Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Die 120 Tage von Bottrop {Christoph Schlingensief, 1997}

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Patriotisch, stolz, mit schwarzem Hut, rotem Pullover und goldenen Unterbuxen sitzt der D. (D.!) Schmock vor seinem Computer, verdrückt eine, zwei, vielleicht auch mehr Tränen, und feiert heute den Sieg Julius Caesars über Vercingetorix in der Schlacht um Alesia, heute an diesem Tag, im Jahr 52 vor Christus. Go Julius Caesar, du wunderbarer Caesar! Ach ja, und hier noch ein Text:

→ Wir schreiben das Jahr 1996, der Potsdamer Platz ist die größte Baustelle der Welt, und Christoph Schlingensief will den letzten Neuen Deutschen Film drehen, also den letzten deutschen Film in der Tradition Fassbinders, Wenders‘, Schlöndorffs, und zwar in Form eines Remakes von Pasolinis Salò o le 120 giornate di Sodoma. Beim Deutschen Filmpreis wird Schlingensief abgesetzt und durch Fassbinder-Imitat und Nachwuchsregisseur Sönke Buckmann (gespielt von Mario Garzaner aus Freakstars 3000 (2004) ersetzt, der gerade von Katja Riemann einen Filmpreis für Das Deutsche Kettensägenmassaker (eigentlich Schlingensief, 1990) überreicht bekommt. Er versammelt „die letzten Überlebenden der Fassbinder-Zeit“, darunter Margit Carstensen, Irm Herrmann, Volker Spengler und den aus dem Grab auferstandenen Kurt Raab, holt sich Leni Riefenstahl an die Kamera, und dreht eine Art Film, dessen Fragmente wir hier präsentiert bekommen. Zwischendurch erfährt Margit Carstensen von Fassbinders Tod und versucht, sich umzubringen, während die Crew die Ankunft des messias- oder godotgleichen Helmut Bergers erwartet, sowie auch eine Finanzspritze von Roland Emmerich, den Udo Kier und ein gewisser „Christoph“ (gespielt von Schlingi selbst) in Hollywood aufsuchen sollen.

Als ich den Film vor einigen Jahren zum ersten Mal sah, noch bevor ich mit Fassbinder oder dem Neuen Deutschen Film wirklich viel anfangen konnte, wirkte er auf mich noch wie eine manische Parodie auf den deutschen Film im Allgemeinen, in dem eine Truppe grenzdebiler Gestalten einen großen Film zu machen versucht und sich in einer vollends geistesgestörten Bild- und Schreiorgie ergießt – was nicht bedeutet, dass er mir nicht gefallen hätte. Allerdings entsprach mein Eindruck damit auch jenem der BILD, die Schlingensief nach diesem Film zum Psychiater schicken wollte; und diese Übereinstimmung hätte mir schon zu denken geben sollen.

Um zu verstehen, was Die 120 Tage von Bottrop eigentlich sein sollen, ist es unerlässlich, zumindest einige Filme von Fassbinder gesehen zu haben. Was hier wie willkürlich durcheinander geworfene Stilmittel wirken, sind haufenweise Hommagen an Fassbinder und seine Zeit – am offensichtlichsten ist dabei natürlich der oft zitierte In einem Jahr mit 13 Monden (1978), dessen Hauptdarsteller(in) Volker Spengler hier einen Produzenten mimt und sich von einem der nackten Pasolini-Jungs den Kopf streicheln lässt (und mehr). Um zu verstehen, was das alles soll, machen wir eine weitere kleine Zeitreise…

→ Wir schreiben das Jahr 1982, Fassbinder ist tot, und ein CSU-Mann, der zufälligerweise als Innenminister fungiert, sieht einen Film. Der Film gefällt ihm nicht, und der CSU-Mann will in Deutschland nur noch Filme sehen, die auch CSU-Wähler verstehen können. So endet 1982 die Zeit des deutschen Autorenfilms, während einer dieser Autorenfilmer, Wim Wenders, in seinem im gleichen Jahr erscheinenden Film Der Stand der Dinge entdeckt, dass internationale Koproduktionen auch Scheiße sind.

In Der Stand der Dinge wartet übrigens auch eine frustrierte Filmcrew, die, zwar nicht in Berlin, aber im ähnlich herabgewirtschafteten Portugal, ein Remake drehen will, auf eine frohe Botschaft aus Hollywood. Fassbinder, der 1982 stirbt, kündigt in seinem In einem Jahr mit 13 Monden, vier Jahre vor seinem Tod, für 1996 ein weiteres Jahr mit der genannten Anzahl an Monden an, „in denen besonders sensible und empfängliche Menschen äußerst gefährdet sind, ihre Beziehung zum Leben zu verlieren“, wie übrigens auch schon 1945. Ein Jahr später, in Die Dritte Generation, unterteilt Fassbinder seinen Film mithilfe von in Berlin entdeckten Toilettensprüchen, zu denen er auch Ortsangaben liefert, was Schlingensief sich in seinem Film auch abschaut. Das einer so viele Sachen gemacht habe, finde er toll, sagt Schlingensief in einem sehr empfehlenswerten Artikel aus der ZEIT. Er finde auch, dass Fassbinder falsch eingestuft werde, dass er ein Zyniker gewesen sei und all die Genres noch einmal abgeklopft habe, um zu sehen, was drin sei, und sich dann ins All katapultiert habe.

