Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Dune (1984)

dune

Um den Größenwahn dieses Film wirklich wertschätzen zu können, sollte man, bevor man ihn selbst betrachtet, zunächst einmal in seiner komplexen Produktionsgeschichte blättern. Die begann nämlich schon lange vor den Dreh dieses Films, im Jahre 1971, als Planet-der-Affen-Produzent Arthur P. Jacobs sich die Rechte an der Verfilmung von Frank Herberts literarischer Vorlage sicherte. Jacobs suchte zwei Jahre lang erfolglos nach einem Regisseur, bis er 1973 starb. Das Filmrecht wanderte an eine französische Gesellschaft, die wiederum Kultregisseur Alejandro Jodorowsky, der gerade seinen LSD-durchtränkten The Holy Mountain (1973) veröffentlicht hatte, mit der Regie beauftragte. Unter Jodorwskys Leitung schwoll das Projekt in gigantomanische Ausmaße: In dem 10-Stunden-Werk hätten (unter anderem) Salvador Dalí, Orson Welles, Gloria Swanson, David Carradine, Alain Delon und Mick Jagger mitspielen sollen (Dalí verlangte 100.000 US-Dollar pro Drehstunde); die Musik hätte von Avant-Garde-Künstlern wie Karlheinz Stockhausen, Henry Cow und Magma sowie von Pink Floyd komponiert, die künstlerische Leitung von Comickünstler Moebius (Jean Giraud) und H.R. Giger übernommen werden sollen. Der Film wurde nicht nur immer teurer, sondern auch immer länger, und 1976 hatte das Skript des mindestens 14 Stunden langen Films nach Aussage von Frank Herbert bereits „den Umfang eines Telefonbuchs“.

Also wanderte das Filmrecht weiter, dieses Mal an Dino De Laurentiis, der von Fellinis La Strada (1954), Vadims Barbarella (1968), Milius‘ Conan der Barbar (1982) bis Raimis Army of Darkness (1992) in seinem Leben mehr Filme produziert hat, als man es für einen bloßen Menschen für möglich halten würde; und nachdem Jodorowsky das Projekt verzweifelt aufgab, und Special-Effects-Designer Dan O’Bannon in eine psychiatrische Klinik eingeliefert wurde (wo er angeblich 13 Drehbücher schrieb, von denen eines später von Ridley Scott in Alien (1979) umgesetzt wurde); nach alledem beauftragte De Laurentiis Frank Herbert mit dem Schreiben eines neuen Drehbuchs, das sich allerdings ebenfalls als zu lang herausstellte. Kurz nach Fertigstellung von Alien bat De Laurentiis also den eben erwähnten Ridley Scott, zusammen mit (Drehbuch-)Autor Rudy Wurlitzer und H.R. Giger endlich das Projekt Dune zu verwirklichen. Aus persönlichen Gründen zog sich Scott jedoch bald aus dem Vorhaben zurück und drehte Blade Runner (1982). De Laurentiis gab das Projekt also schließlich an David Lynch weiter, der dafür übrigens den Dreh von Star Wars Episode VI – Die Rückkehr der Jedi-Ritter ablehnte.

Lynchs Cast war ein wilder Mix aus noch unbekannten Schauspielern wie, in der Hauptrolle, Kyle MacLachlan, oder dem zu diesem Zeitpunkt noch vor allem als Shakespeare-Darsteller bekannten Patrick Stewart, und internationalen Stars wie Max von Sydow, José Ferrer und Sting. Um seinen Film in der mexikanischen Wüste zu drehen, musste die Wüste zunächst von 200 Arbeitern gereinigt werden, und der Film hatte zwar nicht so gigantische Ausmaße wie in Jodorowskys Vision, verbrauchte aber immerhin 40 Millionen US-Dollar, was 1984 noch viel Geld war. Letztendlich war der Film fast drei Stunden lang, wurde vom Studio gekürzt und gegen Lynchs Willen neu zusammengeschnitten, was ein solches Chaos verursachte, dass selbst die heute kursierende Drei-Stunden-Version angeblich nichts mehr mit Lynchs ursprünglicher Vorstellung zu tun haben soll, weshalb sich dieser auch so weit von dem Film distanziert, dass er in einigen Versionen des Films hinter dem Hollywood-Pseudonym Alan Smithee verbirgt, und in Interviews erst gar nicht über Dune sprechen wollte.

