Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Blue Velvet (1986)

bluevelvet

Zum ersten Mal sah ich Blue Velvet als Kind im Nachtprogramm. Ich wusste nicht, wer David Lynch war; ich wusste nicht, was für einen Film ich da sah und verstand natürlich auch nichts. Zum zweiten Mal sah ich den Film vor einigen Jahren, wobei ich mich sofort daran erinnerte, das abgetrennte Ohr als Kind schon einmal gesehen zu haben. Ich liebte den Film; vielleicht sah ich ihn sogar gleich noch ein drittes oder viertes Mal, ich weiß es nicht mehr. Das definitiv mindestens dritte Mal sah ich ihn dann gestern Abend, nachdem ich ihn schon lange wieder einmal sehen wollte, und ich hatte fast ein bisschen Angst davor, ihn nicht mehr so sehr zu mögen, wie ich ihn nach dem zweiten Sehen mochte, aber dann…

Weit gefehlt. Er lässt mich auch einfach nicht los, dieser Film. Nach außen ist da diese einfache, für Lynch fast banale Geschichte: Nachdem sein Vater einen Schlaganfall erleidet, kehrt Jeffrey (Kyle MacLachlan) in seine Heimatstadt zurück. Seine Neugier führt ihn in eine Kriminalgeschichte, in die er sich selbst immer tiefer verstrickt, bis er irgendwann gar nicht mehr weiß, wie ihm geschieht. Eine, wie gesagt, eigentlich einfache Geschichte, die erst durch so viele Kleinigkeiten zum Mysterium wird:

Fangen wir ganz von vorne an. Wir sehen diese hyperidyllische Kleinstadt, in der uns ein vorbeifahrender Feuerwehrmann mechanisch, in Slow-Motion zuwinkt. Blauer Himmel, rote Rosen. Schulkinder, die, von einer Lotsin beschützt, wie kleine Kücken über die Straße watscheln. Und dann Jeffreys Vater, der seine Blumen gießt – mit einem Schlauch, den er interessanterweise direkt an seiner Hüfte hält, wodurch es ein wenig so aussieht, als würde er auf die Blumen pinkeln. Der Schlauch windet sich um einen Ast, am Wasserhahn staut sich ein Überdruck auf, vorne kommt nichts mehr heraus, und plötzlich greift der alte Her in seinen Nacken, sein Gesicht verzerrt sich vor Schmerz. Er fällt hin, wobei er den Schlauch weiterhin direkt an seinem Genital hält, als spritze das Wasser eben genau dort heraus, und dann spielt auch noch ein Hund in dem in die Höhe sprudelnden Wasser. Die Kamera wendet sich ab, taucht hinab in die grüne Wiese, und zeigt uns das dunkle, unbekannte Treiben der Insekten tief darunter.

Die Eingangssequenz funktioniert wie eine Art Prolog, als wolle sie uns zeigen, wie der gesamte Film unter die Oberfläche dieses suburbanen Idylls tauchen wird; „unter“ die roten Rosen und den blauen Himmel, hin zu dem Schrecken, der darunter liegt. Als würden sich Risse in der Oberfläche auftun, durch die Jeffrey unweigerlich in die andere, verborgene Welt gesogen wird. Diese Dualität wiederholt sich im Film immer wieder – am deutlichsten in Sandys Traum von den heilsbringenden Wanderdrosseln, der zum Ende des Films wahr wird: Eine Wanderdrossel verspeist einen dieser fiesen kleinen Käfer, der Status Quo ist wieder heil, und die idyllischen Bilder des Anfangs sind wieder da. Aber es ist mehr als das. Nicht nur das, was unter ihr lauert, sondern auch die Oberfläche selbst ist bei genauerem Hinsehen zutiefst verstörend: Was hat es mit dieser sexualisierten Pose des Vaters auf sich? Wieso bricht er ausgerechnet in dem Moment zusammen, in dem sich der Wasserschlauch verknotet; welche Beziehung besteht zwischen diesem Schlauch und seinem Körper? Und ist es überhaupt ein Schlaganfall? Später, im Krankenhaus, sehen wir seinen Kopf in ein kompliziertes Gerüst eingespannt, was eher auf eine Verletzung des Nackens bzw. der Wirbelsäule hindeuten würde.

Lumberton, der Ort des Geschehens, wirkt einerseits wie die typisch-amerikanische Postkartenversion einer Kleinstadt, andererseits wie ein schon an sich ausgesprochen seltsamer und unerklärlicher Ort. So hat die anscheinend hauptsächlich von der Holzindustrie abhängige Kleinstadt beispielsweise einen düsteren Jazz-Schuppen, den rätselhaft benannten „Slow Club“. Sie hat ein schräges Bordell und eine Art Mafia. Und während uns das Aussehen der Figuren und einige Einzelheiten immer wieder daran erinnern, dass dieser Film doch eigentlich in den 1980ern spielt, wirkt die Stadt Lumberton an sich wie ein kaum veränderter Import aus den 1940ern oder 1950ern. Das schafft eine gewisse Noir-Atmosphäre, in der sich Jeffrey wie ein fremdes Element bewegt.

