Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Blue Movie {Alberto Cavallone, 1978}

blue_movie

Ich glaube, Alberto Cavallone ging es, als er Blue Movie in sehr kurzer Zeit und mit sehr wenig Geld drehte, ähnlich wie mir immer, wenn ich anfange einen Text zu schreiben und von einem Gedanken zu einem anderen komme und meine Satzkonstruktionsfähigkeit irgendwann den Gedankenblitzen hinterherhinkt und mein Hirn verzweifelt versucht den gegenwärtigen Gedanken in eine lesbare Form zu bringen und gleichzeitig nicht die in der Warteschleife polternden Gedanken verhungern zu lassen, was dann in wild hingeworfenen An-Sätzen resultiert, die zwar alles mögliche anreißen, aber zu sehr in Eile sind, um sich einem gepflegten Abendmahl hinzugeben. Einige Gedanken bleiben dann auch auf der Strecke und schleichen sich wieder in die Erinnerung, wenn der Text längst geschrieben ist. So wollte ich neulich, bei Blue, meinen Unmut über Menschen äußern, die sich nicht schämen, sich in eine iPod-Warteschlange zu stellen oder sich um Designer-Klamotten im Ausverkauf zu prügeln, und darüber hinaus vermutlich nicht allzu viel Innenleben besitzen [oh herrje, ein weiterer Gedanke, der den eigentlichen Gedanken, den ich an dieser Stelle aufschreiben wollte, soeben ausgelöscht hat:] und dass Emotionen heutzutage nur in Form von Kitsch undoder ironischer Distanz akzeptiert werden und alles dazwischen gleich als pathetisch oder prätentiös beschimpft wird.

Blue Movie ist ein wahnsinnig wirres Stück Film, gleichzeitig direkt in seinen Aussagen und seiner Kritik und dann wieder vertrackt und verworren in der Darbietung. Der erste Satz seines Textes beginnt bereits im Vorspann des Films: Wir sehen zahlreiche Filmstreifen und hören dazu Pistolenschüsse; dieser Satz wird allerdings nicht bereits mit dem ersten eigentlichen Filmbild fortgesetzt, sondern mit der Schlussszene – und dazwischen befinden sich Unmengen von Klammern, Gedankenstrichen und Semikola.

In der ersten Szene lernen wir Silvia kennen, die sich in einer einvernehmlichen sexuellen Situation zu befinden scheint, doch schon im nächsten Augenblick erleben wir, wie die Situation umschlägt und sie zur Gejagten und schließlich zur (vermutlich, denn wirklich gezeigt bekommen wir das nie, wir dürfen uns immer nur auf Silvias Wort verlassen) Vergewaltigten wird. In der nächsten Szene wird Silvia von Claudio, der eigentlichen Hauptfigur des Films, von der Straße aufgelesen und mit nach Hause gebracht. Claudio ist die vermutlich unhöflichste und unfreundlichste Filmfigur, die mir bislang untergekommen ist; einfach, weil er in so gut wie jeder Situation irgendwas furchtbar Unnettes zu sagen hat, ohne dass irgendein Sinn dahinter erkennbar wäre. Vermutlich würde Claudio selbst puderzuckerbestäubte süße Pfannkuchen mit irgendeiner fiesen Bemerkung versehen – gut also, dass er ohnehin nur Cola trinkt, denn Cola ist ja eh der Feind, also vernichte sie, Claudio! Vernichte!!

Aber Claudio ist nicht umsonst so grantig. Claudio kriegt die Kriegsbilder nicht mehr aus seinem Kopf, die Kriegsbilder, die sich in ihm festsetzten aus einer Zeit, als er Assisstent eines Kriegsfotografen war. Nun kann er Schönheit nicht mehr ertragen, fotografiert lieber Gegenstände und sammelt leere Cola-Dosen, weil diese aufgrund ihrer Leere ehrlicher sind als Menschen und er, kraft seines Fußes, ihren Ausdruck verändern kann, indem er in ihnen Eindrücke hinterlässt – aber gut, unter der Einwirkung eines Fußes verändert auch ein menschliches Gesicht seinen Ausdruck, muss Claudio zugeben. Und da zeigen sich dann seine Sehnsüchte: Demütigung, Verzweiflung & Schmerz im Gesicht eines Menschen lassen Claudios Herz erblühen. Und so winselt sein von ihm gedemütigtes Modell Daniela darum, er möge ihr lebloses Gesicht mit Emotionen füllen. Zu den weiteren Personen des Films zählen noch Leda, eine junge Obdachlose, die Daniela zum verwechseln ähnelt und die Claudio als Gegenleistung zu Assisstenzarbeiten bei sich wohnen lässt, und ein dunkelhäutiger junger Mann, der auf der Suche nach Silvia ist, weil er angeblich mal mit ihr befreundet war und ihr helfen möchte und der sich angeblich lieber zu Männern legt, dann aber doch Teil der Bewohner von Claudios seltsamer Wohnung wird (bei der ich mich mehrmals gefragt habe, wie zum Teufel sie eigentlich geschnitten ist, mit all diesen seltsamen Wänden, Gängen und Treppen; auf mancher Wand finden sich dicke blaue oder rote Farbbalken und man könnte sich fragen, ob diese vielleicht wie Wegweiser funktionieren, aber es ist mehr als wahrscheinlich, dass sie nirgendwo hinführen, genauso wie die sehr starke Blau-Rot-Aufteilung, die vermutlich auch höchstens ein kleiner Verweis auf Godard ist (Cavallone hat hier ja ohnehin großen Spaß daran, Bilder und Themen anderer Filme aus seiner Sicht aufzugreifen und den totalen Abgesang auf alles anzustimmen – hier kommt kein einziger Charakter moralisch fein raus und keine Wahrheit ist so einfach wie sie scheint – man muss schon bis zum Schlusspunkt lesen.); genauso, wie ich mich anfangs immerzu gefragt habe, wie Claudio eigentlich gleichzeitig an all den verschiedenen Orten sein kann – aber da muss man sich eben entspannen und abwarten, bevor man sich in verwirrte Verzweiflung oder Empörung wirft), weil ihm die Knuddelei mit Leda so gut gefallen hat.

