Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Koyaanisqatsi {Godfrey Reggio, 1982}

koyaanisqatsi

Koyaanis-Schmocksie. Ding. Koyaanis-Schmocksie. Ding. Koyaanis-Schmocksie. Ding:

Ein Film ohne Worte. Wolken wandern im Eiltempo über endlose Wüsten-, Steppen- und Gebirgslandschaften, im Hintergrund ertönen dramatisch-hypnotische Klänge von Philip Glass. Es zeigen sich die ersten Hinweise auf das Schaffen des Menschen; Leitungsmasten, Straßen, Minen und Industrieanlagen durchschneiden die Landschaft. Es schreitet fort, zu den Städten, zu Strömen von Menschen, Maschinen und Elektrizität, die sich zu Netzen formen, die sich, während die Musik zunehmend düsterer wird, wiederum in der Technologie eines Mikrochips aufzulösen scheinen. Die ewige, stille Natur gegen die Hektik des Menschen, die erodierte Landschaft gegen den urbanen Mikrochip. „Koyaanisqatsi“, ein Wort aus der Hopi-Sprache, das zum Abschluss des Films definiert wird als:

ko.yaa.nis.katsi (from the Hopi language), n. 1. crazy life. 2. life in turmoil. 3. life disintegrating. 4. life out of balance. 5. a state of life that calls for another way of living.

Koyaanisqatsi hat sich so tief in das popkulturelle Unterbewusstsein, dass wahrscheinlich jeder schon einmal eine Anspielung auf diesen Film gesehen oder gehört hat (Beweisstück A, B, C, und D (und D ist nur eine von vielen Koyaanisqatsi-Anspielungen in dieser Sendung)). Die Anspielungen sind dabei meistens nett gemeint und unterstreichen nur den Kult-Charakter dieses Films – allerdings nehmen sie jedem, der den Film heute, über 30 Jahre nach seinem Erscheinen anschaut, die Möglichkeit, den Film in seiner Ernsthaftigkeit zu akzeptieren.

Aber es sind nicht nur die Anspielungen. Heutzutage, wo sich die russische Arktis dank Eisfreiheit halbjährig durchfahren lässt, wo die Abforstung des Amazonas vom Weltall zu sehen ist und bedeutende Ökosysteme schon so offensichtlich dem Untergang geweiht sind, dass Umweltforscher weiteres Engagement für sinnlos erklären (z.B. hier), ist Koyaanisqatsis Botschaft so aktuell wie nie zuvor. Heute hätte Regisseur Godfrey Reggio zeigen können, wie in den USA ganze Berge für die Kohleförderung dem Erdboden gleich gemacht werden (mountaintop removal mining), oder wie in Ostasien Verkehrsachsen entstehen, die die achtspurigen Highways in Los Angeles wie gemütliche Landsträßchen erscheinen lassen. Wir sind mit diesen Bildern übersättigt, wir wissen, dass wir der Natur beim Sterben und der Menschheit beim unbegrenzten Wuchern zugucken. Umso mehr finden wir, 30 Jahre nach Veröffentlichung von Koyaanisqatsi, eine Ästhetik in der unbegrenzten, rasterhaften Ausbreitung der menschlichen Einflusssphäre. Ist das Leuchten von Los Angeles, die Monotonie endloser Vorstadtsiedlungen, das Rauchen unzählbarer Reihen von Fabrik- und Kraftwerkschloten oder das Raster von Kondensstreifen am Himmel nicht, auf eine andere Weise, aber ebenso schön, wie ein Blick über die Wüste oder über Täler, Wälder und Berge?

