Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Four American Composers: Philip Glass {Peter Greenaway, 1983}

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Seinen erschreckenden Mangel an musikalischer Bildung zu verschleiern versuchend, schreibt der Interessierte, aber zur Ausnutzung vieler Möglichkeiten der Wissensaquisition traurigerweise zu Faule Schmock:

Im dritten Teil seiner Reihe über vier amerikanische Komponisten stellt Greenaway den wahrscheinlich erfolgreichsten klassischen Künstler dieser Reihe vor: Philip Glass. Dessen Bekanntheit legte ungefähr zur Drehzeit von Four American Composers dank Koyaanisqatsi schlagartig zu; die Interviews in Greenaways Film wirken allerdings noch sehr prä-Koyaanisqatsi. Glass erzählt nicht nur von seinen Inspirationen (wie Ravi Shankar) und seiner Freude über seinen (auch zu diesem Zeitpunkt schon beachtlichen) Erfolg, sondern auch davon, im Konzerthaus mit Eiern beworfen worden zu sein.

Es ist, zumindest aus heutiger Perspektive, kaum verständlich, wie die Musik von Glass vor gerade einmal 30 Jahren auf so starke Ablehnung stoßen konnte. Einerseits ist sie doch die zugänglichste im Spektrum der damaligen minimalistischen Musik, andererseits setzte sich Glass genau dadurch natürlich einem umso größeren Publikum aus. So fanden sich unter seinem Publikum von hunderten, manchmal tausenden Konzertgästen auch häufig einige, die bereit waren, ihre kostbare Zeit zu opfern, sich mit Eiern und Gemüse zu bewaffnen und zu einem Konzert zu gehen, bei dem sie das Gespielte nicht aushalten konnten, nur um ihre Unzufriedenheit in Form von fliegenden Eiern und Gemüse auszudrücken. Das ist, wie Glass selbst in einem Interview sagt, schon mehr als bloßes Missfallen.

Seitdem lieferte Glass die Hintergrundmusik zu massentauglichen Filmen; ein Stück für Koyaanisqatsi fand vor nicht allzu langer Zeit sogar seinen Weg in das Videospiel Grand Theft Auto IV und löste eine neue Popularitätswelle aus. Und das ist zwar ein deutlicher Fortschritt, allerdings lässt uns die Musik von Glass heute vielleicht auch eher kalt, oder zumindest kälter, weil wir sie und ihre Variationen schon so häufig gehört haben. Soll heißen: Einerseits freut man sich, dass Leute wie Glass heute keine Eier- und Gemüseattacken mehr fürchten müssen, andererseits wünscht man sich, diese Musik mit den gleichen jungfräulichen Ohren wahrnehmen zu können, die solche Lebensmittelwürfe erst ermöglicht haben.

Dennoch (natürlich!) mag ich die Musik von Glass, und mochte auch Greenaways kleine Reportage über ihn – auch wenn sie von den bisherigen stilistisch die am wenigsten aufregende war. Was natürlich Sinn macht, da Glass Musik eine direkte, Erlebnis-Komponente (Cage) oder eine starke visuelle Komponente (Ashley) fehlt. Auf diese Weise gibt Greenaway allerdings der Musik selbst umso mehr Raum und seinen Bericht über diesen amerikanischen Komponisten ist, ein weiteres Mal, sehens- und hörenswert.

Gemüsefrei, Schmock

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Im Vergleich zu den Filmen über John Cage & Robert Ashley, hat Peter Greenaways Film über Philip Glass visuell relativ wenig zu bieten; wir sehen abwechselnd Aufnahmen des in einem recht dunklen, schwarzen Raum spielenden Philip Glass Ensembles und Aufnahmen der Mitglieder dieses Ensembles in kurzen Interview-Schnipseln. Und obwohl so wenig passiert, verflogen die 5ound Minuten dieses Films so unglaublich schnell, dass ich beinahe befürchtete, die Version sei unvollständig. In Wahrheit aber muss dieser Effekt wohl der Musik Philip Glass‘ geschuldet sein, die in ihrer Schnelligkeit und in ihren Wiederholungen die Zeit zu beschleunigen scheint, wie ein Rausch. Und da Peter Greenaway sich, wie ich bereits erwähnte, bestens darauf versteht, die signifikante Komponente der Künstler in seiner Präsentation umzusetzen, passt die Kargheit der Bilder durchaus, denn man ist schon genug von der Musik eingenommen, deren bezaubernde Kleinigkeiten sich erst durch die Wiederholung einer Grundstruktur wirklich bemerkbar machen. Und ich bin wirklich erstaunt darüber, dass die Wahrnehmung in vergangenen Zeiten so anders war und Philip Glass früher auf so viel Ablehnung stieß.(AM)

» Stills

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3 Kommentare zu “Four American Composers: Philip Glass {Peter Greenaway, 1983}

  1. Pingback: Filmforum Bremen » Das Bloggen der Anderen (30-09-13)

  2. Pingback: Four American Composers: Meredith Monk {Peter Greenaway, 1983} | Stubenhockerei

  3. ralphbuttler
    4. April 2014

    Hat dies auf Auf dem Dao-Weg rebloggt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 29. September 2013 von in , Filme und getaggt mit , , , , , .
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