Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Na srebrnym globie {Andrzej Żuławski, 1987}

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Lieber Film Na srebrnym globie,

du bist wie ein sinnesraubend schöner Mensch – ästhetisch so befriedigend, dass ich nichts anderes mehr tun möchte, als dich anzuschauen und anzuschauen und anzuschauen. Ich möchte dir verfallen und mich dir ergeben, in der Hoffnung, von dir als würdig genug erachtet zu werden. Und dann machst du deinen Mund auf und was heraus kommt ist endloses Geschwafel, dem ich kaum folgen kann, das mit nichts Gezeigtem wirklich zu korrespondieren scheint; Geschwafel, das nicht nur hingemurmelt wird, sondern auch herausgeschrieen, eine endlose nervenzerfetzende Litanei. Deine Figuren sind mutig, sie behalten kein einziges Gefühl für sich – etwas das sehr rar ist, denn die Auseinandersetzung mit unterdrückten Gefühlen dominiert die Filmwelt definitiv. Du bist nervenzerreißend laut, anklagend, fordernd, unglaublich ermüdend – und schön…so schön. Du bist düster und hoffnungslos, aber nie wirklich kitschig, weil deine Figuren keine Angst davor haben, den Zuschauer mit ihrem hässlichsten Gesicht anzublicken; weil sie nie ins Seufzen verfallen, sondern immerzu ein Schreien auf ihren Lippen mit sich tragen, wie eine Waffe gegen alles sie Umgebende. Wenn doch nur dieses endlose Geschnatter aufhörte…

Ich blicke dich an, ich höre dir zu und ich halte dich aus und doch weiß ich nicht, was du mir sagen willst. Ich erlebe dich, aber ich kann dich nicht erfühlen. Dein Geschrei, all das wahnsinnige Geplapper, das mir so leer erscheint, untergräbt jede Atmosphäre, mein Hineinversinken.

Müsste ich wohl eher blind, oder eher taub werden um zu deiner Seele vorzudringen? Ich weiß es nicht. Aber es ist gut, dass es dich gibt.

Deine Malina■

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Unser polnischer Gastautor, Desjntrwzytr Śmoyzck, schreibt dazu:

Selbst für Żuławski-Verhältnisse ist die unfertige Verfilmung der polnischen Sci-Fi-Trilogie Trylogia Księżycowa (1903-1911) von Andrzej Żuławskis Großonkel Jerzy noch eine Herausforderung. Primitivistische Kostüme, bemalte Gesichter, schreiende, tanzende Menschen, Kriege gegen telepathische Vogelwesen und Mensch-Vogel-Hybriden, und das alles angeblich auf dem Mond: Steigt man an einer beliebigen Stelle in diesen unfassbar bildgewaltigen, zwischen Polen, dem Baltikum, Georgien und der Mongolei gedrehten Film ein, könnte man meinen, er handle von einer Gruppe schizophrener, manischer polnischer Punks, auf LSD, bei einer post-apokalyptischen Version von Burning Man, in den 1970er Jahren.

Wir hatten den Film vor einiger Zeit schon einmal angefangen, nichts verstanden, und abgebrochen, woraufhin ich mir vornahm, Jerzy Żuławskis Vorlage zu studieren. Leider habe ich nur den ersten, dem Film seinen Titel gebenden Teil der Trilogie gelesen, Na srebrnym globie (dt. Auf dem Silbermond), in der Überzeugung, damit einen besseren Durchblick zu erlangen – und es half, allerdings auch nur für den ersten Teil. Hier stranden ein paar Astronauten auf dem Mond und kämpfen sich, zwischen zahlreichen existentialistischen Geschrei-Gesprächen zur Rückseite des Mondes durch, wo sie eine erdähnliche Vegetation vorfinden und eine neue Zivilisation gründen. Der Mond-Nachwuchs hat jedoch einige Besonderheiten und erinnert nun plötzlich mehr an das, was man zur Zeit des Filmdrehs (1975-1977) noch als „primitive“ Völker bezeichnet hätte. Im darauf folgenden Teil bekommen die Menschennachfahren des Mondes dann Besuch von einem weiteren Erdgesandten, den einige als Messias, andere als ausgestoßenen Ganoven wahrnehmen. Und gemeinsam kämpfen sie gegen die telepathischen Vogelwesen, die auf dem Mond wohl seit jeher in (sehr an polnische Städte erinnernden) Ortschaften leben. Und ebendiese Vogelwesen genügten, um das polnische Kulturministerium 1977 zu einem Abbruch des Projekts zu veranlassen.

So fehlen zahlreiche Szenen dieses dennoch über zweieinhalb Stunden langen Films, die durch rasante Aufnahmen Warschaus ersetzt wurden, über denen Żuławski uns den Inhalt der fehlenden Stellen erzählt. Das funktioniert eigentlich ganz gut, dennoch ist man verwundert, wie es eigentlich dazu kommen konnte: Ja, der Film beschreibt den Kampf dieser Zivilisation gegen ihre übermächtigen Unterdrücker, doch ist die Mond-Zivilisation keineswegs eine idealisierte Version der unterdrückten Menschheit. Es ist eine kaputte, kaum rettenswerte Menschheit, und die Vogelwesen sind kaum ernstzunehmende Bilder eines großen Bösen, das unbedingt vernichtet werden müsste. Die Mondmenschen flüchten sich in ihrem lückenhaften Verständnis der Welt in das Erschaffen immer neuer Götter – Rollen, die von den jeweiligen Erdbewohnern, die gerade zugegen sind, eingenommen werden. Żuławski kritisiert diese Konstruktion nicht, wie in einer atheistischen Satire, sondern sieht sie wie eine tragische Grundvoraussetzung des Menschlichen.

Alles, einfach alles an diesem Film ist kaputt, und ich stimme ja fast der Aussage zu, dass dies nicht Żuławskis zerstörtes Meisterwerk, sondern Żuławskis Dune sein muss. Doch andererseits steckt in dem Größenwahn dieses Films auch ein Konzept, als wolle er zerstückelt und kaputt sein, als wolle er seine zahllosen religiösen Andeutungen nicht erklären und zusammenfügen, sondern den Zuschauer einfach nur perplex und fassungslos zurücklassen. Und das gelingt ihm.■

» Stills

Hier der ganze Film, leider ohne Untertitel.

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2 Kommentare zu “Na srebrnym globie {Andrzej Żuławski, 1987}

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 20. August 2013 von in Filme und getaggt mit , , , , , , .
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