Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Der Tempelbrand von Yukio Mishima (1956)

der_tempelbrand

In den vergangenen Jahrzehnten war es ja ganz chic, ein bisschen rechts zu sein. Sogenannte Intellektuelle sprachen von den Werten des Abendlandes und der judäochristlichen Identität und plötzlich zählte jeder Literat, der in irgendeiner Weise etwas auf sich hielt, ehemals verfemte Autoren wie Ernst Jünger und Louis-Ferdinand Céline zu seinen bedeutendsten Einflüssen. Das Ganze hatte den Vorteil, dass diese beiden Schriftsteller, insbesondere Céline, in Deutschland aus der Versenkung geholt wurden.

Yukio Mishima, der sich vielleicht ebenso gut als Feuilletonistenschreck geeignet hätte, ging derweil unter. Wahrscheinlich ist Mishima einfach zu schräg: Ein japanischer Ultra-Nationalist, der einerseits offenkundig von der europäischen Literatur inspiriert ist, andererseits die japanische Kultur gegen jeden Einfluss von Außen verteidigen will. Jemand, der sich mit vorgespielter Tuberkulose vor dem Militärdienst gedrückt hat und später mit einer paramilitärischen Armee die Monarchie wiederherstellen will, was natürlich scheitert, ihm aber einen Grund gibt, Seppuku, den rituellen Samurai-Selbstmord zu begehen. Ach ja, und natürlich ein offen bisexueller Bodybuilder, der zwischen 1948 und seinem Tod 1971 fast jedes Jahr mindestens einen Roman herausbrachte (plus Kurzgeschichten, plus Theaterstücke, plus Essays, plus Gedichte). Gut, Mishima ist alles andere als unbekannt; doch seine wichtigsten Werke, darunter zweifelsohne Der Tempelbrand, sind in Deutschland seit Jahren nur noch antiquarisch zu erhalten.

Der Tempelbrand handelt von einem realen Vorfall: 1950 zündete ein junger buddhistischer Klosternovize den Goldenen-Pavillion-Tempel in Kyoto an. Obwohl der Verlust des Tempels das damalige Japan zutiefst erschütterte (was – nur fünf Jahre nach Hiroshima und Nagasaki – die Bedeutung der (wie sie im Buch heißt) „Goldenen Halle“ in der japanischen Kultur unterstreichen sollte), versuchte die japanische Regierung möglichst wenig Informationen über den Fall durchsickern zu lassen, um eine Idolisierung des Brandstifters zu verhindern. Mishima sammelte jede Information, die er beschaffen konnte und besuchte den jungen Mann sogar im Gefängnis.

Beim Lesen wird ziemlich schnell deutlich, dass Mishima nicht einfach nur den Fall des Brandstifters in eine Geschichte zu verarbeiten versucht – stattdessen erschafft er ein sehr intimes, psychologisch-philosophisches Portrait eines Menschen, der sich bewusst für eine zerstörerische Tat, für das Böse entscheidet. Mishimas Hauptfigur Mizoguchi begreift die Goldenen Halle als Ausdruck einer unendlichen, erdrückenden Schönheit; einer Schönheit, die alles andere in seiner Welt übertüncht; einer qualvollen, furchtbaren Schönheit. Die Tatsache, dass die Halle seit 500 Jahren unberührt an ihrem Fleck steht, macht ihre Schönheit für Mizoguchi nur noch schrecklicher.

Mizoguchi stottert, er ist hässlich: er ist ein Ausgestoßener. Seine Ausgestoßenheit entfremdet ihn von der Welt seiner Familie und Mitschüler, sie weckt in ihm eine Faszination für das Dunkle, das Böse, das moralisch Verwerfliche. Lange ist auch für ihn selbst unklar, inwiefern er sich diese Faszination nur (vielleicht aus einem jugendlichen Frust) einredet; doch in seinen Freundschaften mit dem optimistischen Tsurukawa und dem Demian-artigen, klumpfüßigen Kashiwagi (er könnte genauso gut Hufe haben) formiert sich seine Persönlichkeit, die sich immer mehr auf die Tat, von der wir vom Beginn des Buches an wissen, zubewegt.

In gewisser Weise funktioniert Der Tempelbrand wie ein Zen-Koan. Oft wird die Geschichte von Nansen und dem Kätzchen erwähnt, in dem zwei Gruppen von Mönchen sich darüber streiten, wer ein gefundenes Kätzchen behalten dürfe. Priester Nansen packt sich die Katze, hält sie hoch und erklärt, wenn jemand das Richtige sage, werde das Kätzchen gerettet, ansonsten werde er es töten. Niemand antwortet, Nansen tötet die Katze. Am Abend kommt Choshu ins Kloster. Nansen erzählt ihm von dem Vorfall und fragt ihn nach seiner Meinung, woraufhin Choshu sich seine Sandalen auszieht, sie auf seinen Kopf legt und den Raum verlässt. Wäre Choshu da gewesen, hätte er das Kätzchen gerettet, schluchzt Nansen. Das Koan wird von verschiedenen Figuren auf verschiedene Weisen interpretiert, und im Laufe des Romans merken wir, dass sie die Tat Mizoguchis nicht nur in Miniatur abbildet (Miniaturen spielen übrigens auch eine nicht unbedeutende Rolle in der Geschichte), sondern auch die Logik des Verbrechens enthüllt.

Ist es wirklich ein Verbrechen? Schließlich dreht sich der Roman um nichts anderes als die Erklärung, vielleicht auch die Rechtfertigung für eine als scheußlich erachtete Tat, die in der Überzeugung Mizoguchis natürlich vollkommen sinnvoll erscheint. Und man hat auch den Eindruck, Mishima, der vor jeder Wertung der Tat zurückschreckt, müsse nicht nur eine Faszination, sondern auch ein gewisses Verständnis für ihre Logik gehabt haben. Während der reale Brandstifter trotz seiner Erklärungsversuche für geisteskrank erklärt wurde, gibt Mishima ihm juvenil-existentialistische, aber vernunftsbegabte und komplexe Gedankengänge. Nach 270 Seiten wirkt Mizoguchi nicht gestört, sein Handeln wirkt nicht weniger (sogar weitaus weniger) abstrus als Nansens Kätzchenmord.

Nein, das Buch wird keinen Leser verwirren und ihn in einen Mizoguchi (oder einen Varg Vikernes (man beachte auch dies)) verwandeln. Mizoguchi liefert uns auch keine einheitliche, in sich geschlossene Rechtfertigung, sondern nur mehrere, in sich verschlungene Gedankengänge, die die Brandstiftung manchmal als Vorteil für die Kultur, die Welt und/oder die Menschheit, manchmal als eine Art Therapie für seine sexuelle Probleme beschreiben. Der Tempelbrand ist aber gerade deshalb ein interessanter literarischer Entwurf für eine Psychologie des „Bösen“, der dem Schrecklichen eine gewisse Komplexität, einen Ursprung in der gedanklichen Reflexion zuschreibt. Vielleicht sollte man es in Kombination mit einem vollkommen entgegengesetzten Modell, wie Hannah Arendts Eichmann in Jerusalem lesen.*

Der Tempelbrand ist antiquarisch erhältlich. 270 Seiten.

Schmock

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* Nachträgliche Anmerkung: Tempel-Brandstifter Mizoguchi und Massenmörder Eichmann; ja, das klingt, wie mich Herr Fräulein Himbär gerade ermahnte, ziemlich weit hergeholt (und vor allem extrem unsensibel). Arendts Buch lässt sich allerdings nicht nur als Portrait eines Holocaust-Verbrechers, sondern auch als unheimlich interessantes Portrait eines beliebigen, durchschnittlichen Menschen lesen, der einigermaßen bewusst eine abscheuliche Tat begeht. Die „Banalität des Bösen“ lässt sich leicht generalisieren, und sie bildet das Gegenmodell zu den Figuren de Sades, zu den Mephistos und den Mizoguchis.

Mizoguchis Boshaftigkeit ist keine, die sich im Töten von Menschen ausleben will. Sie ist hauptsächlich eine mehr oder weniger pubertäre Faszination am Regelbruch und am Austesten von Grenzen – allerdings weiß Mizoguchi diese Neigung zu artikulieren und reflektierend zu begründen. Und mit seinen Träumen vom brennenden Tempel löst sie sich auch von ihrem pubertären Charakter: Er will niemanden provozieren, will nicht gegen die Welt oder die Erwachsenen rebellieren, sondern erstrebt (stark verkürzt ausgedrückt) Zerstörung um der Zerstörung willen. Hier entwickelt sich ein Mann, der die Welt brennen sehen will. Kein Psychopath, der um der Karriere willen zerstört und mordet; kein soldatischer Dummkopf, der nur seine Befehle ausführt; sondern ein, im ganz klassischen Sinne, Bösewicht.

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Anbei das Stück „Temple of the Golden Pavillion“ von Philip Glass, aus dem Film „Mishima: A Life in Four Chapters“ von Paul Schrader (1985).

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4 Kommentare zu “Der Tempelbrand von Yukio Mishima (1956)

  1. Manfred Polak
    26. Dezember 2013

    Kon Ichikawas Verfilmung ENJÔ (CONFLAGRATION) ist übrigens ganz vorzüglich. Wobei Ichikawa die Tat aus diversen biografischen Kränkungen des Novizen herleitet: Der frühe Tod des Vaters, den er der von ihm verachteteten ehebrecherischen Mutter anlastet; ein älterer Schulfreund, der sich als bösartiger Zyniker erweist (Tatsuya Nakadai in einer frühen Rolle); zuletzt der Abt des Klosters, der sich väterlich gibt, aber eine heimliche Geliebte in der Stadt besitzt. Die Hauptrolle spielt ausgezeichnet Raizo Ichikawa, sonst eigentlich eher ein Action-Darsteller.

    • Desinteressierter Schmock
      26. Dezember 2013

      Ich hatte auch schon gesehen, dass das Buch verfilmt wurde – nach der Empfehlung werden wir uns Ichikawas Film demnächst anschauen, also danke! 🙂

      Die biografischen Kränkungen spielen im Roman auch eine nicht unbedeutende Rolle, wobei es auf mich wirkte, als würden sie Mizoguchi in der Entwicklung seiner Persönlichkeit (und in der Entscheidung zur Brandstiftung) zwar bestärken, aber nicht als Ursache taugen. Ich bin gespannt, wie’s im Film dargestellt wird.

  2. Pingback: Mishima: A Life in Four Chapters {Paul Schrader, 1985} | Stubenhockerei

  3. Pingback: Enjo {Kon Ichikawa, 1958} | Stubenhockerei

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 25. Dezember 2013 von in Literatur und getaggt mit , , , , .
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