Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Жестокая болезнь мужчин {Igor & Gleb Aleinikow, 1989}

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Erst die Tonspur macht die Atmosphäre trifft auch auf Igor & Gleb Aleinikovs Жестокая болезнь мужчин (Cruel Illness of Men) zu. In diesem Fall besteht die (tolle) Tonspur aus Noise und ein bißchen Musik. Der visuelle Teil setzt sich aus verschiedensten Filmschnipseln zusammen, die von Aufnahmen eines durch eine industrielle Landschaft streunenden Mannes durchbrochen werden. Im zweiten Teil befindet sich der Mann in einem U-Bahn-Abteil, wo er von einem anderen Mann vergewaltigt wird, während ein weiterer Mann dazu masturbiert.
Und während der erste Teil eine noch irgendwie verständliche Atmosphäre hat, fällt es mir schwer die Intention des zweiten Teils zu erfassen. Aber es bleibt tatsächlich zu bedenken, dass das Parallel Cinema sehr innerhalb des zeitgeschichtlichen Kontextes gefangen ist und sich vermutlich in seiner Gänze nur denen zu erschließen vermag, die damals in der Sowjetunion gelebt haben. (Zwar befand auch ich mich 1989 noch in der Sowjetunion, war damals aber gerade mal fünf Jahre alt.)
In diesem Zusammenhang möchte ich noch nachtragend (zu Я холоден. Ну и что?) auf Stan Brakhages hochamüsante Begegnung mit Tarkovsky verweisen. Mir ist vor allem die Aussage von Tarkovskys Assistentin aufgefallen, die zu Brakhage gesagt haben soll: „You know I’ve never had the chance to see anything like this ever before in my life. There have been three books written on you in Russian but nobody has ever seen any of your films. When I get back to Russia and tell them that I have seen your films, they won’t let me talk about anything else for months, maybe years!“ Denn man könnte sich ja darüber wundern, dass soetwas wie Parallel Cinema erst in den 8oern entstand. Aber nach der Glanzzeit von Vertov, Eisenstein, Kuleshov, Pudovkin und Dovzhenko in den 2oern war experimenteller Film in der Sowjetunion nicht mehr erwünscht. Und so ist es wohl auch verständlicher, dass das Parallel Cinema sich mit filmischen Konzepten und Ideen befasst, die woanders schon längst durchexerziert waren. ■(Malina Schmalina)

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Oh weh, welch kruelle Krankheit mag wohl in mir lauern, denkt ER sich, der Männliche Schmock, und ERbleicht, wirft sein seidenes Taschentuch von sich und fällt in Ohnmacht. Nachdem ER wieder zu sich kommt, guckt ER den heutigen Kurzfilm, fällt noch ein paar Male in Ohnmacht, und schreibt schließlich folgenden Text:

Zu bedrohlich dröhnender Musik sehen wir eine scheinbar unzusammenhängende Abfolge von Bildern, teils von den Aleinikows gedreht, teils offensichtlich in Nachrichten und Kino gefunden, bis wir nach ca. 6 Minuten einer Vergewaltigung unter Männern in einer U-Bahn beiwohnen. Жестокая болезнь мужчин, The Cruel Illness of Men.

Was ist die „cruel illness of men“? Die Bilder des ersten Filmabschnitts scheinen sich zunächst auf das Thema „Technik“ eingrenzen zu lassen: Frauenhände, die technische Geräte bedienen, eine Halle in einer Art Planstadt, Baukräne, mehr technische Geräte, eine längere Sequenz in einer verlassenen Industrieanlage, Berge massenproduzierter Waren. Doch dann: Eine mumienartig verbundene, (blut-?)verschmierte Person, die sich an (Sand-?)Säcken entlanghangelt, ein Turmsprung in ein Schwimmbecken und eine Fotografie einer Jungenschulklasse, bei der allen abgebildeten Personen die Augen ausgekratzt wurden (nicht auf dem Foto selbst, sondern auf dem Filmstreifen). Mäuse, Reiter, das Gesicht eines Mannes, mehr Industrieaufnahmen, ein Pärchen auf einem Motorroller, noch mehr Industrieaufnahmen, Bomben, Feuer, Nazis, jubelnde dicke Frauen. Die Bilder wiederholen sich, und während sich die Aufnahmen aus dem Bereich der Technik entfernen, scheinen sie gleichzeitig eine Verbindung herzustellen zwischen den Aktivitäten der Menschen und dem Hämmern ihrer Fabriken. Es folgen geradezu pittoreske Bilder von Familien, von Frauen, Kindern und Hunden; Bilder von Menschen, die durch ein Feld stapfen und von vergnügten Frauen am Strand, aber sie stehen in keinem Gegensatz zu den vorherigen Aufnahmen: Zwischendurch sehen wir eine Mädchenschulklasse vor einem Kabinett von mechanisch bewegten Holzpuppen, die nicht nur fleißig werkeln, sondern auch im Schaukelstuhl wippen; und so verschwimmt jede Unterscheidung zwischen dem Mensch und seinen Produkten.

Alles mündet in der finalen Vergewaltigung, die von einem dritten U-Bahn-Passagier masturbierend beobachtet wird. Auch hier: Keine Gründe, keine Moral, kein Sinn, sondern reine Mechanik. Männliche Mechanik, möglicherweise. Es fällt mir schwer zu verstehen, warum die Krankheit nun ausschließlich eine der Männer sein soll. Aber gut, Männer und Technik, wa?

Schmock

» Stills & .gif

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2 Kommentare zu “Жестокая болезнь мужчин {Igor & Gleb Aleinikow, 1989}

  1. Pingback: Filmforum Bremen » Das Bloggen der Anderen (13-01-14)

  2. Pingback: Революционный Этюд {Gleb & Igor Aleinikow, 1987} | Stubenhockerei

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