Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

The Belly of an Architect {Peter Greenaway, 1987}

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Während der Weihnachtszeit schwillt der Belly des Desinteressierten Schmocks auch dieses Jahr wieder auf Boullée’sche Ausmaße. Was wäre da passender, als sich noch einmal Greenaways The Belly of an Architect anzuschauen?

Im Sommer letzten Jahres hatte ich bereits einen vergleichsweise langen Beitrag über Greenaways The Belly of an Architect verfasst, den ich grundsätzlich so wie er ist stehen lassen möchte. Aber da wir ihn nun zum zweiten Mal gesehen haben, werde ich die Gelegenheit nutzen, um zumindest ein paar Gedanken anzufügen [Spoilers ahead]:

– In meinem ersten Text hatte ich dem Film einen gewissen Mangel an thematischer, inhaltlicher Tiefe unterstellt und ihn vor allem als ästhetisch-formalistisches (und durch seine visuellen Elemente zusammengehaltenes) Werk beschrieben. Dabei habe ich mich als Greenaway-Neuling von den labyrinthesken Anspielungen täuschen lassen und das interessante Hauptthema übersehen: Man kann The Belly of an Architect als Greenaways Gegenentwurf zu einem klassischen Künstlerroman sehen: Im Gegensatz zu diesem beschreibt er nicht das Werden, sondern den Abstieg, gewissermaßen den Tod des Künstlers. Stourley Kracklite ist etabliert, er ist renommiert, er kann auf eine Karriere zurückblicken, die zwar die eines Künstlers ist, aber natürlich, wie jeder realistische Werdegang, genug Raum für Missgunst und Verachtung lässt. Man wirft ihm vor, nur in der Theorie gelebt zu haben, nicht genug Projekte verwirklicht zu haben – sechseinhalb Gebäude, als sei das nichts! Muss sich der jünge Künstler gegen die Etablierten behaupten, muss sich Kracklite mit jungen, arroganten Überfliegern wie Caspasian Speckler herumschlagen, die von jeder Seite an ihm nagen. Gegen Ende des Films, kurz bevor Kracklite über seinen baldigen Tod informiert wird, zeigt man ihm die Galerie der gestorbenen Größen: Man schreibt ihnen Geschichten zu, Biografien, Ämter und Erfolge, doch letztendlich sind sie alle gleich. Kracklite, dessen Karriere vor ihrem Höhe- und Endpunkt steht, muss sich, ob mit tödlicher Krankheit oder ohne, mit seinem eigenen Ende auseinandersetzen. Auch er hinterlässt nur eine kurze Geschichte, eine Ansammlung von Daten; Name, Adresse, Geburtsort, Beruf von Stourley Kracklite (Architect).

– Insofern ist das Ende nicht nur als finaler Schlag gegen Caspasian und sein hässliches grünes Auto, sondern auch als Akzeptanz des eigenen Endes zu sehen. Seit seiner Ankunft in Rom entgleiten Kracklite seine Arbeit, seine Frau und sein ganzes Leben. Es ist nicht seine Schuld, er kann nichts dafür, aber es steht nicht in seiner Macht, seinem Schicksal zu entgehen. Die Intrige gegen ihn wirkt wie aus einem klassischen Theaterstück, oder wie der Verrat an Cäsar; sie muss am Ende zuschnappen und ihn vernichten. Sein Selbstmord ist auch ein Befreiungsschlag aus einer Situation, die für ihn unmöglich geworden ist.

– „Rom sehen und sterben.“

– Interessanterweise scheint es Caspasian am Ende, abgesehen von seinem grünen Auto, nicht gelungen zu sein, Kracklites Vision zu sabotieren. Im Gegenteil: Die Ausstellung scheint in dessen Sinne zu sein; ohne Grün und Blau, ohne alberne Laser. Sie ist ein würdiger Abschluss, sowohl für Boullée als auch für Kracklite. Es gibt nichts mehr für ihn zu tun.

– Der Römer isst Fleisch, Kracklite ist Fleisch. Man spricht von seinem fleischigen Gesicht, von seiner fleischigen Architektur, deren größte Verwirklichung im Gebäude eines Wurstwarenhändlers liegt. Über den ganzen Film sehen wir dabei zu, wie dieses Kracklite’sche Fleisch langsam von den Römern zerrissen und verspeist wird.

– Andererseits ist Kracklite für die Römer vor allem eines: Aufgebläht. Sein Körper entspricht seinem Ego, mit dem er Rom und dessen Architekturwelt gleich einem antiken Imperator zu erobern versucht. Als ur-amerikanische Figur (aus Chicago, der „city of meat and money“) unterscheidet er sich grundlegend von den üblichen Figuren Greenaways. Er ist kein kultivierter, semi-aristokratischer Brite, er ist kein alles verschlingender Lebemann (wie Spica), er ist das aufrechte, leicht naive, maskuline Abbild eines amerikanischen Künstlers in der Art (und vom Aussehen) eines Hemingway. In Rom ist er fremd, viel fremder als seine Frau, die sich ihrer italienischen Abstammung bewusst zu werden schein und sich willentlich zwischen die Opponenten ihres Mannes einreiht.