Was kam also dabei heraus? Ein ausgesprochen cheesiges Werk, bei dem sich irgendwelche intergalaktischen Adelshäuser um einen Drogenplaneten zoffen, bei dem ein braver, religiöser Held gemeinsam mit edlen Wilden gegen einen prunkvollen Kaiser und einen homosexuellen, kranken, fliegenden Techno-Baron kämpft, unterlegt mit der Musik von Toto und Brian Eno – und alles schwankt zwischen lynchesk-genial und awkward-idiotisch: Nicht nur in den surrealen, Twin-Peaks-esken Traumszenen, sondern auch im generellen Dekor spürt man den Stil Lynchs. Da ist zum Beispiel der Chef der sogenannten Gilde, ein durch zu hohen Konsum intergalaktischer Drogen mutiertes Ding, das aussieht wie eine Kreuzung zwischen dem Eraserhead-Baby und Slimer aus Ghostbusters (auch 1984) – und zu allem Überfluss schwebt dieses Ding  irgendwann auch noch durch Zeit und Raum, und wir erkennen, dass sowohl das Eraserhead-Baby als auch Slimer als auch dieser Mutant eben alle verfremdete Versionen eines Spermatozoids sind. Und wenn man diese Verbindung erst einmal akzeptiert, dann wird dieser eigentlich sehr dumme Film, der ansonsten nur durch teils sehr nette Aufnahmen und gute Schauspieler punkten kann, gleich um vieles lynchiger, denn schließlich besiegen die Helden die bösen Mächte nur, indem sie auf riesigen Würmern reiten. Man braucht nicht Dr. Freud zu heißen, um zu sehen, dass hier irgendetwas schräg ist – und vor allem schräg gemeint war.

(Ich habe die Vermutung, dass David Lynch der homosexuellen Dekadenz des Barons eigentlich eine angedeutete ödipale Beziehung auf Seiten der Helden entgegenstellen wollte, was dem Film auch seine homophobe Tendenz genommen hatte. Aber sicher wurde genau dies auch aus dem Film gekürzt…)

Der böse Baron ist übrigens nicht nur schwul, er lebt auch auf einem stählernen, stark an Terry Gilliams Brazil (1985) erinnernden Planeten, in einer Welt mit einem dunkel bebrillten Dr. Mengele mit abgetrenntem Ohr (ist es das Ohr, das in Lynchs Blue Velvet (1986) wieder auftaucht?), mit felliniesken Zwergen, die aus unerklärten Gründen auf eine hängende Kuh einstechen, und alle – inklusive des Barons und seines von Sting verkörperten Liebesbubis – haben knallorange Haare; der Baron ist fett und schwebt wie ein Ballon, wie ein mit Helium gefüllter Zirkusclown, durch die Räume – das verleiht diesem Film einen Funken der Genialität, die man von Lynch gewohnt ist.

Und es hätte wirklich etwas werden können aus diesem durchgeknallten Film; aber leider steht all den positiven Aspekten ein grauenvolles Skript gegenüber, in dem alles drei-, vier-, fünfmal wiederholt wird, in dem jeder noch so banale und offensichtliche Gedanke aus dem Off gesprochen wird, in dem vieles erzählt wird, was doch eigentlich lieber hätte gezeigt werden sollen, in dem alles mit dieser erbärmlichen Fantasy-Sprache erschlagen und der Held so dämlich glorifiziert wird, dass man am Ende, bei Kyle MacLachlans Inthronisation, meint, man wohne der Amtseinführung eines intergalaktischen Über-Faschisten bei. Wie viel davon auf die literarische Vorlage zurückgeht, kann leider nur sagen, wer das Buch gelesen hat.

Wie auch immer, ich bin froh, diesen Film endlich einmal gesehen zu haben, und als Lynch-Fan (und vor allem anstrebender Lynch-Komplettist) hat sich’s auch wirklich gelohnt.

Advertisements

Ein Kommentar zu “Dune (1984)

  1. Pingback: Na srebrnym globie {Andrzej Żuławski, 1987} | Stubenhockerei

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 16. Juni 2013 von in Filme und getaggt mit , , , , , , , , , .
unsoundaesthetics

Alternative, elektronische und instrumentale Musik

ergothek

Der Blog mit dem DeLorean

KOMM & SIEH

film international: genre. arthaus. mainstream

Strange Flowers

Highly unusual lives.

KinoKlandestin

Das freie studentische Kino der BUW

licence d'artiste

par benoit david

MISE EN CINEMA

Filmreviews.

der breite grat

Filmbesprechungen für einen Grat statt Graben zwischen Arthouse und Exploitation

Movie. Love.

Undying.

%d Bloggern gefällt das: