Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Fabulous(l)y Bad Movies Night: The Room (2003) und Troll 2 (1990)

theroom

Nachdem ich nun seit rund einer halben Stunde vor meinem Bildschirm sitze, unfähig, irgendeinen gewitzten Anfang für diese Notiz zu finden; unwillig, mal wieder mit einem ausführlichen Warum-mir-der-Anfang-so-schwer-fällt-Anfang zu beginnen; ebenfalls unwillig, hier Umberto Ecos Beschreibung des Madonna Inns zu reproduzieren („Die dürftigen Worte der menschlichen Sprache reichen nicht aus, um [The Room & Troll 2] zu beschreiben…“); unwillig, hier zu Beginn eine Liste von unglaublichen Fakten zu reproduzieren („In Troll 2 besteht weder ein inhaltlicher Zusammenhang zum Film Troll, noch kommen in ihm Trolle vor“); also alles in allem unwillig und vor allem -fähig; nehme ich nun Zuflucht in einer Liste von schlechten Witzen. Man verzeihe es mir. Aber nun: The Room und Troll 2 sind so schlecht, dass

– Til Schweiger in beiden Filmen die Hauptrolle spielen wollte

– Nordkorea mit ihnen Dissidenten foltert

– bei ihrer ersten Projektion auf eine Leinwand ein Tor in eine andere Dimension geschaffen und Cthulhu erweckt wurde

– man wegen ihnen die erste „Goldene Himbäre“ „Goldene Himbeere“ verlieh

– die Mayas beide Filme in einer Weltuntergangsvision vorhersahen

– die USA nach dem War on Drugs und dem War on Terror nun zum War on The Room and Troll 2 ausgerufen haben

– Filmstreifen, die nach einem der beiden Filme durch den Projektor laufen, sich mit ihnen infizieren

– nach hunderten von Jahren erstmals echte Trolle in Kontakt mit den Menschen traten, um die Macher von Troll 2 zu verklagen

– die EU Filmposter von The Room und Troll 2 auf Zigarettenschachteln kleben will, um Raucher zu warnen

– Pro-Ana-Seiten sie als Brechmittel empfehlen

– man die Filmstreifen in Irland öffentlich verbrennen wollte, das Feuer sich jedoch weigerte

– und, zu guter Letzt: dass sie selbst die miesesten dieser Witze in den Schatten stellen.

Ich denke, das gibt schon einen recht guten Eindruck. Beide Filme genießen einen unfassbaren Kultstatus: So wurde über Claudio Fragassos Troll 2 im Jahr 2009 eine Dokumentation mit dem Titel Best Worst Movie gedreht. Tommy Wiseaus The Room führt in den USA inzwischen zu Rocky-Horror-Picture-Show-artigen Veranstaltungen, bei denen sich die Zuschauer wie ihre Lieblingsfiguren kostümieren und – in Anspielung auf ein unerklärtes Bild von einem Löffel im Wohnzimmer der Hauptfiguren – Plastiklöffel durch den Kinosaal werfen. Beide Filme sind so dermaßen absurd schlecht, dass es wirklich müßig wäre, jeden Aspekt ihrer Grauenhaftigkeit hier aufzuzählen: Die sogenannten Schauspieler, die furchtbaren Dialoge, die offensichtlichen Lücken in ihrer Handlung, und so weiter und so fort. Das Skript von Troll 2 wurde übrigens von der nur mit bruchstückhaften Kenntnissen der englischen Sprache ausgestatteten Frau des Regisseurs verfasst; es wurde gegen jeden Verbesserungsvorschlag der englischsprachigen Schauspieler verteidigt und musste penibel eingehalten werden.

Wer mehr über die Filme erfahren möchte, oder nach Möglichkeiten sucht, die Flutwelle von Absurditäten, mit denen beide Filme auf ihre Zuschauer niederpreschen, in seinem Gedächtnis zu ordnen, dem möchte ich ans Herz legen, sich in den zahlreichen anderen Blogs zu informieren. Oder man lese sich die Trivia-Einträge bei IMDb und Wikipedia, oder die Tropenlisten bei TvTropes durch… es besteht wirklich kein Mangel an Quellen.

