Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Mishima: A Life in Four Chapters {Paul Schrader, 1985}

mishima

Desinteressierter Schmock hat eine immer länger werdende Liste von Literaturverfilmungen und Autorenportraits, die er schon seit Ewigkeiten schauen möchte. Aus gegebenem Anlass gibt’s heute einen Text über Paul Schraders Mishima: A Life in Four Chapters:

Ausgehend vom Tag seines gescheiterten Putschversuches und Selbstmords zeigt uns der Film das Leben, Werden und Werk des japanischen Schriftstellers Yukio Mishima. In den ersten drei Kapiteln (1. Beauty, 2. Art und 3. Action), die die Vorstunden des dramatischen Schlussaktes aufteilen, wechselt die Erzählung zwischen in schwarz-weiß gehaltenen Rückblenden zu früheren Episoden aus Mishimas Leben und abstrakten, knallbunten Zusammenfassungen seiner Romane Der Tempelbrand, Kyoko’s House (kein dt. Titel) und Unter dem Sturmgott. Am Ende (4. Harmony of Pen and Sword) laufen alle Handlungsfäden – der letzte Tag, die Biografie Mishimas und die drei Romane im Seppuku des Künstlers zusammen, als sei das Leben und der berüchtigte Putschversuch Mishimas auch einer seiner Texte, als habe er sich aufgelöst in seinem eigenen Werk, in der Kunst und in der Künstlichkeit. Die Harmonie von Feder und Schwert.

Und das ist die Magie dieses Films. Schrader musste, um die Geschichte überhaupt verfilmen zu dürfen, Kompromisse eingehen (er durfte Mishimas (offene!) Bisexualität und Teile seiner politischen Beziehungen nicht thematisieren). Dennoch gelingt es ihm, eine aufrechte, einfühlsame, aber nicht bejubelnde Biografie des Schriftstellers zu erschaffen, deren Form eine großartige Hommage an ihre Hauptfigur darstellt: Mishima sei eine Persönlichkeit, die er gerne geschaffen hätte, hätte sie nicht schon existiert, soll Schrader gesagt haben. Mishima wird im Film gezeigt als ein Mensch, der willentlich fiktiv wirkt, weil er sein eigenes Leben – und seinen eigenen Tod – als Kunstwerk betrachtet. Er inszeniert sich; er will als Künstler nicht nur jemand sein, der andere sieht, sondern selbst gesehen werden. Seine traditionalistische Ideologie, seine abstrakte Kaisertreue, auch sein Putschversuch und anschließender Selbstmord scheinen – und man möchte diese Interpretation glauben – Teil dieser Inszenierung gewesen zu sein; weniger von außen aufgenommene Überzeugungen als der Versuch, sich selbst als Figur seines eigenen Werkes zu erschaffen.

Im Rahmen dieses Konzeptes orientieren sich auch die Worte der Erzählstimme an seinen autobiografischen Schriften Geständnis einer Maske und Sun and Steel (ebenfalls kein dt. Titel). Seine Faszination am männlichen Körper, ausgelöst durch ein Bild des heiligen Sebastians (passend dazu: Derek Jarmans Verfilmung Sebastiane (1976)) verbindet sich mit seinem Narzissmus, seinem Streben nach Maskulinität, seiner Privatarmee von durchtrainierten, mit von ihm entworfenen Uniformen bekleideten Jünglingen. Schrader bleibt dabei stets respektvoll; Schraders Mishima weiß, dass seine Erscheinung von manchen als lächerlich wahrgenommen wird. Er weiß, dass er dieser gefühlten Lächerlichkeit nicht entgehen kann, ohne sein Werk und sich selbst aufzugeben. Dieses Wissen und vor allem sein unverkrampfter Umgang damit geben ihm im Film seine Größe. Umso trauriger ist es, dass der Film in Japan wegen Beschwerden rechter Gruppierungen und seiner Witwe nie in die Kinos kam (Anscheinend lag’s an den Andeutungen über Mishimas Homosexualität – und das, obwohl er ein verdammtes Buch über seine Vorlieben geschrieben hatte. Idioten.).

Der Film – das sollte dazu gesagt werden – ist auf Japanisch gedreht (es gibt auch eine gekürzte, englischsprachige Version); die wunderbare Hintergrundmusik stellte Philip Glass. Übrigens kam, wie ich kurz nach dem Sehen des Films las, im vergangenen Jahr auch ein Mishima-Biopic von Koji Wakamatsu heraus – der letzte Film vor seinem Tod im gleichen Jahr.

Im nächsten (Langfilm)-Review wird es übrigens um Kon Ichikawas Tempelbrand-Verfilmung Enjo (1958) gehen. Vorfreudig, Schmock

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Ein Kommentar zu “Mishima: A Life in Four Chapters {Paul Schrader, 1985}

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 4. Januar 2014 von in Filme und getaggt mit , , , , , , .
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