– Durch seinen weißen Anzug hebt sich Kracklite nicht nur von den ihn umgebenden Figuren ab, er geht – und das wird insbesondere in der letzten Sequenz deutlich, in der er über die Treppen des Altare della Patria läuft – auch in der Architektur der Boullée-Ausstellung auf.

– Gleichzeitig grenzt ihn die Kleidung von den Lebenden ab; sie macht ihn zu einem Geist. Kommen wir zurück zum Tod.

– Die Überbleibsel des alten Roms sähen als Ruinen besser aus, als sie es in ihrer ursprünglichen Form je gekonnt hätten, sagt eine der Figuren im Film. Und so kann auch Kracklite sich als Architekt erst im Tod vervollkommnen. Im Leben ist er ein aufgeblähtes, krankes Stück Fleisch, im Tode ist er Stourley Kracklite (Architect).

– So viele weitere Motive deuten an, dass Kracklite schon lange vor seinem Selbstmord als Toter (oder zumindest Todgeweihter) unter den Lebenden wandelt: Sein Rückzug in die katakombenartigen Kellerräume unter dem Altare della Patria, seine Briefe an den vor Jahrhunderten verstorbenen Boullée, seine Fixierung auf das Grab Augustus‘, das ausgestorbene und menschenleere Rom, das Greenaway uns hier präsentiert, der niedrige Schwerpunkt seines Körpers, der, wie seine Frau uns sagt, ihn vor allem liegend am Boden hält.

– Indem Newton die Gravitation entdeckte, habe er uns unsere Verankerung auf der Erde garantiert und uns so gleichzeitig ermöglicht, unseren Kopf in den Wolken zu belassen. Kracklite ist einerseits schon unter der Erde, andererseits ist sein Kopf in den Wolken – er ist ein Träumer, jemand, der sich vor allem in seinen Träumen, und nicht, wie es von einem Architekten erwartet wird, in Stein und Mörtel verwirklicht.

– Oder in Holz oder Glas oder in Styroporplatten. Aber ich denke, das kommt hier überhaupt nicht in Frage. Beton, möglicherweise.

– Ist Boullée wirklich so unbekannt, wie die Figuren rund um Kracklite behaupten? Man könnte in Boullée einen Architekten sehen, der nicht durch seine Gebäude, sondern durch seine Rezeption in der Nachwelt zu Ruhm gefunden hat, was für viele irgendwie lächerlich erscheint. Vielleicht hofft Kracklite dies auch, vielleicht macht ihn dies in den Augen seiner Frau und all der Römer zu einer so lächerlichen, absurden Figur. Vielleicht muss er deshalb sterben. Wo ist die Grenze zwischen einer lächerlichen und einer tragischen Figur?

– Man denke auch an einen anderen bekannten Boullée-Fan, den ganz realen Architekten Lebbeus Woods, der bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr ebenfalls kaum Gebäude verwirklicht sah (hier ein Artikel über ihn). Natürlich hat sich unser Verhältnis zur Architektur seit 1987 deutlich geändert; ist ein talentierter Architekt, dessen innovative Visionen sich hauptsächlich in Form von Firmenzentralen, Luxusappartements und Einkaufszentren verwirklichen, nicht viel lächerlicher als jemand, der keine Kompromisse eingeht und deshalb beinahe überhaupt nicht baut (wie Woods oder Kracklite)?

– Doch andererseits: Wo können sich kompromisslose Architekten verwirklichen, wenn nicht in autoritären Staaten? Woods letzte Projekte entstanden in China, Boullée traf, wie in Greenaways Film hervorgehoben wird, auf den Geschmack Albert Speers. Die große Architektur Roms, wie wir sie im Film sehen, ist die Architektur der römischen Kaiser, der katholischen Kirche, der italienischen Könige und, natürlich, des Faschismus. Im Film schwingt ständig die Frage mit, ob nun Kracklite oder eher Caspasian ein Faschist sei – alle Faschisten seien Fleischfresser, sagt Kracklite, und als deutscher Zuschauer weiß man natürlich, dass Adolf ungern Fleisch aß (weshalb der ein oder andere Wurstfetischist auch gerne behauptet, Vegetarier seien durchweg Nazis). Das soll natürlich nicht Kracklite als Faschisten outen – schließlich restauriert sein Widersacher, nachdem er Boullée mit Speer assoziert hat, Mussolinis Foro Italico, was Kracklite widerum enorm aufstößt.

– Die Dynamik zwischen dem Amerikaner Kracklite und den Römern erinnert mich sehr an einen Text, über den ich eigentlich in der Rubrik „Vergessene Literatur“ hätte schreiben sollen: Die Relatio de legatione Constantinopolitana ad Nicephorum Phocam des Bischofs Liutprand von Cremona aus dem Jahr 969. Darin beschreibt Liutprand, ein aufrechter, leicht ehrpusseliger Lombarde (und damit so etwas wie das 10.-Jahrhundert-Äquivalent eines stereotypen Amerikaners im 20. Jahrhundert) seine diplomatische Mission im Hof des byzantinischen Herrschers in Konstantinopel. Die Byzantiner mit ihrer alten, modrigen Kultur, ihren rätselhaften Gepflogenheiten, ihrer offenkundigen Respektlosigkeit, ihrem intriganten Verhalten, und Liutprand, der eine nicht enden wollende Reihe von Demütigungen ertragen muss und dessen großes Ego schwer gelitten zu haben scheint… Es wirkt wie die Vorlage zu Greenaways Aufeinandertreffen der Kulturen. Die Relatio gibt’s, in englischer Übersetzung, hier zu lesen.