Was ist das faszinierende an „schlechten“ Filmen wie Troll 2 und The Room? Klar, wahrscheinlich sieht man sie einfach nur zu dem Zweck an, sich über sie lustig zu machen. Aber ich glaube, dass sie auch eine sehr lehrreiche Seite haben, und dies zeigt sich gerade dann besonders deutlich, wenn man beide Filme gegenüberstellen kann. Interessanterweise sind Troll 2 und The Room auf sehr unterschiedliche Weisen schlecht: Sogar gemessen an den Standards des Fantasy-Horror-Genres ist die Geschichte von Troll 2 einfach nur vollkommen hanebüchen: Die kannibalistischen Vegetariermonster aus Stonehenge könnte man ja sogar noch durchgehen lassen, aber der Großvater funktioniert wie ein permantenter Deus-ex-Machina, der sich nicht nur im Zimmer vertut, wenn er aus dem Reich der Toten erscheint, sondern auch noch vollkommen unerwartete Waffen produziert; nicht nur einen aus dem Nichts kommenden Molotovcocktail, sondern am Ende auch noch die eine Superwaffe produziert – ein gottverdammtes Wurstsandwich, dass die vegetarischen Goblins schmelzen lässt.

Die Story von The Room ist hingegen recht konventionell: Eine Dreiecksbeziehung, Lug und Trug bei einem scheinbar glücklichen Paar, Fremdgehen mit dem besten Freund des Verlobten, und so weiter. Doch genau wie in Troll 2 werden die einzelnen Handlungselemente so miserabel wie nur möglich umgesetzt – alles hängt und holpert und wird mit einer unfassbaren Plumpheit darauf zurückgeführt, dass Lisa, die weibliche Hauptfigur, eine böse Egomanin ist, die den armen, sensiblen Johnny (gespielt von Tommy Wiseau himself) mit ihrer Hinterhältigkeit und ihrem Hedonismus zerstört. Das ist, als Story, zwar kein toller Stoff, aber eigentlich nicht so verschieden von dem, was viele Filme letztendlich erzählen. Doch The Room fehlt dabei jegliche Subtilität, Johnny ist eine wunderbare, jesusgleiche Figur, Lisa ist ein böses Weib, deren Mutter sie zu einer Ehe mit Johnny überreden will, damit sie durch ihn finanzielle Absicherung erfährt – als Frau ist das schließlich auch gar nicht anders möglich, gell?

Doch die ultimative Schlechtheit beider Filme wird vor allem in der Umsetzung einzelner Szenen offenbar – in den holprigen, wesentlich mehr als nur gestelzt klingenden Dialogen, in unerwarteten Auftritten von Figuren, in unnötigen und nicht ausgearbeiteten Subplots und Nebenkonflikten. Dies ist auch der Aspekt, auf dessen Diskussion ich in dieser Notiz verzichten – und nochmals auch viele andere Quellen verweisen – möchte. Es wäre überflüssig und würde, zugegebenermaßen, meinen zeitlichen Rahmen sprengen.

Auf einer anderen Ebene fällt jedoch auf, dass Troll 2, von einem rein technischen Aspekt betrachtet, eigentlich gar nicht so schlecht gedreht ist. Trotz anscheinend eklatanter Sprachbarrieren beim Dreh – zwischen einer italienischen Crew und amerikanischen Schauspielern – stimmen die Beleuchtung, die Kamerabewegungen, die Einstellungen und so weiter. Sie sind nicht herausragend und zuweilen etwas cheesy, bleiben aber eher unauffällig – und ich möchte sogar, so komisch es klingt, behaupten, dass der Film rein technisch betrachtet vielen anderen Horrorfilmen überlegen sein dürfte. Ich hatte Troll 2 vor wenigen Jahren schon einmal gesehen und muss zugeben, dass mir dies erst gestern, bei einer Gegenüberstellung mit The Room aufgefallen ist.

