Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Herrmann (2012)

herrmann

Redas Wakamatsu-inspirierter Herrmann ist ein interessanter und ausgesprochen gut umgesetzter Kurzfilm, bei dem mein Hirn anfangs leider einfach nicht richtig schalten wollte. Um zu erklären, woran genau sich mein Denken aufhing, muss ich hier leider etwas spoilern, was dem Film, den man meiner Meinung nach am besten unvorbereitet und uninformiert genießen sollte, nicht gut bekommt – wer den Film noch nicht gesehen hat, dem sei also empfohlen, hier auch nicht weiterzulesen. Schaut lieber den Film und Adieu.

Titelfigur Herrmann ist ein netter, lieber Familienvater sowie auch ein politisch engagierter Linker, der plötzlich, auf dem Weg zu irgendeiner politischen Veranstaltung, von zwei vermummten Frauen betäubt und entführt wird. Herrmann erwacht, an einen Tisch gefesselt und mit einem Mundspekulum geknebelt, in einem kargen weißen Raum. Zwei in weißem Latex gekleidete, maskierte Frauen treten ein und vergewaltigen Herrmann in einer gefühlt ewig dauernden Szene mit Umschnalldildos. Später liest er einen Text in einen Camcorder: Männer sollen sich nicht mehr sicher fühlen, Vergewaltigungen auch von der anderen Seite, auch er sei einschlägig bekannt. Am Ende findet sich Herrmann genau dort wieder, wo er am Anfang des Films entführt wurde; missbraucht und weggeworfen.

Mein Gedankenfluss hing sich zunächst einmal an einem sehr banalen Aspekt auf: Warum ist Herrmann ein Linker? Sind seine Vergewaltigerinnen politisch motiviert, d.h. rechts? Wenn nicht, spielt seine Gesinnung irgendeine Rolle? Erst durch eine anschließende Plauderei mit Herrn Fräulein Himbär wurde mir klar, dass Herrmanns politischer Aktivismus, genau wie sein Vater- und Ehemannsein, ihn zu einer Identifikationsfigur oder zumindest zu einer für das Publikum sympathischen Figur machen sollte; um das Publikum, in den Worten Himbärs, in einen vermeintlichen Komfort zu lullen. Eine wahrscheinlich wirksame Strategie, die an mir leider vollkommen verloren ging, weil ich politisch besonders engagierte Menschen tendenziell eher unsympathisch finde. Aber gut, das ist meine persönliche Spinnerei.

Das zweite Problem entstand durch den von Herrmann nach seiner Vergewaltigung vorgelesenen Text – Männer sollen sich, wenn ich es richtig rekonstruieren kann, nicht mehr sicher fühlen. Auch Frauen können vergewaltigen. Herrmann ist einschlägig bekannt. Aber ist Herrmann als Vergewaltiger einschlägig bekannt? Falls ja, ist die Aktion letztendlich doch eine bloße Rache, eine kleine, recht unproblematische Selbstjustiz(-Phantasie), aber keinesfalls vergleichbar mit der Situation einer Frau, die ganz ohne eigenes Verschulden riskiert, vergewaltigt zu werden. Ist Herrmann also vielleicht doch kein Vergewaltiger, sondern für irgendetwas anderes „einschlägig bekannt“? Falls ja, für was? Und warum er? Ist er also doch ein Vergewaltiger? Ach, Gedankenspirale!

Durch diese beiden mentalen Aufhänger wird in dieser Notiz leider bislang gar nicht klar, warum ich den Film überhaupt in meinem ersten Satz lobte. Reda setzt sein Konzept – die Umkehrung einer Pornophantasie – wirklich großartig um: Nicht nur die Erwartungshaltung an den netten, linken Familienvater, sondern auch die Erwartung an die mögliche Gestaltung einer von Frauen an einem Mann ausgeführten Vergewaltigung werden wieder und wieder gebrochen. Treten die beiden Entführerinnen in den Raum, in dem Herrmann gefesselt über einem Tisch hängt, sehen wir zuerst ihre hochhackigen Fetisch-Platauschuhe, wir sehen ihre eng anliegenden Latexkostüme und erst zuletzt ihre Umschnalldildos. Dieses zunächst sehr sexuelle Bild wird jedoch nach und nach vollkommen de-sexualisiert – die Gesichter der Frauen verbergen sich hinter albernen (japanischen?) Masken, ihre Bewegungen sind mechanisch und steril (ein bisschen wie in Sayadians Café Flesh, bloß ohne die Komik) und ihre weißen Latexanzüge wirken so asexuell wie Ganzkörperkondome. Es ist alles, was Erotik nicht sein will.

Ich mochte den Film und find’s schade, dass er nicht häufiger zu sehen ist. Auf youtube gibt’s zumindest einen Teaser:

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 5. Mai 2013 von in Filme, Kurzfilme und getaggt mit , , , .
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