Koyaanisqatsi zeigt die Landschaften und Aktivitäten des Menschen in einer beeindruckenden Klarheit, wie ein überdrehtes Geschwür, das sich über die Welt ausbreitet. Nicht nur die düster werdende Musik, sondern auch die abschließende Definition des Titels, sowie drei Ausschnitte aus Hopi-Weltuntergangsprophezeihungen machen diese Wertung deutlich. Und dennoch habe ich das Gefühl, dass man den Film, wenn man ihn von diesem Kontext trennen und die Musik etwas anheben würde, auch als Huldigung des Menschen und seines Treibens auf diesem Planeten verstehen könnte. Schließlich zerstört der Mensch nicht nur die Natur, er ersetzt sie mit etwas anderem – die Landschaft durch hektische, bunte Beton- und Asphaltgebirge, Flora und Fauna durch eine unüberschaubare Auswahl an Konsumgütern in buntem Gefieder, mit seltsamen Gesängen und eigenartigen Funktionen. Wo einst Gewässer durch die Landschaften flossen, strömen jetzt die Lichter des Berufsverkehrs. Wo sich einst Vögel durch die Lüfte bewegten, sind jetzt Charterflugzeuge, Rettungshelikopter und Werbezeppeline. Ob das nun die Vorboten des menschlichen Untergang sind, oder nicht – es ist nicht unbedingt hässlich. Die menschliche Aktivität hat durchaus ihre Ästhetik, und es ist fraglich, ob die Bilder dieses Films seine Botschaft von einem unhaltbaren, untergangsgeweihten Lebensstil des Menschen auszudrücken vermögen – zumindest für den heutigen Zuschauer.

Mich jedenfalls macht der Film fast optimistisch: Gut, in 50 Jahren ist die Arktis eisfrei, der Himalaya voller Einkaufszentren, die Meere voller Plastik, die Korallen tot, der Amazonas abgeholzt und unsere Atemluft aus dem Supermarkt; aber hey, dafür erschaffen die Menschen neue Dinge, die von außen, in ihrer schieren Masse betrachtet, ziemlich cool aussehen, was uns der Film in eindrucksvollen Aufnahmen beweist. Und gleichzeitig stimmt es einen ein bisschen traurig, dass die eigentliche Botschaft dieses Films ihre 30 Jahre nicht überdauern konnte – dass man sich an Probleme gewöhnt, und ihnen eine eigene Ästhetik abgewinnt, anstatt sich ihrer anzunehmen. Aber gut, vielleicht ist das sogar besser, als sich für aussichtslose PR-Kämpfe instrumentalisieren zu lassen.

Anyway, toller Film, und dank moralischer Abgestumpftheit ganz besonders empfehlenswert für einen Abend, an dem man mit ihm und einer Tüte Gras die Probleme der Welt einfach nur vergessen will.

In entspannter Ruhe, Schmock

koyaanisqatsi_2

Als ich Kind war, in den 9oern, da waren Begriffe wie Umwelt(-schutz\-verschmutzung), Regenwaldabholzung, sauerer Regen, Ozonloch usw. allgegenwärtig. Ich erinnere mich an Brettspiele mit dieser Thematik und daran, wie ich durch die Straßen Düsseldorfs streifte und Müll aufklaubte, um ihn in die Mülltonnen zu befördern. Ich war klein und mein Idealismus noch ganz unberührt.

Viele Jahre später glaube ich nicht mehr an Veränderung, Besserung oder „Das Gute“; viele Jahre später ist Umweltschutz oder Klimawandel ein Thema, das eher eine Ereiferungsgrundlage ist (so, als sei es wirklich relevant, darüber zu diskutieren ob der Klimawandel ein Märchen ist, oder nicht; so, als sei man ein Held und würde der schlimmsten Gehirnwäsche ever stand halten, bloß weil man es wagt all den Klimaforschern in ihrer Abwesenheit zu widersprechen), oder den Menschen auf den Geist geht; und setzt man sich nicht tatsächlich aktiv ein, so ist Umweltschutz meistens auch nicht mehr als ein Lifestyle – man kauft Bio-Gemüse und Bio-Klamotten und lehnt sich dann im Urlaub entspannt auf Langstreckenflügen zurück.