The Room ist unter anderem insofern lehrreich, als dass er alles aufzeigt, was man beim Dreh eines Films – naja, eigentlich sogar beim Fotographieren – beachten sollte: Wiseau achtet nicht auf das Licht, er achtet nicht auf den Bildausschnitt, der einige Figuren willkürlich ausschließt. Ja, vor allem große Regisseure brechen gerne die Regeln der „guten“ Kameraführung, wenn sie Figuren beispielsweise plötzlich von der Seite ins Bild spazieren lassen oder die Aufnahmeachse überspringen. Sie verarbeiten diese Regelbrüche zu einer eigenen, funktionierenden Ästhetik. Aber Wiseau zeigt, warum es diese Regeln überhaupt gibt: Seine Bildaufteilung wirkt vollkommen willkürlich. Neben vielen offensichtlichen Fehlern (in denen es beispielsweise so wirkt, als würden zwei miteinander sprechende Personen beim Gespräch aneinander vorbeischauen) besteht ein wesentliches Problem darin, dass die Kamera die Handlung nicht begleitet, sondern ihre Darstellung sogar behindert: Dies wird schon in der ersten Sequenz offenbar, wenn Johnny zwei- oder dreimal Lisas neues Kleid lobt, und die Kamera den sitzenden Johnny, Lisas Gesicht, die wackelnde Treppe und schließlich Lisa von hinten und den sie anschauenden Johnny zeigt – aber keine verdammte Aufnahme, die darauf ausgelegt ist, das mehrmals erwähnte neue Kleid zu zeigen.

Seine besten Aufnahmen erzielt Wiseau übrigens, wenn er im Stile einer Soapopera filmt. Die ständigen Unterbrechungen mit Stock-Aufnahmen von San Francisco, die wirklich keinen narrativen Zweck erfüllen, zeigen, dass Wiseaus Inspiration vor allem aus Fernsehserien stammen dürfte.

Gut, beide Filme zeigen also unterschiedliche Aspekte dessen, was man nicht machen sollte, wenn man einen Film dreht. Aber zeigen sie uns noch etwas darüber hinaus? Ja. Während große, künstlerische Regisseure Regeln bewusst brechen, weil sie sie ablehnen, weil sie etwas zeigen oder Neues erschaffen wollen, brechen Fragasso und Wiseau diese Regeln anscheinend unbewusst, aus einem Mangel an Fähigkeit. Ihr Regelbruch ist anderer Natur und führt entsprechend zu einer anderen Erfahrung. Sie brechen zuweilen sogar Regeln, von denen man sich vielleicht gar nicht klar war, dass sie überhaupt existieren. Und viele ihrer Regelbrüche sind besonders eigenartig, weil sie – auf eine andere Weise, als künstlerische Regisseure dies tun – auf die ungeschriebenen Konventionen des Films aufmerksam machen. Man denke an den schiefen Gesang in beiden Filmen: Klar, das ist lustig, aber es ist auch wesentlich näher den Gesangsqualitäten von realen Personen als der professionell gespielt-unprofessionelle Gesang in anderen Filmen – selbst wenn ein Broadway-Star versucht, für einen Hollywoodfilm mehr wie eine durchschnittliche Person zu singen, klingt er immer noch besser, als du oder ich. Der unfassbar unharmonische Geburtstagsgesang in The Room kommt dem wahrscheinlich schon näher.