Der Film stolpert also von einem rastlosen Handlungsfragment zum nächsten, von einer wilden & absurden Symbolik zur anderen, von Hysterie zu Ausscheidungen aus sämtlichen Körperöffnungen, von Claudios alles verachtenden Weltansichten über Danielas emotionale & intellektuelle Leere hin zu Silvias verzweifelten Versuchen, die Macht über ihren eigenen Körper zu erringen ohne gleichzeitig die Sexualität zu ermorden. Und dazwischen noch verfremdetes Filmmaterial von Konzentrationslagern, Massengräbern, brennenden Mönchen und Stummfilmen.
Was mir anfangs wie ein sehr wirres Knäuel erschien, das dem Zuschauer in furchtbar kurzer Zeit so gut wie alle (zwischen)menschliche Probleme und Makel entgegenspeien will, ist vermutlich viel besser konstruiert, als es auf den ersten Blick scheint. Würde man sich ein bißchen mehr Mühe geben und die zusammengehörenden Satzteile zusammenbringen, würde sich sicher eine leicht lesbare Schmähschrift auf den modernen Menschen ergeben. Es lohnt sich jedenfalls sich auf dieses Monstrum einzulassen und ich finde es eigentlich ein bißchen schade, dass das unser erster Cavallone war, denn mich würde nun der filmische Werdegang interessieren, der ihn an diesen Punkt brachte. (Hr. Frl. Himbär)

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Dementer Schmock, der heute einmal wieder beinahe seinen Eingangssatz vergessen hätte, schreibt:

Blue Movie von Alberto Cavallone ist einer dieser Filme, die ich in den ersten paar Minuten einfach und problemlos kategorisieren zu können glaube, bis sich irgendwann, im Laufe des Films, mein Gesicht in ein riesiges Fragezeichen verformt. Am Anfang dieses Films haben wir eine Vergewaltigungssequenz in einem Wald. Hauptfigur Silvia entkommt, mit blutverschmierter Bluse; läuft auf eine Straße, wo der rettende Fotograf Claudio sie aufklaubt und in seiner Wohnung unterbringt. Claudio verhält sich gegenüber Silvia einigermaßen anständig, zeigt sich gegenüber seinem Modell Daniela aber als misogynes Arschloch. In seinem Apartment entdeckt Silvia eigenartige Babypuppen, teilweise in Gläsern. Unzählige Leere Getränkedosen, die nicht mit dem gefüllt zu sein scheinen, was auf ihren Labels steht. Zigaretten dito. Silvia wird von Halluzinationen geplagt, die Claudio als einen der Vergewaltiger identifizieren. Dann nimmt Claudio auch noch ein weiteres Mädchen auf, die obdachlose Leda, die sich ebenfalls bereitwillig von ihm misshandeln lässt. Ein mysteriöser schwarzer Mann fragt nach Silvia, streitet sich mit Claudio, outet sich als schwul und schläft dann mit Leda. Daniela lässt sich in eine Kammer mit japanischen Wänden „sperren“ (es ist unklar, ob sie wirklich eingesperrt ist), pinkelt in Getränkedosen und kackt in Zigarettenschachteln, die sie mit Claudio gegen Nahrung tauscht. Und das ist nur eine Auswahl der unzähligen Schrägheiten, die zusammen diesen Film ausmachen.

Lässt sich sagen, was all das miteinander zu tun haben soll? Irgendwie, ja. Claudio war einst Assistent eines Kriegsfotografen, und mehrmals während des Films blitzen Ausschnitte aus realen Kriegs- und Elendsaufnahmen (insb. Vietnam) auf, die wohl ein Verhältnis zu seiner eigenen Misanthropie (die sich allerdings vor allem gegenüber Frauen zeigt) schaffen sollen. Daneben existiert ein Machtkampf zwischen Silvia als der gebeutelten, unterdrückten Frau, und Claudio, dem Unterdrücker der Frauen, die sich in weiten Teile sehr bereitwillig unterdrücken lassen. Und wie man sich denken kann, reflektieren beide Aspekte irgendwie auf den Zuschauer, der hier ja wahrscheinlich ein gutes, sauberes Stück Italo-Sleaze konsumieren wollte, um dann mit einem brutalen, perversen und schwer verständlichen Film mit Fäkalthematik konfrontiert zu werden.

Während sich über den ganzen Film die Frage stellt, was eigentlich real und was nur Traum bzw. Halluzination sein soll, gibt er am Ende keine Antwort. Er gibt, obwohl er zu Beginn noch recht konventionell wirkt, nicht mal einen klaren Rahmen vor, der die Ereignisse kausal und zeitlich verbindet. Im Laufe des Films wird alles hinfällig. Und zu der Frage, was das alles zu bedeuten hat, liefert Claudio eine sehr plausible Erklärung, wenn er auf seine Dosen-Sammelleidenschaft angesprochen wird. Er möge Dosen, weil sie nur Dosen seien, nicht mehr, und nicht weniger. Irgendwo in der weiten Ebene zwischen Zen und Sigmund Freud verstehen wir: Manchmal ist eine Dose nur eine Dose. Und ein Film nur ein Film. Aber ein guter.

Ende, Schmock

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 24. September 2013 von in Filme und getaggt mit , , , .
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