Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Mr. Tompkins Inside Himself {Stan Brakhage, 1960}

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Als ich klein war, liebte ich Es war einmal … das Leben, später freute ich mich über Woody Allens Spermien in Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten…die im Menschen verborgenen Vorgänge, dargestellt als ein eigenes kleines Unter-Universum. Toll! Mr. Tompkins, ein Bankangestellter mit regem Interesse an Wissenschaft und Medizin, würde meinen Enthusiasmus teilen und so verfällt er eines Morgens am Frühstückstisch, einen Artikel über Krebszellen lesend, in einen Traum. In diesem Traum wird er von einem Arzt und Wissenschaftler geschrumpft und sich selbst in seinen eigenen Körper injiziert – mit jenem Arzt als Fremdenführer durch die eigenen und doch so unbekannten Innereien. Sie treffen auf Erythrozyten, überstehen Leukozyten-Angriffe, schwimmen durch Venen, Arterien und Kapillaren und hüpfen auf dem Herzen herum. Es wird viel geredet, erklärt und klamaukt – wir haben es also nicht mit einem typischen Brakhage zu tun; und dann wiederum doch: die Technik (übereinandergelegte Aufnahmen der Schauspieler und der Vorgänge unterm Mikroskop, bzw. des schlagenden Herzens) & die Ästhetik (vorgefundene Texturen, Muster und Farben als Inhalt, als das Wesentliche; das kraftvolle Rot-Schwarz des Herzens, das an Cat’s Cradle oder an Window Water Baby Moving erinnert).

Hier geht Brakhage die Erkundung dieser seltsamen Welt, die uns selbst so eigen ist, wie nichts anderes, und gleichzeitig ebenso fremd, noch lustig und verspielt an…ich bin gespannt, wie sehr der Ton sich in The Act of Seeing with One’s Own Eyes ändern wird. (am)

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Seine für heute eigentlich geplante Internet-Abstinenz durchbrechend, schreibt der Digitalisierte Schmock:

Nach einigen Wochen Auszeit setzten Herr Fräulein Himbär und ich heute unsere Brakhage-Reihe mit dem ersten Film des Regisseurs in den 1960er Jahren fort. Einem Film, der auf den ersten Blick unbrakhageesker (welch‘ ein Wort!) nicht sein könnte: Mr. Tompkins Inside Himself ist nicht nur ein sehr linear strukturierter Tonfilm, sondern zeigt uns genau das, was der Titel verspricht. Der schusselige Herr Tompkins bekommt nach der Lektüre seiner Morgenzeitung einen hypochondrischen Anfall und glaubt, mit Krebszellen durchwuchert zu sein. Seine Frau schickt ihn zum Arzt, der ihn und sich selbst mittels… einer Spritze… in seine, also Herrn Tompkins Schulter… injiziert. Man bitte mich an dieser Stelle nicht, die Mechanik dieses Vorgangs zu beschreiben – doch spätestens hier, auf den zweiten, dritten, vierten Blick, offenbart sich der Brakhage im vermeintlich Unbrakhageesken (ich musste es noch einmal verwenden!): Mithilfe einer Doppelbelichtung wird Herr Tompkins in eine Spritze gesogen, deren Nadel anschließend über die Bilder verschiedener Haut- und Gewebeschichten wandert, bis Tompkins schließlich in seinem Blutstrom schwimmt. Dort trifft er auf den Arzt, der es ebenfalls in Tompkins Inneres geschafft hat und diesen auf der unglaublich( lehrreich)en Reise durch seinen Körper begleitet.

Ja, es handelt sich um einen Lehrfilm; eine Verfilmung eines Buches der Mr-Tompkins-Reihe des renommierten Physikers George Gamow. Tompkins Reise durch seinen eigenen Körper ist übrigens, wie man sich denken kann, ein Traum, was Brakhage geschickt ausnutzt, um die Unglaubwürdigkeit seiner Props und Special-Effects direkt anzusprechen. Wenn der Arzt Tompkins ein Taschenmikroskop gibt, damit dieser sich die Molekularstruktur von Hämoglobin abschauen kann, stellt Tompkins fest, dass das Molekül aber doch sehr nach einem künstlichen Modell aussehe. Selbstverständlich, entgegnet der Arzt, schließlich sei das alles ja nur ein Traum, und Tompkins könne daher nichts sehen, was die Wissenschaft nicht schon entdeckt und er schon vorher irgendwo gesehen habe. Das gleiche wiederholt sich mit einem Grippevirus, der verdächtig nach einem Watteball aussieht.

Die ganze Reise durch Tompkins Körper gestaltet sich als eine lange, lange Sequenz von Doppelbelichtungen, in denen Tompkins und sein Arzt durch seine Blutgefäße schwimmen, auf seinem pulsierenden Herzmuskel hüpfen oder einfach einmal kurz die Zeit anhalten, um sich die Blutkörperchen oder die Arterienwände anzuschauen. Und so ist das ganze nicht nur ästhetisch interessant, sondern auch noch ziemlich lehrreich: Habt ihr gewusst, dass bei roten Blutkörperchen der Zellkern kurz nach ihrer Produktion abstirbt, damit sie nur noch als halb-lebendige Transportmittel dienen? Dass unsere Arterien mit feinen, durchsichtigen Muskeln umgeben sind? Dass verschiedene Herzzellen mit unterschiedlichem Takt schlagen, bis sich eine dominante Sektion durchsetzt? Da will man doch glatt zurück in die Schule, am besten mit Mr. Tompkins – und natürlich Mr. Brakhage.

Auf einen brakhageösen Herbst, Schmock

Anbei der komplette Film auf vimeo.

» Stills

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 5. Oktober 2013 von in Filme und getaggt mit , , , .
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