Oder nehmen wir die oft erwähnte Sexszene in The Room, in der die Reste der romantischen Rosenblätter schließlich an Lisas speckigem Rücken haften: Natürlich, Wiseau wollte offensichtlich eine erotisch-kitschige Sexszene drehen, die unter anderen aus diesem Grund (aber auch, weil es so aussieht, als penetriere er Lisas Bauchnabel) scheitert. Aber ist diese Imperfektion – also die ungrazilen Rosenreste, die klobigen Bewegungen, die entweder sehnig-faltigen oder eben speckigen Körper – nicht viel näher an echter Sexualität als die meisten aufpolierten Hollywood-Versionen? Oder auch der angeblich so unpornographische, so unglaublich lebensechte Sex in Independent-Filmen wie Michael Winterbottoms 9 Songs (2004)? Es ist irgendwie eigenartig, dass das Publikum (und auch man selbst) so sehr über diese Bilder lacht. Ja, sicher, lieber Leser, man kann mir jetzt vorwerfen, nur von meinem eigenen entweder sehnig-faltigen oder speckigen Körper auszugehen – aber seien wir doch mal ehrlich.

Dies ist vielleicht sogar das Faszinierendste daran, einen schlechten Film im Kino zu sehen – zu beobachten, wie das Publikum um einen herum, und auch man selbst, über Dinge lacht, die in Filmen gar nicht so untypisch sind (wie viele Aspekte der hanebüchenen Story in Troll 2 oder die offensichtliche, aber Wiseau selbst anscheinden völlig unbewusste Misogynie in The Room) oder eben sogar gerade deshalb realitätsnah, weil sie sich für einen ordentlichen Film einfach nicht gehören.

Um noch einmal darauf zurückzukommen: Die Dialoge in beiden Filmen sind grotesk und fernab von allem, was ein Mensch in einem normalen Film oder gar im realen Leben sagen würde. Aber gilt Letzteres, die Realitätsfremdheit, nicht für jeden Film? Ich mache es inzwischen nur noch selten, aber früher setzte ich mich manchmal in Cafés, belauschte die Gespräche von wildfremden Menschen und achtete darauf, wie reale Menschen wirklich klingen. Es ist erschreckend. Irgendwann fing ich an, auch meine eigenen Gespräche „von außen“ zu belauschen, und das war sogar noch erschreckender. Jeder Mensch macht ständig grammatikalische Fehler, verwendet eine Unzahl von Füllwörtern, benutzt bekannte Wörter falsch, bleibt in Sätzen hängen, macht zwischendurch eigenartige Geräusche, und so weiter, und so weiter. Würde ein Regisseur oder ein Schriftsteller versuchen, die Gespräche seiner Figuren wirklich realistisch darzustellen, müsste er den Zuschauern oder Lesern damit auch den Eindruck vermitteln, seine Figuren seien allesamt stark sprachbehindert. Unter diesem Licht betrachtet ist die ständige Wiederholung immer gleicher Sätze in The Room – „Oh hai Dehnny!“ – vielleicht sogar so etwas wie Cinema Verité (danke für den Hinweis, Herr Fräulein Himbär!). Aber warum sind die Dialoge in „guten“ Filmen glaubhaft, und jene in Troll 2 und The Room nicht? Es ist im Grunde nicht mehr als eine Frage der Gewöhnung an Konventionen, die diese Filme unbewusst brechen.

Und das ist nur einer von vielen Aspekten, aufgrund derer ich jedem Leser empfehlen möchte, beide Filme zu sehen. The Room hatte übrigens vorgestern, am Freitag, Deutschlandpremiere in der Brotfabrik in Berlin-Weißensee – ich kann nur hoffen, dass er fortan häufiger gezeigt wird (leider ist wohl nicht davon auszugehen, dass sich hier ein Kult nach amerikanischem Vorbild entwickelt). Allerdings gibt’s den Film auf youtube. Zu Troll 2 konnte ich leider nur einen Trailer finden.


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4 Kommentare zu “Fabulous(l)y Bad Movies Night: The Room (2003) und Troll 2 (1990)

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  4. Ronny Kupferschmid
    15. Januar 2015

    perfekt geschrieben. dem gibt’s nichts hinzuzufügen. ausser, the room kann in zürich in bälde auf grossleinwand bewundert werden:
    http://kultmoviegang.ch/?p=465

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 28. April 2013 von in Filme und getaggt mit , , , , , , , , , , .
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