Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Possession {Andrzej Żuławski, 1981}

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Seit Stunden versuche ich, ein paar zusammenhängende Sätze zu Possession zu basteln, aber es will mir einfach nicht gelingen. Es gibt Filme, die liebe ich wahnsinnig und habe dann auch ein ebenso wahnsinniges Bedürfnis, meine Gefühle zu ihnen in Worte zu fassen und zu kommunizieren. Aber bei Possession ist es irgendwie anders – ich liebe ihn fürchterlich, aber es widerstrebt mir, einen unbedingt unzureichenden Text zu ihm zu verfassen, einen Text, der sowieso nichts von dem wirklich wiedergeben kann, was dieser Film (für mich) ist.

Deswegen möchte ich nur eine klitzekleine Kleinigkeit erwähnen: wenn man es schafft, Annas Zusammenbruch in der U-Bahn-Station zu ertragen, wenn man das mit ihr übersteht, ohne selbst zusammen- oder in Gelächter auszubrechen, so sollte man unbedingt auch Fassbinders Elvira Weishaupt (In einem Jahr mit 13 Monden) kennen lernen. Ihren Zusammenbruch empfand ich zunächst noch etwas befremdlicher, als Annas. Aber auch er entpuppte sich als Indikator für einen Film mit einem übermenschlich hohem Gehalt an Innereien – bis zur vollkommenen Entkräftung.■ (AZ)

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Voll Ehrfurcht schreibt der ganz und gar nicht Desinteressierte Schmock:

Andrzej Żuławskis Possession rangiert ganz weit oben auf der Liste jener Filme, die ich nie vergessen will, nie vergessen werde, die mich bis in den Tod heimsuchen sollen, denen ich bereitwillig meinen Verstand opfern möchte. Ich möchte den Film einerseits wieder und wieder anschauen, jede einzelne Einstellung für sich betrachten, jede einzelne Szene untersuchen, jedes Bild, jede Bewegung – aber andererseits liebe ich den Film dafür zu sehr, und habe Angst, ihn zu zerpflücken, auseinander zu nehmen und irgendwann nicht mehr zusammenfügen zu können. Und die Gefahr besteht, wo er doch gerade davon lebt, unverständlich, undurchdringlich, einfach rundum unbequem zu sein. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als wieder ein paar einzelne Punkte aufzuzählen, wodurch ich gar nicht den Anspruch stelle, irgendetwas Zusammenhängendes über den Film sagen zu wollen [Spoilers ahead].

Dualität. Obwohl es auch mir selbst furchtbar vereinfachend scheint, so viele Elemente von Possession unter dem Begriff „Dualität“ zusammenzufassen, weiß ich nicht, wie ich es besser bezeichnen könnte: Mark gegen Anna, männlich gegen weiblich, rational-erklärend gegen hysterisch-emotional; ein anfänglicher Gegensatz, der sich bald auflösen wird. Berlin, die geteilte Stadt, offensichtlich, in Ost und West, aber auch in das (damals) modern-kühle Brunnenviertel gegen das (damals) heruntergekommene Kreuzberg. Die gegenseitige Beobachtung von Ost nach West; Blicke über die Mauer zu Menschen, die über die Mauer zu einem zurückblicken (es sind keine freundlichen Blicke). Mark, in seinem Job zwischen zwei Auftraggebern stehend, möglicherweise eine Spionagetätigkeit, bei der er für beide Seiten tätig ist und beide Seiten hintergeht. Anna, der zu Beginn des Films der Ehebruch mit einem zweiten Mann, Heinrich, nachgesagt wird. Heinrich, der scheinbar holistisch-vollkommene New-Age-Charakter, der nur im Doppelpack mit seiner Mutti existieren kann, und die beiden Privatdetektive, die mehr als nur eine professionelle Karriere verbindet.

