noch nicht kennt) an dieser Stelle den Trailer an (wir sind ja schließlich im Internet! Der Text geht unten allerdings noch weiter.)

Ja, ganz recht. Es geht um eine Liebesbeziehung zwischen Margaret (Charlotte Rampling) und Max, einem Schimpansen. Es geht außerdem auch um ihren Ehemann Peter (Anthony Higgins), einen britischen Diplomaten in Paris. Der sollte eigentlich den Besuch der britischen König planen, muss sich aber nun damit auseinandersetzen, dass seine Frau täglich in einer Mietwohnung verschwindet, in der sie einen Schimpansen versteckt. Da er selbst ebenfalls seine Affairchen (fast hätte ich Äffairchen geschrieben) am Laufen hat, bietet er seiner Frau an, den Schimpansen in die gemeinsame Wohnung (in der übrigens auch noch ihr Kind, Nelson, wohnt) mitzubringen und mit ihnen zu leben. Es entwickelt sich eine eifersüchtige Dreiecksbeziehung, in der Peter Max und dann Max Peter zu töten droht, bis Margaret und Peter schließlich Max auf dem Dach ihres Autos über die Champs-Élysées kutschieren. Man hätte sich noch gewünscht, dass Max, ganz im Stile der britischen Königin Elizabeth, dem jubelnden Publikum mit ein paar mechanischen Unterarmschwingungen zugewunken hätte.

Aber das passierte natürlich nicht, und es hätte auch nicht gepasst, denn diese ganze furchtbar, furchtbar absurde Geschichte wird mit totaler Trockenheit präsentiert – und die Komik entsteht eigentlich nur dadurch, dass Charlotte Rampling und Anthony Higgins die Geschichte mit vollem, ungebrochenem Ernst präsentieren. Und das Eigenartigste ist: Es ist irgendwie glaubhaft. Schließlich versucht Margarets Exliebhaber Archibald ja genau das, wonach das Zuschauerherz verlangt: Er bringt Margaret einen Neuropsychiater. Und was passiert? Margaret lacht ihn aus. Klar, was soll der Psychiater denn auch tun? Zoophilie wurde in Frankreich durch die Aufklärung legalisiert (bis 2004); und die Tierschutzgesetze (die beispielsweise die übermäßige Tierliebe in Deutschland erschweren) waren im Frankreich der 1980er Jahre vermutlich noch nicht besonders stark. Die einzige rechtliche Blockade – die am Ende des Films auch angesprochen wird – war das Mietrecht. Und dann das offene Geheimnis der Liebe zum besten Freund des Menschen, dem Hund, die bei einer keineswegs repräsentativen, aber dennoch existenten Minderheit der Hundebesitzer in sexuelle Formen übergehen soll… der Ausgangspunkt der Geschichte ist, so schwer es auch vorzustellen sein mag, irgendwie im Rahmen des Möglichen.

Andererseits wirkt sie natürlich auch wie eine Art Magischer Realismus. Eine Frau, ein Schimpanse, eine wahre Liebe? C’mon. Angesichts dessen, dass das Drehbuch des Films von Buñuel-Kollaborateur Jean-Claude Carrière (der bei praktisch jedem der bekannten Filme Buñuels am Drehbuch mitarbeitete) geschrieben und von Buñuel-Produzent Serge Silberman produziert wurde, liegen die Vergleiche mit den Werken unseres frankomexikanospanischen Lieblingssurrealisten natürlich nicht fern. Und sicher hat der Film diesen ganz besonders französischen Stil, der auch Filme wie Le charme discret de la bourgeoisie (1972) durchdringt. Aber Buñuels Filme stecken voller Absurditäten; klein, groß und überall, wohingegen Max, Mon Amour eigentlich bloß eine Einzige besitzt, und diese bis zum Ende mit ernster Mine und unter ansonsten relativ glaubhaften Bedingungen durchzieht – deshalb mein Vergleich mit dem Magischen Realismus (wobei die authentische Liebe zwischen Max und Margaret das eine magische Element darstellen).

Übrigens fiel mir auf, dass die Liebe zwischen einem Menschen und einem Affen schon lange vor Max, Mon Amour im wesentlich bekannteren Film Planet of the Apes (1968, von Franklin J. Schaffner, mit Charlton Heston) dargestellt wurde – in einem geschlechtlich umgekehrten Verhältnis. Klar, es wird nicht ganz ausgelebt (Charlton holt sich am Ende lieber eine stumme und unterwürfige Menschenfrau…), aber dennoch, Sentimentalität war eindeutig vorhanden. Im Gegensatz zu Schaffners Film, der eine offensichtliche Botschaft über die Hybris des Menschen und den Rassismus enthält, hat man bei Max, Mon Amour keine Ahnung, was der Film einem eigentlich mitteilen will. Die Hauptcharaktere sind im Grunde sympathisch, die Pariser Gesellschaft wird nicht einmal ansatzweise veralbert. Alles in mir schreit WHY, OH WHY? – aber da der Film dennoch funktioniert, kann ich diese Frage einfach ignorieren.

Und Herr Fräulein Himbär hat zwei tolle Assoziationen zur Gestaltung des Titelbilds dieses Films:

eins, zwei, drei.

Inhaltlich scheint es keinen Sinn zu ergeben. Aber vielleicht ja doch? Hat vielleicht jemand eine Idee? Irgendjemand?

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