Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Nostos {Franco Piavoli, 1990}

nostos

Seit dem Fall der Trojanischen, nein, der Berliner Mauer(n) irrt der Danaische Schmock durch die Gewässer Zentralbrandenburgs, geplagt vom Heimweh nach seinem own private Ithaka, diesem Ort am Ende der bekannten Welt, mit seinen spitzen Felsen, seinen reichen Schänken – oh Kölle, do ming Stadt am Rhing! Aber da er (mal wieder) auf der Couch gestrandet ist, schreibt er uns einen kurzen Text über Piavolis Nostos:

Die Stoffe der Antike lassen sich eigentlich sehr leicht als moderne Actionspektakel umsetzen, und das werden sie auch gerne: Von den Monumentalfilmen der Fünfziger (mit seinem obersten Vertreter, Charlton Heston als Moses) bis ins vergangene Jahrzehnt mit Troja, 300 und Alexander ist die Liste ziemlich lang. Daneben gibt es aber auch (meiner Meinung nach deutlich interessantere) Werke, die das Geplapper und das Haudrauf so weit wie möglich unterdrücken, und mit stillen, außerweltlichen und kargen Bildern die Atmosphäre einer entrückten, irrealen Antike schaffen, die sich gerade dadurch wie die Grundlage, wie eine abstrahierte Basis der Gegenwart anfühlen. Solche Filme sind Pasolinis Edipo Re (1967), Derek Jarmans Sebastiane (1976) und, wie ich nun herausfand, Piavolis Odyssee-inspirierter Nostos (1990).

Nostos ist still; es wird kaum gesprochen, und was gesprochen wird, ist in einer Sprache, die wie eine Mischung aus Griechisch und Latein klingt und für die Piavoli keine Übersetzung bereitstellte. Die meisten Zuschauer, ich eingeschlossen, sind zu dem Schluss gekommen, dass man die wenigen Dialoge auch eigentlich nicht zu verstehen braucht. Man muss auch nicht, kann aber versuchen, in den wenigen Abschnitten von Nostos zumindest ein paar der Episoden der Odyssee zu identifizieren; am deutlichsten erkennbar ist vielleicht die Kalypso-Episode, auch wenn Piavolis Odysseus seine Zeit gar nicht so unwillig mit der Nymphe zu verbringen scheint. Und recht zügig wieder fortgelassen wird. Die Sirenen werden kurz angedeutet; der Schiffbruch von Odysseus erster Mannschaft findet statt, wird aber nicht weiter erklärt. Statt Zyklopen, Lotusessern, Sonnenochsen begegnet Odysseus hier, in dieser stillen, ereignislosen Welt, seinen eigenen Gedanken, die ihn zur Plünderung Trojas oder in dessen menschenleere Ruinen zurückführen. Doch selbst diese Innenansichten werden nur ansatzweise formuliert, wesentlich mehr ist Piavoli daran gelegen, die Natur in ihrer ganzen symbolischen Kraft auf Odysseus und den Zuschauer wirken zu lassen: Die Sonne, der Mond, die Steine, das Wasser. Die gezeigten Landschaften sind inkonsistent, sie fügen sich nicht zusammen, und doch erschaffen sie einen gemeinsamen Raum; eine vielseitige Natur, die Odysseus begleitet und bettet. Seine Einsamkeit steht in einem starken Kontrast zu den Erinnerungen an das Leid und den Schrecken der Zerstörung Trojas. Das Sehnen nach Penelope, Telemachos und der Heimat spielen in diesem Film keine besondere Rolle, und Piavolis Natur ist eine Idylle, bei der man sich oft fragt, warum die Hauptfigur überhaupt wieder in die Zivilisation zurückfinden möchte. Aber naja, Nostalgie halt.