Diese Dualitäten stehen jedoch nicht einfach da, sie sind beweglich, lösen sich auf und ab und schaffen eine unübersichtliche Masse neuer Dualitäten, wie Annas Doppelgängerin Helen, die irgendwie bessere Version von Anna, und natürlich das von Anna geschaffene Wesen, das sich am Ende zu einem Doppelgänger Marks entwickelt. Mit diesen gegenseitigen Abbildern könnte man meinen, dass Mark und Anna die gestörte Dualität ihrer Beziehung überwinden würden. Weit gefehlt. Durch das Auftreten dieser Doppelgänger schaffen Mark und Helen nicht etwa „Monster“, im Gegenteil: Die unwahrscheinliche Helen ist der Inbegriff all dessen, was Mark in Anna vermisst: Mütterlichkeit (sie kümmert sich jederzeit, einwandslos um den kleinen Bob), Ruhe und sexuelle Reinheit (sie liegen nackt im selben Bett, schlafen aber nicht miteinander). Annas Kreatur ist die Wunschvorstellung Annas; während Mark ihre Identität konstant zu überlagern droht („You say ‚I‘ for me!“) ist sie im wahrsten Sinne des Wortes die Schöpferin dieses Wesens, Mutter, Liebhaberin, der einzige Mensch in seinem Leben. Dieses Wesen geht nicht auf Geschäftsreisen, es ist keine Wochenends- und Feiertagskreatur; es gehört nicht nur zu Anna, es gehört Anna, im Sinne eines Besitz- und Eigentumsverhältnisses, als (und man mache sich an dieser Stelle klar, dass der Titel nicht englisch, sondern französisch ist) „Possession“. Es lässt sich nur als „Monster“ bezeichnen, solange es, wie Anna ja selbst betont, unvollständig ist, blutig, gleichzeitig phallisch und amorph – aber wo ist letztendlich die Monstrosität des Ganzen? Jeder beliebige Mensch, in seine Einzelteile zerlegt, ist nur noch ein blutiger Haufen; das einzig befremdliche an diesem blutigen Haufen ist seine Lebendigkeit, seine Sexualität. Mark und Anna schaffen keine Monster, sie ersetzen sich gegenseitig durch die idealisierten Versionen ihrer selbst und entpuppen sich dabei selbst als Monster. Und sterben als solche.

Am Ende treffen Helen und Marks Doppelgänger (fast) aufeinander, und diese Utopie, diese bevorstehende Vereinigung der perfekten Menschen, die keine Menschen mehr sind, sondern pure, sexuelle Fleischlichkeit gegen vollkommene Reinheit; dieses Aufeinandertreffen ist anscheinend so grauenhaft, dass Bob sich panisch in der Badewanne ertränkt, ja dass sogar genau das eintritt, was in Berlin gerade in diesen Jahren stets hätte beginnen können: Krieg, Bomben, Vernichtung, das Ende der Welt. Was, wenn man darüber nachdenkt, auch nichts anders gewesen wäre, als die finale Vereinigung zweier Gegensätze, die Überwindung einer Dualität durch die gegenseitige Auflösung.

Identität. Anna erschafft nicht nur einen neuen, idealen Menschen; sie versucht auch, sich selbst zu schaffen, sich selbst dadurch zu finden, vielleicht erst zu ermöglichen. Żuławski wäre nicht Żuławski, würde er Anna eine einfache Selbstfindung erlauben, dürfte sie sich durch Schmerz, Esoterik, Voodoo oder Frankensteinismus einfach von den Rollen, die ihr aufgedrängt werden, befreien – und wieder „Besitz“ (also nochmal „Possession“) von sich selbst ergreifen. Man sieht, wie Anna sich nicht nur in ihrem Körper, sondern in ihrem ganzen Sein gefangen fühlt, insbesondere in Anwesenheit von Mark. Wenn sie gegen ihre eigenen Hände ankämpft, wirkt es nicht, als wehre sie sich gegen ihren Körper, als habe sie keine Kontrolle, sondern, als sei sie entsetzt darüber, sich selbst als fremde Person wahrzunehmen. Am Ende glaubt man kurz, die Erschaffung des vollkommenen Menschen habe auch sie vervollkommnet, aber nein, natürlich nicht. Heinrich, die einzige Figur, die mit sich selbst und ihrer Identität im Reinen sein will, ist eine geniale Parodie eines solchen Menschen, und auch er bricht am Ende zusammen – aber es macht Sinn, dass Anna mit ihm fremd ging, auf ihrer Suche nach (wenn man es so nennen kann) menschlicher Perfektion, nach jemandem, der sie in ihrem wahren Sein akzeptiert – einer Suche, der auch Heinrich irgendwann nicht mehr gerecht werden konnte, und so muss Anna zu einem modernen Pygmalion werden (der bei Ovid übrigens auf Zypern haust, das sich auch 1981 schon in einer Situation befand, die dem geteilten Berlin nicht ganz unähnlich war. Aber das nur am Rande.).