Fassbinder, so viel steht fest, war ein manischer Regisseur, und Schlingensief setzt ihm und seiner Manie in seinem Film ein Denkmal: Kein würdiges Denkmal, sondern vielmehr den Versuch eines Denkmals. Der Film im Film scheitert nicht nur an dem vollkommen unqualifizierten, aber mit Filmpreisen überhäuften Sönke Buckmann (übrigens ein Amalgam aus Sönke Wortmann und Detlef Buck) – auch der fiktionale Schlingensief, der in diesem Film zum Produktionsleiter herabgestuft wird und fortan mit jesushafter Dornenkrone durch den Dreh poltert, macht keine gute Figur. Der Film, das erträumte Remake des großen Pasolini-Werkes, scheitert am Wahnsinn seiner Zeit, der sich von dem Wahnsinn des Neuen Deutschen Films grundlegend unterscheidet.

Doch dann setzt sich dieser Film zusammen, in seiner beinah vollkommenen Zusammenhanglosigkeit, und es entsteht etwas Zufälliges, Chaotisches, Manisches. Und diese Manie seines Films ist nicht nur die übliche Manie der Marke Schlingensief, sondern auch die Manie des Neuen Deutschen Films – die Manie von Fassbinder, der in 13 Jahren 44 Filme drehte, oder von Herzog, der für Fitzcarraldo 1982 im brasilianischen Regenwald ein Schiff über einen Berg tragen ließ.

Warum eigentlich Bottrop? Warum Pasolini? Auch diese Fragen beantwortet Schlingensief in dem schon erwähnten ZEIT-Artikel. Mit dem Remake von Pasolinis Salò o le 120 giornate di Sodoma habe man noch ein letztes Mal „das Große“ gewollt; ein Großfilm, der den ständigen Wechsel zwischen Lust und Strafe enthalte, was auch das Rezept für Fassbinder und seine „Familie“ gewesen sei. Aber natürlich war Salò auch der große Abschied von Pasolini –  ein Film, der ziemlich aus dem sonstigen Werk dieses Regisseurs heraussticht, aber dennoch nur von Pasolini hätte gemacht werden können. Pasolinis Film markiert eines der vielen, verstreuten „Enden“ des freien und künstlerischen europäischen Autorenfilms.

Und warum nun Bottrop? Das liege gleich neben Oberhausen, dort gebe es das Bavaria-Traumland, sagt Schlingensief. Das Bavaria-Traumland hieß zwischenzeitlich Warner Bros. Movie World Germany und jetzt Movie Park Germany. In Oberhausen ist Schlingensief nicht nur geboren, es ist auch der Entstehungsort des Oberhausener Manifests, mit dem 1962 (Schlingensief war gerade zwei Jahre alt) der Grundstein für den Neuen Deutschen Film gelegt wurde. Kleiner Wink? Großer Wink. Und jetzt?

→ Wir schreiben das Jahr 2013, und vor gefühlt nicht allzu langer Zeit hätte man so eine Science-Fiction-Geschichte beginnen können. Aber stattdessen hat sich seit 1996 eigentlich nicht besonders viel geändert. Naja, Schlingensief ist auch tot. Fassbinder ist immer noch tot. Die Riemanns, Schweigers, Wiesingers, Bucks und Wortmanns gibt es immer noch, aber seit neuestem legt der deutsche Film wieder Wert auf Qualität: Ja, man sperrt möglichst viele emotionslose, leere und uninteressante Figuren in einen Film, gibt ihnen irgendein klägliches Problem, lässt sie ein paar Mal laut brüllen und weinen, sorgt dafür, dass sie, aufgrund ihrer emotional gestörten Art, ihr klägliches Problem  bis zum Ende des Films so sehr verschärfen, bis es keinen Ausweg mehr gibt, und bricht den Film an diesem Punkt schließlich ab, und kassiert einen Filmpreis. Jau, der deutsche Film ist zurück. Da ist mir Sönke Buckmann eigentlich lieber.

Ach ja, und zuletzt: Die 120 Tage von Bottrop machen sich, wie jeder Schlingensief-Film, super zum Tag der Deutschen Einheit.

Frei, egal und brüderlich, Schmock

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Es soll Menschen geben, die das Schöne, das Gute, das Erhabene in Menschen hervorbringen können – Christoph Schlingensief schaffte es, den Wahnsinn seiner Darsteller zu destillieren und ins Zelluloid und ins Hirn seiner Zuschauer einzubrennen. Denk ich an 100 Jahre Adolf Hitler, schreit es in meinem Kopf – das war der bisher einzige Film, der mir wahnsinnige Kopfschmerzen gemacht hat; ich wußte nicht, wie mir geschah, aber ich wußte, dass es gut war.

Die 12o Tage von Bottrop allerdings walzten mich, als ich ihn vor Jahren das erste Mal sah, platt, ohne dass ich wußte, was genau das alles sollte. Zwischen damals und heute liegen nun einige hundert Filme (Elvira! Herr Spengler!!) und überhaupt ist heute alles anders – selbst Berlin. Und was könnte besser sein, als am heiligen deutschen Feiertage der geeinten Nation Kartoffelsalat und Würstchen (Wiener, Krakauer) zu schmausen, Bier (irisches, tschechisches, kölsches) zu trinken und sich von Schlingensief die Hirnzellen verprügeln zu lassen?! (Ich möchte gar nicht erst damit anfangen, die 120 Tage zu beschreiben oder zusammenzufassen! Sehen Sie’s einfach selbst! KÖRPERLICHE FREUDEN GEHÖREN AM EIGENEN LEIBE ERLEBT!!! GEFÄLLIGST!)

Ich schließe nun mit einem Reim, den ich zum Tode Schlingensiefs schrieb, auf den ich wirklich sehr stolz bin und von dem ich hoffe dass er irgendwann zu einer Redewendung verkomme: schnief schnief schlingensief.

SCHENKT SEINEN FILMEN EURE LIEBE, SO WIE ER EUCH SEINE LIEBE SCHENKTE! GEFÄLLIGST! (HERR FRÄULEIN VON HIMBÄR)

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