– Trotz seiner in sich verschlungenen Ebenen, seiner zahllosen Anspielungen und seines offenen Formalismus wirkt The Belly of an Architect irgendwie untypisch für Greenaway. Einerseits steht hier eine starke, charismatische und sehr einnehmende Person im Mittelpunkt, und deutlicher als in anderen Filmen Greenaways ist das, was wir sehen, von dieser Person gefärbt. The Belly of an Architect wirkt leichter zugänglich als die anderen Greenaways; vielleicht, weil er seine typischen Spielereien mit Zahlen, Klassifikationen, Listen etc. hier nicht offen zum Thema macht, sondern sie mittels des Architektur-Motivs in etwas Visuelles umsetzt.

– Und die Musik ist von Wim Mertens und Glenn Branca. Sie ist nicht minder großartig als die übliche Musik von Michael Nyman.

Das waren mehr Gedanken als geplant. Und schon ist Weihnachten vorbei…

Schmock

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Bestimmt kam Greenaway die Idee zu The Belly Of An Architect als ihm der von Boullée entworfene Newton-Kenotaph das Boullée-Belly-Wortspiel in den Sinn brachte. Verschmitzt in sich hineingrinsend konstruierte er daraufhin drumherum einen Film über den großbauchigen Architekten Kracklite, der in Italien neun Monate Zeit hat, eine Boullée-Ausstellung zu organisieren. Von seinen Gastgebern für seine Leidenschaft genauso wenig respektiert wie einst Boullée zu seiner Zeit, gerät Kracklite schnell in eine quälende Einsamkeit. Gleichzeitig überfallen ihn Bauchschmerzen und er verfällt der Überzeugung, seine Frau wolle ihn vergiften.

The Belly Of An Architect ist viel realitätsnaher als Greenaways andere Filme. Die Opulenz der Bilder ist eher zahm, die Interieurs beinahe karg. In einer Stadt wie Rom ist es vielleicht aber auch nicht nötig seine Phantasie bis zum äußersten auszuschöpfen.

So wie in Spalovač Mrtvol Herr Kopfrkingl der buchstäbliche Dreh- und Angelpunkt des Films ist, so ist Kracklite der Schwerpunkt von The Belly Of An Architect. In der Fremde wird er sich seiner kolossallen Massigkeit plötzlich schmerzhaft bewußt. Ein Schmerz, der ihm unter den intriganten und überheblichen Menschen als einzige Verlässlichkeit bleibt, nachdem er seine bei der Einfahrt nach Italien erschwangerte Frau an einen jungen und erfolgreicheren Architekten verliert. Und so fällt und fällt Kracklite, bis er dort, wo er wenige Monate zuvor noch gefeiert wurde, betrunken und verzweifelt randaliert und schließlich vollkommen aus dem Ausstellungsprojekt herausgedrängt wird.

Wo andere Greenaway-Filme für ihr Zuviel Von Allem kritisiert werden, verhält es sich bei The Belly Of An Architect genau umgekehrt. Er ist sehr in unserer bekannten Welt verwurzelt und fühlt sich nicht, wie die meisten anderen Greenaways, an, als gewährte er uns einen Blick in ein Paralleluniversum. Dennoch: Kracklite ist eine spannende Figur und man kann die Einsamkeit und Hilflosigkeit, die von ihm Besitz ergreift, förmlich im eigenen Bauch spüren.

Natürlich musste auch mal jemand Étienne-Louis Boullée erwähnen (- und wer wäre dafür wohl geeigneter gewesen als Greenaway?.). ■(Hr.Frl.Himbär)

» Stills & .gifs

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3 Kommentare zu “The Belly of an Architect {Peter Greenaway, 1987}

  1. Pingback: Drowning by Numbers {Peter Greenaway, 1988} | Stubenhockerei

  2. Isabella
    11. März 2014

    Zum Titel des Films

    Vitruvs Bücher sind die einzigen erhaltenen Werke der antiken Architektur. Man kennt seine Abbildung des menschlichen Körpers in einem Kreis und in einem Quadrat eingeschrieben. Diese mathematisch genaue Zeichnung erörtern den Bauchnabel als das Zentrum des Körpers und dies galt als Vorlage für klassische und neoklassische Architektur.

    • Desinteressierter Schmock
      12. März 2014

      Oh, das war mir völlig unbekannt – vielen Dank für den Kommentar! Es ist immer wieder unglaublich, wie viel Greenaway in seinen Filmen versteckt…

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 26. Dezember 2013 von in Filme und getaggt mit , , , , , .
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