Herr Fräulein Himbär und ich sahen den Film im Kino, vor uns saß ein Pärchen, das offensichtlich keine Ahnung hatte, in was für einen Film es dort geraten war (vielleicht hatte es den gleichnamigen Film von Sam Raimi erwartet) und den Kinosaal nach ungefähr einer Stunde augenscheinlich verstört und frustriert verließ. Wofür ich Gott dankte. Denn die beiden konnten mit dem Film nicht nur nichts anfangen, sie wollten es auch dem ganzen Kinosaal zeigen, indem sie beispielsweise während Isabelle Adjanis großartiger Szene in der U-Bahn-Station in höhnisches Gelächter ausbrachen.

Das ist einerseits verständlich, weil der Film uns an so vielen Stellen zum Lachen einlädt. Possession ist selbst gewissermaßen identitätsgestört, er greift Elemente aus verschiedenen Filmgenres offensiv auf, lässt sich aber keinem zuordnen. Ist es ein Drama? Dafür wäre nicht nur das blutige „Monster“ und der Sex zwischen Anna und diesem unpassend, sondern auch die Figur Heinrich, der unerklärte Spionage-Subplot, die explodierenden Autos usw. Ist es ein Horrorfilm? Wofür dann die ersten 45 Minuten, die eher wirken wie Ingmar Bergman auf Methamphetamin? Ist es eine Action-Parodie? Ist es überhaupt eine Parodie? Dafür ist der Film einfach nicht komisch genug, dafür sind die Gespräche zu schwer, die Atmosphäre zu düster. Et cetera.

Intensität. Das Pärchen lachte allerdings nicht, weil es die Szene für besonders komisch gehalten hätte, sondern weil es glaubte, hier eine schlechte schauspielerische Performance zu sehen. Auch in einem Blog las ich, die Darstellungen in diesem Film seinen „campy“. Ich möchte diese Personen alle erwürgen. Nicht nur, weil diese Menschen dumm und emotional stumpf sind, und diese Eigenschaften auch noch stolz zur Schau tragen, sondern auch, weil sie davon ausgehen, dass Żuławski und den Schauspielern nicht bewusst war, dass hier keine pseudo-realistischen Performances, wie man sie aus dem Film gewohnt ist, gefragt sind. Bei Żuławski, und das macht seine Filme für mich so genial, habe ich oft den Eindruck, er lasse seine Schauspieler nicht etwa vollständige Figuren, Typen oder bestimmte Rollen darstellen, sondern rohe, entpersonalisierte Emotionen. Die gezeigte Intensität ist nicht die Intensität des Gefühls einer bestimmten Figur, es ist das Gefühl selbst – vollkommen entfesselt und unkontrolliert. Und deshalb verstörend, worauf der verstörte Zuschauer, der hier eine Emotion präsentiert bekommt, die er selbst nie empfunden hat oder sich nicht zu empfinden traut, nur mit Gelächter reagieren kann. Und sich dabei im Recht fühlt, weil die Darstellung schließlich nicht den Standards gewöhnlich-guter Schauspielerei entspricht.

Gerade in solchen Szenen sind die Schauspieler bei Żuławski aber auch keine typischen Filmschauspieler mehr. Durch ihre direkte Repräsentation eines Gefühls liefern sie keine theatralischen Darstellungen, sondern eine Art modernen, abstrakten Tanz. Und dafür sind sie eigentlich sogar ziemlich leicht verständlich.

Das war’s. Man könnte (und sollte) viel mehr über diesen Film schreiben, Bücher, Bücherschränke, und so weiter. Aber genauso sehr sollte man ihn einfach sehen, sich auf ihn einlassen, sich von ihm überrollen und aufwühlen lassen. Und nur an den richtigen Stellen lachen.

Anbei ein nicht allzu toller Trailer, der aber immerhin einen Eindruck von der Optik des Films verschafft:

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4 Kommentare zu “Possession {Andrzej Żuławski, 1981}

  1. lostfunzone
    15. August 2013

    Super Film, toller Text!

  2. Desinteressierter Schmock
    16. August 2013

    Danke! 🙂

  3. Pingback: Angst vor der Angst {Rainer Werner Fassbinder, 1975} | Stubenhockerei

  4. Pingback: Begotten {Edmund Elias Merhige, 1990} | Stubenhockerei

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 15. August 2013 von in Filme und getaggt mit , , , , , , , , .
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