Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Tovarishch Kanev {A. Pankova, 1990}

kanev

Inspiriert, irgendwann sein eigenes Remake von Die zehn Gebote zu drehen, schreibt der Pankovisierte Schmock:

Wie oft würde Orson Welles wohl im Grabe rotieren, wenn er sähe, was A. Pankova mit seinem Klassiker angestellt hat: Towarischtsch (Genosse) Kanev, ein sturzbetrunkener, zynischer Abteilungsleiter im sowjetischen Informations- und Presseministerium, rennt schon in der ersten Szene nackt durch seine Datscha und schreit: Rosebud! Rosebud! Und wir können erahnen, dass Rosebud hier wohl nicht das sein wird, was er im großen Vorbild war.

Pankova, über deren Vornamen ich nichts herausfinden konnte, hatte Citizen Kane vor Abschluss der Dreharbeiten zu ihrem sowjetischen „Remake“ angeblich nie gesehen und sich nur grob über die Handlung des oft zum größten aller amerikanischen Filme (oder Filme überhaupt) erklärten Werkes informiert. In einem reizenden persönlichen Vorwort zu ihrem Film begründet sie dies damit, dass ein sowjetisches Remake eines amerikanischen Klassikers keinesfalls auf dem eigentlichen Film, sondern nur auf einer groben, idealisierten und selbstverständlich fehlerhaften Vorstellung des Originals basieren dürfe. Schließlich ließ sich auch Kafka nicht davon abhalten, nie in Amerika gewesen zu sein.

Pankova geht es jedoch nicht um die USA oder den amerikanischen Film, sondern um die Handlung von Citizen Kane, die sie offensiv ins Sowjetische, oder zumindest ihre Vorstellung vom Sowjetischen, überträgt. Wie Lenin, dessen Antlitz zwischen Magdeburg und Wladiwostok auch 65 Jahre nach seinem Tod noch allgegenwärtig war, stirbt auch Kanev nie ganz, sondern steht während der Ermittlungen um seinen Tod (die hier nicht von Reportern, sondern zwei gelangweilten Geheimpolizisten durchgeführt werden) im Hintergrund, in einem roten griechischen Gewand gekleidet, und kommentiert die Handlung, indem er den Geheimpolizisten verschiedenste Beleidigungen zubrüllt.

Die Regisseurin versucht nicht zu verschleiern, dass vermutlich der gesamte Film in derselben Datscha gedreht wurde. Es kommen, wenn ich es richtig erkannt habe, auch nicht mehr als fünf Schauspieler vor, die alle mehrere Rollen übernehmen (der Hauptdarsteller spielt nicht nur Kanev, sondern auch Kanevs Mutter), und nach konventionellen Maßstäben nicht unbedingt in ihre Rollen passen (der junge Kanev wird von einem rund vierzigjährigen kleinen Mann gespielt). Die Produktionsbedingungen geben dem Film einen ziemlich surrealen Charakter, der wohl in der Szene kulminiert, in der Kanev sich vor einem Luftballon mit angeklebtem Stalin-Gesicht niederwirft. Das Ganze ist natürlich unfassbar unterhaltsam.

Und Rosebud? Auch hier zieht sich das Mysterium durch den Film, bloß ist Pankova etwas konsequenter: (Spoiler) In der letzten Szene rennt der verbleibende Ermittler (der andere wurde zwischenzeitlich hingerichtet) sturzbesoffen durch die Datscha und schreit: Rosebud! Rosebud! Wir erwarten eine Auflösung, aber der Geheimpolizist rutscht aus, fällt hin und bricht sich das Genick. Kanev, im Hintergrund lacht und grunzt und überschüttet den sterbenden Ermittler noch mit einem gewaltigen Schwall an Beleidigungen. Konez. (Spoiler Ende)

Konez auch hier, Schmock

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2 Kommentare zu “Tovarishch Kanev {A. Pankova, 1990}

  1. Eule
    11. November 2013

    Darf man fragen, woher du diesen Film hast bzw. wo man etwas über ihn im Netz finden kann? Weder bin erfolgreich, wenn ich „Tovarishch Kanev“ bei Google eingebe, noch dann, wenn ich mit ’nem Tastatur-Programm die Buchstaben aus dem (Titel-)Bild abtippe (warum ist das „n“ eigentlich in lateinischer Schrift, lol?).

    Bedanke mich schon jetzt für eine Erleuchtung. 🙂

    • Schmock & Malina
      14. November 2013

      Den Film haben wir in einer Grabbelkiste von Filmspulen entdeckt, die Herr Fräulein Himbär und ich dieses Jahr in der Ukraine gekauft haben.

      Ich konnte im Internet auch nichts über den Film oder die Regisseurin erfahren, was natürlich schade ist. Das Gleiche gilt auch für die restlichen Filme; der einzige einigermaßen bekannte ist Suicide Monsters von Yevgeny Yufit (der für uns auch Grund genug war, die ganze Kiste zu kaufen).

      Die Kiste scheint aus einem Kino zu stammen, was ja bedeuten müsste, dass der Film zumindest irgendwie veröffentlicht wurde. Vielleicht ist er unter einem anderen Namen bekannt? Wie gesagt, ich kam bei der Recherche auch nicht weiter.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 7. November 2013 von in Filme und getaggt mit , , , , .
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