Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Революционный Этюд {Gleb & Igor Aleinikow, 1987}

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Krud animierte heroische Hampelmännchen und CCCP-Schriftzüge, zwei mit der Kamera flirtende Männer mit seltsamen Brillen, durch Moskau tollende Stereotypen, verzerrte Ansprachen und schließlich Moskau selbst – kopfstehend.

Wenn man den Aleinikovs so zuschaut, könnte man fast den Eindruck bekommen dass das Bröckeln der Sowjetunion eine extensive Freisetzung von Albernheit zur Folge hatte. (Cruel Illness of Men trübt das dann allerdings wieder. Hm.) ■(Малина)

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Arbeiter! Arbeitslose! Angestellte! Land- oder Forstwirte! Leitende Angestellte! Freiberufler! Unternehmensführer! Geldadelige! Der Neue Sowjetische Schmock ist da! Das ist alles, was ich sagen wollte! Ausrufezeichen machen Spaß! Kurze Sätze auch! Zurück auf eure Positionen! 

Als ich Leni Riefenstahls Triumpf des Willens (1935) sah, musste ich lachen. Irgendwie hat diese antiquierte Form der Propaganda etwas furchtbar Albernes, etwas unwahrscheinlich Stupides: Die Anhimmelung. Die Opulenz, der Pomp. Die Großspurigkeit. Die mal mitreißende, mal tränendrüsige Dramatik. Die kindliche Naivität. Die Ernsthaftigkeit. Es ist klar, dass mein Gefühl der Belustigung nur deshalb so einfach hervorgerufen werden konnte, weil diese Welt, dieses Denkmodell, diese implizite Selbstverständlichkeit von Machtphantasien, Nationalismus etc. heute nicht mehr vorherrschen. Und es ist auch klar, dass wir heutzutage stets von anderen, keineswegs subtileren Formen der Propaganda umgeben sind, die uns meistens genauso wenig auffällig oder gar lächerlich erscheinen, wie es Triumpf des Willens den Leuten im Jahr 1935 tat. Man denke an die orgasmisch schielenden Menschen in der Wasch- und Spülmittelwerbung, an den herzzerreißenden Enthusiasmus, mit dem Menschenmassen die Eröffnung von Elektronikläden oder das Auftreten beliebiger Prominenter zelebrieren, an die universellen Heilsversprechen der Technikindustrie, an das neue, schon wieder implizit selbstverständliche Gerede von nationaler Stärke, dieses Mal nicht im militärischen, sondern im wirtschaftlichen Sinne. Eigentlich müsste man lachen, sobald man die Zeitung aufschlägt, den Fernseher anschaltet oder auch nur vor die Türe geht.

In Революционный Этюд (engl. Revolutionary Sketch) führen uns Gleb und Igor Aleinikow die Lächerlichkeit der Propaganda der Sowjetunion vor Augen. Vielleicht aus einem ähnlichen Grund, wie mir die Lächerlichkeit von Triumpf des Willens offensichtlicher erscheint als die heutigen Formen, bedienen sich die Aleinikows des bildlichen und gedanklichen Stils der Stalin- und vor allem Prästalinzeit: Die glorreichen Pioniere, der glorreiche Kommunismus und natürlich der Neue Sowjetische Mensch (nicht zu verwechseln mit dem Homo Sovieticus). So mischen die Aleinikows alte Nachrichtenbilder und propagandistische Tonaufnahmen mit ihren eigenen, beabsichtigt albernen Spielereien. Während im Hintergrund ein passionierter Kommunist vom Neuen Menschen spricht, sehen wir beispielsweise Igor und Gleb, ihre Gesichter unter selbstgebastelten Scherzbrillen verborgen, wie sie herumtollen und unverständlich auf Pappfiguren deuten. Ab der Mitte des Films steht das Bild auch gerne mal auf dem Kopf, und zwischendurch sehen wir konstruktivistisch anmutende Animationsfiguren, die allerlei Unsinn treiben (es erinnerte mich ein bisschen an das hier).

Революционный Этюд ist leichter verständlich und unterhaltsamer als die zuvor hier erwähnten Aleinikow-Filme und eignet sich wahrscheinlich gut als Einstieg.

Tschüss! Schmock

» Stills

Den Film gibt’s auf ubuweb.

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