Jeffrey wandert zwischen diesen scheinbar strikt getrennten Welten, bis er schließlich immer mehr herausfindet, dass die Dinge wesentlich komplexer sind, als sie zunächst scheinen. Die Sängerin Dorothy (Isabella Rossellini) ist nicht nur ein Opfer Franks, sie eignet sich ihre Opferrolle an, genießt sie sogar. Schließlich bringt sie Jeffrey, der sich als ihr Retter (oder zumindest als Beobachter von der „guten“ Seite) verstehen will, dazu, sie zu schlagen. Die Trennung zwischen ihm und dem furchtbaren Frank ist gar nicht so scharf.

Ach ja, Frank. Frank (Dennis Hopper) ist die wahrscheinlich am besten ausgeprägte Figur des „Bösen“ in Lynchs Filmen. Ein fluchender, prügelnder, aber auch ausgesprochen gefühlsbetonter und lebensfroher Kerl, der in Momenten der Ekstase ein unbekanntes Gas inhaliert. Obwohl all diese Charakterzüge die Trennung zwischen den beiden „Welten“ zu verstärken scheinen, ist Frank kein typischer, abstoßender Bösewicht. Seine Art hat nicht nur eine gewisse Komik, er ist auch die emotional vollständigste, intensivste Figur in einer Welt, die ansonsten (abgesehen von Dorothy, die ähnlich komplex ist) von recht flachen Charakteren bevölkert wird. Das gibt ihm etwas Anziehendes.

Ach ja, Dorothy. Dorothy klingt ja angesichts ihres Namens wie ein Mädchen, das mehr oder weniger unschuldig (vielleicht durch einen unerwartet auftretenden Tornado) in diese Welt katapultiert wurde. Tatsächlich bleibt sie über die Handlung des Films hinweg ein Opfer; aber eben auch das Opfer, das Jeffrey letztendlich verführt. Für ihn wird sie zur Gegenspielerin der reinen, an der Oberfläche des Geschehens verbleibenden Sandy (ein Gegensatz, der schon durch ihre Haarfarben angedeutet wird – die Dualität wiederholt sich in Lynchs Lost Highway (1997)); die Femme Fatale, das Mysterium in weiblicher Form.

Freudianer ergötzen sich natürlich an dem Fakt, dass Frank an die Stelle des kurzzeitig abwesenden Vaters Jeffreys tritt; er zwingt Dorothy sogar, ihn in einer sexuellen Szene, die Jeffrey voyeuristisch beobachtet, als „Daddy“ zu bezeichnen; er nennt Dorothy „Mommy“. Auf der anderen Seite wird Sandys Vater zu einer weiteren Vaterfigur, er gibt ihm „fatherly advice“ – und was sagt das über Jeffreys Beziehung zu Sandy?

Der Film gibt so viele Möglichkeiten zur Interpretation und bleibt doch so unklar. Frank wird nicht nur zu einem Vater Jeffreys, er wird zu einem Teil, oder gar einem Spiegel Jeffreys („You are like me!“). Der Status Quo, der am Ende wiederhergestellt wird, ist ebenso brüchig wie alles davor – was ist das für eine Harmonie, in der die Wanderdrosseln das Böse einfach auffressen? Die offensichtlichste Interpretation schwebt um die Kamerafahrt in das Ohr, die den zentralen Teil des Films einführt, und die Fahrt aus Jeffreys Ohr, die den zentralen Teil beendet – als seien die grotesken Geschehnisse nichts weiter als ein Traum oder eine Phantasie, und als würde Jeffrey am Ende in die „reale“ Reagan’sche Vorstadtwelt zurückkehren – die mindestens so irreal wirkt, wie alles andere in diesem Film. Als wolle Lynch nicht nur die klassische, Wizard-of-Oz-hafte Trennung zwischen Gut und Böse, sondern die Trennung zwischen dem, was in unseren Köpfen vorgeht, und dem, was wir als Realität akzeptieren, aufheben.

Am Ende bleibt ein mulmiges… nein, mehr als das. Am Ende bleibt Verstörung, die totale lynchige Verstörung.

Der Film ist anscheinend auch auf youtube:

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2 Kommentare zu “Blue Velvet (1986)

  1. lostfunzone
    7. Juli 2013

    definitiv in meinen top ten, wenn ich mal in die verlegenheit kaeme, so eine liste machen zu muessen.

  2. Pingback: Boxing Helena {Jennifer Chambers Lynch, 1993} | Stubenhockerei

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 7. Juli 2013 von in Filme und getaggt mit , , , , , , , .
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