Die Natur und der Mensch in und mit ihr ist also nicht mehr als ein weiteres unerschöpfliches Problem, das den Menschen vor der Öde seines Seins bewahrt.

Und Godfrey Reggio mag ein edles Ansinnen haben, aber es fühlt sich an, als sei es heute, 3o Jahre nach Erscheinen seines Films, kaum noch aus diesem herauslesbar. Gut, am Schluss wird dem Zuschauer die Bedeutung des Titels, des Wortes Koyaanisqatsi, zwar dargelegt, aber bis dahin vergeht ein ganzer majestätisch gedrehter Film.

Ästhetisch gesehen, ist Koyaanisqatsi wirklich ’ne Wucht; jedes Bild ist einfach perfekt und Philip Glass liefert einen großartigen Soundtrack; doch obwohl Reggio zu versuchen scheint, in das Arrangement der Bilder und der Musik eine Botschaft, eine Kritik, hineinzuweben, ist diese Botschaft so offensichtlich und fast schon plump, dass man manchmal vewirrt ist, ob er eigentlich doch nichts zu kritisieren hat, sondern sich, wie man selbst, an menschlichen Konstruktionen, an dem Verhältnis Mensch – Natur, an den Gegensätzen, die innerhalb der Landschaft entstehen, erfreut. Dann muss man sich allerdings ins Gedächtnis rufen, dass der Film Anfang der 8oer entstand – Cyberpunk und Industrial befanden sich damals noch in ihren Anfängen und als ich alt genug war, um mich für sowas zu interessieren, da sang Blixa Bargeld schon längst Balladen im Duett.

Was in den 8oern also noch befremdlich und bedrohlich schien, ist heutzutage durchaus Sehnsuchtsort (nicht umsonst sind ausgediente Zechen und Chernobyl inzwischen Sehenswürdigkeiten). Und ja, vielleicht mag es auch heute noch Menschen geben, die sich der Seltsamkeit unserer selbstkonstruierten Welt und unserer enormen, selbstgeschaffenen Abhängigkeit überhaupt nicht bewußt sind, für die die Moral des Films erleuchtend wäre und das ist sicherlich gut. Aber wenn man den Gedanken weiterspinnt: Was macht das schon, ob man nun abhängig von der Natur oder von all den selbstkonstruierten Maschinen ist? Abhängigkeit bleibt Abhängigkeit, aber die selbstkonstruierte Abhängigkeit verschafft dem Menschen zumindest das Gefühl von Autonomie. Der Mensch – ein pubertäres Wesen (oder der Freud’sche Prothesengott, hinkebeinig zwar, aber doch immerhin, so denkt er über sich selbst, ein Gott). Und der Planet? Wer vermag denn wirklich über die paar Jahre, die er auf diesem Planeten verbringen muss, hinauszudenken? Und was kümmerts das Weltall, was mit der Erde passiert? Es wandelt sich und es wird sich weiter wandeln, Mensch hin, Erde her. Wir sind doch alle bloß schrecklich sentimental.

Und da Reggio bis auf die Schlußtafel, keine wortwörtliche Stellung bezieht, steht es, heute mehr denn je, jedem frei, in Koyaanisqatsi das zu finden, was er braucht. Für mich war es vor allem eine gelungene Aneinanderreihung großartiger & clever arrangierter Bilder zu toller Musik (auf Kinoleinwand wohl viel imposanter, keine Frage). (Und leider war es auch nicht so einfach Werner Herzogs Fata Morgana & die Greenaway-Nyman-Kombination aus meinem Kopf zu kriegen.) (anna malina)

» Stills

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2 Kommentare zu “Koyaanisqatsi {Godfrey Reggio, 1982}

  1. bertrandolf
    29. September 2013

    „an dem man mit ihm und einer Tüte Gras die Probleme der Welt einfach nur vergessen will.“
    Als ich den Trailer sah, dachte ich genau das gleiche 😀

    Wie lange geht denn der Film?

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 29. September 2013 von in Filme und getaggt mit , , , , , .
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