Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

A Zed & Two Noughts {Peter Greenaway, 1985}

zoo

0 ist für Betten mit vorinstalliertem Heiligenschein
1 ist für den einsamen Fisch
2 ist für den Schwan
3 ist für Frances Barbers Brüste
4 ist für die vier Beine einer trächtigen Stute
5 ist für Mutter + Vater + Vater + Kind + Kind
6 ist die Schlafenszeit für müde Teddybärchen
7 ist ein verkrüppeltes Z
8 ist aufrichtige Unendlichkeit
9 ist die Form der Schnecke, die deinen Schweiß von deinem Fahrradsattel schleckt
A ist für Alpha †
B ist für Beta (eines der sympathischen Kinder der Filmgeschichte)
C ist für ein durchtrenntes O
D ist für Darwin war ein guter Geschichtenerzähler
E ist für erotische Tiergeschichten
F ist für Fallast-Ballast
G ist für Griselda
H ist für Hg
I ist für die Vertikale
J ist für Jupiters Zersetzung
K ist für keine Katharsis
L ist für Leda, obviös
M ist für Musik von Michael Nyman, großartige, mir nicht aus dem Kopf gehende
N ist für ZOO (neigen Sie den Kopf um 9o°)
O überall immerwieder leuchtend
P ist für Porzellan, Penisse, Prothesen
Q ist für ein müdes O, Quecksilber gegen den Fötus & die Brüder Quay
R ist für zwei Regenbögen (schauen Sie genau hin!)
S ist für Schneckendisko
T ist für Todesking (Buttgereits)
U ist für das Ursüppchen, das wir immernoch auszulöffeln haben
V ist für Vermeer’sche Beinlosigkeit
W ist für wahnsinnig wundervoll
X ist für zwei Kreuze für zwei O
Y ist für ein einbeiniges X
Z ist für adretter Zebrastreifen unter chaotischem Dalmatinergefleck

(Ich liebe A Zed & Two Noughts auf jeder Ebene; die Thematik allein schon (Tod, Verlust, die Suche nach einem System im großen Ganzen, die Erkenntnis der Sinnlosigkeit, der Versuch damit umzugehen, das Scheitern, Aufgeben…), die Musik, die Gedanken, Dialoge, Situationen, die Optik, all die Kleinigkeiten, die Greenaway überall verstreut, die man großteils übersieht (auch beim zweiten Anschauen) und dann vielleicht zufällig entdeckt (beim Erstellen der Stills, z.B.). Es ist mir ein Rätsel, wie ein solcher Film sein kann…es ist mir ein Rätsel…aber das ist auch Teil des Zaubers…) (Malina Himbärchen)

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Wäre dies hier ein Verriss, stünde an dieser Stelle nur: A Bee and Two Noughts.

Aber das ist kein Verriss. Nein, ganz im Gegenteil, ich schreibe heute (mal wieder) voller Begeisterung von Peter Greenaway im Allgemeinen und seinem Film A Zed and Two Noughts im Besonderen. Etwas Ähnliches hatte ich zwar vor über einem Jahr schon einmal zu diesem Film geschrieben; allerdings in einem Text, der mir rückblickend ausgesprochen dumm und nichtssagend erscheint. Ich schrieb ein bisschen über den Inhalt, betonte seine angebliche Absurdität und verglich den Film hauptsächlich mit Greenaways späterem The Belly of an Architect (1987), der mir irgendwie besser gefiel.

Das wird A Zed and Two Noughts natürlich nicht gerecht. Im Zentrum dieses Films steht keine Anhäufung abgefahrener Ideen zwischen Amputations- und Todessehnsüchten, sondern ein sehr menschliches Versagen im Umgang mit Verlust, Trauer und Tod. Die Brüder Oswald und Oliver verlieren ihre Ehefrauen in einem Autounfall; verursacht durch einen aus dem Zoo getürmten Schwan. Als würden sie sich erhoffen, letztlich noch Herrschaft über dieses furchtbare und sinnlose Ereignis zu erlangen, versuchen sie, jede Einzelheit des Unfalls zu rekonstruieren; sie umgeben sich mit Zeitungen, Informationen, bis sich ihre Obsession schließlich auf die Konsequenz des Unfalls, den Zerfall toter Körper, konzentriert. Wie in einer quasi-evolutionären Entwicklung filmen sie den Verfall von Obst, Krebsen, Fischen, Reptilien, Vögeln und Säugetieren, und man kann sich denken, wo diese Entwicklung enden muss.