Schmock■

nostos_2

Ach, es will mir einfach nicht mehr gelingen Franco Piavolis Odysseus in meinem Kopf nicht immerzu versehentlich Nostos zu nennen. Das ist aber vielleicht auch gar nicht so sehr unpassend, denn Odysseus muss er zum Verständnis des Films auch nicht unbedingt heißen. Eigentlich bräuchte er gar keinen Namen und eigentlich hat er innerhalb des Films auch keinen.

Mein Held Nostos jedenfalls schippert am Anfang des Films mit seinen Kameraden über’s Weltenmeer und erinnert sich an Kindertage und erinnert sich an den letzten Krieg. Wir verstehen seine gesprochenen Gedanken nicht, da er eine uns unbekannte Sprache spricht, aber wir können seinen Gesichtsausdruck, seine Augen erfühlen, den Klang seiner Stimme.
Ein Sturm zieht auf, das Schiff zerschellt und Nostos bleibt allein zurück. Zu Fuß zieht er nun immer weiter, von einer nur ihm wirklich bekannten Sehnsucht getrieben. Und gleich zu Anfang seiner einsamen Reise trifft er auf das Paradies: eine bunte, üppige Pflanzenwelt, klarstes Wasser, Sonnenschein und eine schöne Frau. Er verweilt ein wenig. Und zieht dann auf einem Floß auf’s Meer hinaus, in völlige Einsamkeit. In der Nacht lösen sich die Balken des Floßes voneinander und entlassen Nostos in’s unendliche Meer, bis er durch filmmaterialische Magie auf dem Mond landet – oder zumindest in einer kargen, mondartigen Landschaft.

Franco Piavoli verwendet in Nostos einfachste Requisiten und Filmmittel um Ereignisse und Situationen ohne viele Worte zu erzählen. Und diese Einfachheit macht es auch eigentlich unmöglich über Nostos zu schreiben. Ich könnte zusammenrechnen, wie viele Minuten des Films nur aus Wasseraufnahmen bestehen, oder ich könnte versuchen zu beschreiben, wie gekonnt Piavoli Menschenkörper in eine Felslandschaft platziert und wie fremdartig diese nicht tot nicht lebendig aussehenden Körper wirken, oder ich könnte eben berichten, auf welch vollkommen simple und geniale Doppelbelichtungsweise er Odysseus auf den Mond schwimmen lässt. Worte, die sich angesichts einer Erfahrung aus Bild und Ton für sich selbst schämen. Wie wenig man doch manchmal braucht um eine ganze Welt zu erschaffen.

Dass Nostos Reise eine Reise in’s Innere ist, kann man durch offensichtliche räumliche Veränderungen erahnen…Odysseus Weg führt von der Üppigkeit ins Karge, vom offenen Meer in immer beengtere Orte und dann: Tunnelblick. Die Einsamkeit in seinem Gesicht wird immer deutlicher. Er wird sich und seiner Umgebung immer fremder und zieht mich in sein Befremden mit hinein. Seine Sprache, die zwar auch vertraut klingt, aber eben doch nicht verständlich ist, sorgt für Abgrenzung; die Natürlichkeit seiner Welt ist so abseits meiner eigenen Lebenserfahrungen, dass es meinem Empfinden nach auch ein fremder Planet sein könnte…
Man kann sich in Nostos verlieren und treiben lassen wie in einem warmen Wasserstrom. Und das hat alles nichts mit romantischen Sonnenaufunduntergängen, esoterischen WasserplätschernentspannungsCDs oder Wellnessmeditationen zu tun.

Einsamkeit zerquetscht die Eingeweide.


■(Malina)

» Stills & .gifs

Anbei der komplette Film auf youtube:

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2 Kommentare zu “Nostos {Franco Piavoli, 1990}

  1. Pingback: At Land {Maya Deren, 1944} | Stubenhockerei

  2. Pingback: Vital {Shinya Tsukamoto, 2004} | Stubenhockerei

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 5. Februar 2014 von in Filme und getaggt mit , , , , .
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