Stubenhockerei

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Nostalghia (1983)

nostalghia

In Andrej Tarkowskijs Filmen gibt es immer sehr viel Wasser. Es fließt über den Boden, plätschert durch marode Dächer, oder regnet ganz gewöhnlich vom Himmel. Manchmal stehen die Figuren auch knietief darin. Alles bei Tarkowsijy ist feucht, wie von immer wiederkehrenden Regenschauern durchtränkt. Und irgendwie besteht sogar eine Ähnlichkeit zwischen seinen Filmen selbst und einem milden Regenschauer: Sie beginnen, sie regnen einfach dahin, sie lassen sich Zeit, soviel Zeit, wie sie eben brauchen, bis sie irgendwann zu ihren Ende finden – ohne Drama, ohne Hoch- und Tiefpunkte: Sie fließen. Sie bewegen sich nicht wie die gewohnten Filme, sie wirken wie ein ganz natürliches Phänomen. Dies bedingt eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber dem Zuschauer, eine Art wohlwollende Indifferenz.

Wie die meisten seiner Filme ist auch Nostalghia ein sehr persönliches Werk: Der Dichter Andrej, eine nur dünn verschleierte Version von Tarkowskij selbst, recherchiert in Italien für eine Biographie des (fiktiven) russischen Komponisten Pawel Sosnowskij. Eine junge Übersetzerin begleitet ihn bei seinen Streifzügen durch die toskanische Landschaft; doch Andrej schwelgt in Erinnerungen an seine Frau, an sein Kind, an Russland. Und so trifft er schließlich auf den geistesgestörten Domenico, der seine Frau und sein Kind über Jahre einsperrte, um auf das Ende der Welt zu warten. Dieser Domenico ist, wie so viele Elemente in Tarkowskijs Welt, angefüllt mit einer diffusen Spiritualität, und so ist auch sein tragisches Ende wie auf magische Weise mit jenem Andrejs verknüpft.

Der Film ist reich an Dialogen, doch obwohl diese Dialoge irgendwie außerweltlich, nicht wie realistische, tatsächliche Gespräche wirken, sind sie niemals prätentiös oder aufgesetzt. Sie bieten keine klare Interpretationen, nur Andeutungen, die zusammen die eigenartige Stimmung des Films erzeugen – beispielsweise über Sosnowskij, der im 18. Jahrhundert einen Teil seines Lebens in Italien verbrachte, dann jedoch wegen seiner Liebe zu einer russischen Leibeigenen nach Russland zurückkehrte, Alkoholiker wurde und sich umbrachte.

Tarkowskij selbst wurde während des Drehs von Nostalghia, der ursprünglich von der sowjetischen Mosfilm mitproduziert wurde, mehr oder minder nach Westeuropa exiliert, nachdem die Sowjetunion ihm die Finanzierung für seinen Film kündigte. Und vielleicht (wahrscheinlich) oszillierten auch seine Gefühle zwischen einer Sehnsucht für sein Land und seine Familie und der Faszination für die kreativen Freiheiten, die ihm der Westen bieten konnte (die sich gleichzeitig aber möglicherweise auch ein bisschen leer anfühlte).

Auch in Nostalghia lässt Tarkowskij jedes seiner Bilder (da wären wir wieder bei der Metapher) ineinander fließen. Sie fließen mit einer vollkommenen, meditativen Ruhe, die sogar einen Selbstmord durch Selbstverbrennung schön und friedlich erscheinen lässt. Und dann, irgendwann, hören sie einfach auf.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 27. Januar 2013 von in Filme und getaggt mit , , , , , , , .
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