Während dies eigentlich schon genug Stoff für einen zweistündigen Film bieten würde, integriert Greenaway diverse Nebenhandlungen. So freunden sich die Brüder mit der Fahrerin des Unfallwagens, Alba, an, die bei dem Unfall ein Bein verlor. Ihr Arzt, ein vom niederländischen Maler Johannes Vermeer besessener Mensch namens van Meegeren (benannt nach und explizit inspiriert vom realen van Meegeren, einem der größten Kunstfälscher des letzten Jahrhunderts) trennt ihr kurze Zeit später auch noch das andere Bein ab – um die Symmetrie zu wahren. Die Symmetrie ist, wie van Meegeren im Laufe des Films erklärt, ein ganz bedeutendes Element des Lebens und Lebendigen, während erst der Zerfall diese Symmetrie auflöse und vernichte.

Je mehr ihre Besessenheit von Tod und Zerfall von ihnen Besitz ergreift, desto mehr gleichen sich Oswald und Oliver an. Sie verraten sogar das lange geborgene Geheimnis, nicht nur Zwillingsbrüder, sondern sogar ursprünglich siamesische Zwillinge gewesen zu sein, und deuten auf ihre exakt symmetrischen Narben. Hier zeigt sich eines der Grundmotive des Films: Der Gegensatz zwischen Leben und Tod, zwischen Symmetrie und Asymmetrie, zwischen Bestand und Zerfall. Die Symmetrie zwischen den Brüdern wächst mit ihrer Begeisterung für den Zerfall und ihrem beruflichen und seelischen Abstieg. Alba, deren Symmetrie durch die Entfernung des zweiten Beines wiederhergestellt wird, gebiert noch zwei perfekt symmetrische Kinder, und verabschiedet sich anschließend aus dem Reich der Symmetrien – was von allen Beteiligten mit einer Ruhe und einer so vollkommenen Abwesenheit von Trauer und Verlustgefühl aufgenommen wird, dass es dem Schmerz über den Verlust der Ehefrauen diametral entgegensteht.

Greenaway spart nicht mit Anspielungen: Vermeer, Venus von Milo, Leda und der Schwan und Castor und Pollux – jedes Motiv lässt sich unendlich erweitern. Wie bei dem Autounfall, der die Brüder nicht mehr loslässt, scheint sich aus jedem Anhaltspunkt ein Determinismus, ein übergreifender Sinn herausdestillieren zu lassen, der irgendwie erklären würde, wie die Geschichte des Lebens, die in dem Film in einer Serie von BBC-haften Naturreportagen abgebildet wird, zum Tod eines einzelnen, ganz bestimmten Individuums führen kann. Greenaway zeigt uns die Obsession der Brüder, ihre Suche nach einem Schlüssel, einem Hauch von Verständnis, und das unvermeidliche Ende dieser Suche.

Also mein abschließendes Urteil: Nicht A Bee and Two Noughts, sondern: An A and a One. Oder auch: Eine Eins und ein A.

(Selbst)zufrieden, Schmock

» Stills & .gifs

Der Film lässt sich auf der Dailymotion-Seite des BFI für 3,49 Euro anschauen (link). Hier noch ein Trailer:

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Ein Kommentar zu “A Zed & Two Noughts {Peter Greenaway, 1985}

  1. Pingback: Drowning by Numbers {Peter Greenaway, 1988} | Stubenhockerei

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 26. Oktober 2013 von in Filme und getaggt mit , , , , , , .
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