Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Přežít svůj život (2010)

survivinglife

Mit Přežít svůj život (Surviving Life / Sein Leben überleben, 2010) haben Herr Fräulein Himbär und ich heute den bislang (aber hoffentlich nicht endgültig) letzten Film des wunderbaren Jan Švankmajer gesehen. Dieser tritt hier übrigens in einer Art Intro auf, in dem er uns erklärt, dass die eigenartige Form des Films, den wir gleich zu sehen bekämen, nicht auf eine gewollt-avantgardistische Stilisierung, sondern auf simple Budgetschwierigkeiten zurückzuführen sei. Um Kosten zu sparen, wurden in vielen Szenen die Kameraaufnahmen durch Fotoausschnitt-Animationen (s.o.) ersetzt. Diese gilliamesken Animationen mischen sich mit normalen, meist sehr einfachen Aufnahmen der Gesichter der Figuren, was im Kontext des Films tatsächlich zunächst ziemlich befremdlich anmutet – man gewöhnt sich aber daran.

Zunächst fühlt man sich wirklich in Monty Python versetzt: Die Hauptfigur Evžen findet sich umgeben von aufblasbaren Melonen, riesigen Eiern, seltsamen Huhn/Mensch-Hybriden und Repliken seiner Selbst. Irgendwann trift er auf die junge Eva, die ihn mit einem gewissen „Milan“ zu verwechseln scheint. Eva und Evžen verabreden sich zu einem Kaffee, doch dann wacht Evžen auf.

Evžen, ein mittelalter, seit 25 Jahren verheirateter Sachbearbeiter, beginnt, der Frau in seinen Träumen nachzujagen, und die surreale Welt seiner Träume vermischt sich zunehmend mit der nur leicht weniger surrealen Realität. Das klingt, ja, nach einem Klischee, aber Švankmajer schafft es, dieses leider etwas ausgelutschte Thema auf neue, unvorhergesehene Weise umzusetzen. Das liegt zunächst daran, dass die Švankmajer’sche Realität sich nie ganz vom Traum abgrenzen lässt, was in diesem Film allein schon durch die Stilisierung mit Cut-Out-Animationen bedingt ist. Während hier zwar keine mannsgroßen Eier herumrollen, wird zum Beispiel Evžens Chef von einem Hund mit einem anzugtragenden Menschenkörper begleitet, was in dieser Welt wohl eine vollkommene Selbstverständlichkeit darzustellen scheint. Und so begibt sich unsere Hauptfigur, wenn sie unter einer Traumblockade leidet, zu einer Psychoanalytikerin, deren Gespräche von Portraitfotos von Sigmund Freud und Carl Gustav Jung kommentiert werden – mit Grimassen, Schlägen, Fußtritten und Gesten der Verzweiflung und Verwunderung.

Man merkt schnell, dass eine Verbindung zwischen Eva, die irgendwann Eliza, Elizabeth und schließlich Evženia heißt, und Evžen besteht, die über eine bloße Verliebtheit hinausgeht. Mehr und mehr Ereignisse in Evžens Träumen von ihr spiegeln Ereignisse aus seiner Kindheit, und naja, wir brauchen eigentlich nicht einmal den Kommentar der Psychoanalytikerin, um irgendwann auf die Fährte  zu Ödipus zu stoßen. Das antike Drama stellt schnell den Schlüssel dieser Geschichte dar, in der sich zwar nicht eine Prophezeiung erfüllen, aber eine Lebensgeschichte zusammensetzen muss, inklusive des bitteren Endes (oder, in diesem Fall, Anfangs). Jede weitere Interpretation ist im Grunde überflüssig, denn schließlich deutet die Psychoanalytikerin jedes Element von Evžens Träumen, im Freud’schen und im Jung’schen und manchmal in einem beide gleichermaßen beschämenden Sinne.

Trotz seiner eigentlich sehr tragischen Geschichte (ist Ödipus nicht auch eine wesentlich tragischere Figur als Faust?) ist Surviving Life der Leichteste von Švankmajers Langfilmen. Man vermisst ein bisschen die schwere, düstere, groteske Welt aus seinen früheren Filmen, die hier vielleicht auch einfach wegen der Umstände – durch die Cut-Out-Animationen – nicht aufkommen will. Das ist Schade, tut diesem wirklich sehr schönen Film an sich aber keinen Abbruch.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 8. Juni 2013 von in Filme und getaggt mit , , , , , , .
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