Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Female Trouble {John Waters, 1974}

female_trouble

Irgendwann wird auch der Desinteressierte Schmock in einem Leopardenfummel durch die Straßen tänzeln. Irgendwann.

Dawn Davenport, gespielt von der unvergleichlichen Divine, verprügelt ihre Eltern, nachdem sie ihr zu Weihnachten nicht die gewünschten „cha-cha heels“ schenken. Sie büchst aus und lässt sich von Earl, ebenfalls gespielt vom unverwechselbaren Divine, begatten und -fruchten. Neun Monate später kaut sie sich durch die Nabelschnur zu ihrer Tochter Taffy und besteigt die Karriereleiter, von der Stripperin zur Hure zur Straßenkriminellen.

Irgendwann wird Dawn in einem Schönheitssalon „entdeckt“, als Modell gemäß der Formel „crime equals beauty“. Außerdem heiratet sie einen Stylisten, dessen Mutter ihn lieber mit einem Mann gesehen hätte („I worry that you’ll work in an office, have children, celebrate wedding anniversaries. The world of a heterosexual is a sick and boring life!“). Story Story Story Spoiler: Dawn schießt bei einer Show von der Bühne auf Publikum („Who wants to die for art?“). In einem nur halbwegs fairen Prozess (was aber eigentlich keine Rolle spielt) wird Dawn zum Tode verurteilt, was sie allerdings als große Ehrung und Auszeichnung für ihre kriminellen Verdienste sieht (Verständlich!). Sie gesteht den anderen Häftlingen das Recht zu, ihre Erinnerungen an sie an die Medien zu verkaufen und inszeniert ihren Abgang auf dem elektrischen Stuhl wie eine Dankesrede für die Oscarverleihung. Möge sie im Perfiden ruhen. Spoiler Ende.

Was macht man mit einem Film wie Female Trouble, mit seinen grotesken Figuren in noch groteskeren Kleidern, seiner absurden Gewalt, seinen konstant nicht gesprochenen, sondern gebrüllten Dialogen, seinen schlaff aus Hosensteilen lugenden Schwänzen? Man lässt sich fabelhaft unterhalten. Nebenbei bemerkt ist er auch weit weniger abstoßend als Waters‘ berühmtester Film, Pink Flamingos, bei dem Divine, nicht nur die Figur, sondern auch die Schauspielerin, ein Stück Hundekot isst. Und, wenn ich mich richtig erinnere, ein Anus tanzt. Also: Zuschauer schwächeren Gemüts sind mit Female Trouble gut aufgehoben.

Aber unter all dem Entertainment schwingt natürlich die Frage mit, ob Waters uns etwas mitteilen möchte: Ist sein Film denn nicht offensichtlich eine Medienkritik? Die assoziative Gleichheit von Schönheit, Ruhm, Berühmtheit, Berüchtigtkeit und Kriminalität? Waren nicht gerade in den siebziger Jahren die Massenmörder die wahren Popstars? Und ist unsere Welt nicht absolut verkommen, mit Sex und Gewalt und Homosexualität und flegelhaften Mädchen und alten Frauen in Lack und Leder?

Allerdings ist Waters ja so ziemlich das Gegenteil von einem Kulturkonservativen; er liebt den Trash, den Filth, den Abfall und Abschaum – vielleicht aus einem Camp-Gefühl, aber aus einem Camp-Gefühl, wie Susan Sontag es beschreibt, einem aufrechten, empathischen, liebevollen Empfinden. Seine Einstellung ist ironisch, ja, aber nicht ironisch-distanziert. Man kann ihm nicht unterstellen, sich über seine Figuren oder die Themen, die er darstellt, lustig zu machen; nein, er stellt sie sogar auf ein Podest. Seine Filme sind keine Kritiken, sie sind Liebeserklärungen.

Aus diesem Grund ist es Unsinn, Waters‘ Filme als „Exploitation“ zu bezeichnen. Klar steht er dem Genre, vielleicht insbesondere den Mondo-Klassikern, nahe; dies aber nur, weil sie ähnliche Themen behandeln. Aber anstatt uns zu einem einheitlichen, verächtlichen Naserümpfen animieren zu wollen, serviert er uns ein starkes, ungesüßtes Programm, von dem er weiß, dass es in einigen Zuschauern Ekel und Unverständnis, in anderen Faszination hervorrufen wird.

Neben seinem Gefühl für Camp verfolgt Waters in seinen frühen Filmen aber auch ein quasi-surrealistisches Programm: Die einfachste surrealistische Handlung, sagte André Breton, sei auf die Straße zu gehen, mit einem Revolver in der Hand, und wahllos in die Menschenmenge zu schießen – [Spoiler] also hat Dawn vielleicht gar nicht so unrecht, wenn sie ihre Performance im Namen der Kunst mit einem Massenmord ausklingen lässt? Übrigens bewarf Divine ihr Publikum bei einer ähnlichen, realen Aufführung in San Francisco mit Makrelen. [Spoiler Ende] Waters schockiert, er konfrontiert uns mit einer (gesellschaftlich) verdrängten, unter-bewussten Unter-Welt; nicht die tragisch-ehrwürdige Gosse, sondern das karnevaleske Innenleben des Mülleimers.

Man könnte an diesem Punkt lange und intensiv über die Tiefen der Waters’schen Film(unter)welten philosophieren. Aber – oh weh, oh je – mir fehlt die Zeit. Insofern

Schmock■

female_trouble_2

Herr Fräulein Himbär hat heute nur ein Lied (das Female Trouble-Titellied in einer Version der wundervollen Melvins) und ein Bild mitgebracht. Doch seien Sie sich gewiss, dass sie ihr sorgenvolles weibliches Herz irgendwo zwischen den viel zu kurzen Kleidchen von Taffy, dem ausladenden Busen von Dawn und am wahrscheinlichsten in irgendeiner der ominösomösovoluminösen Turmfrisuren verloren hat. ♥ ♥ ♥

■ (Herr Fräulein Himbär)

» Stills & .gifs

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 16. Februar 2014 von in Filme und getaggt mit , , , , , , .
unsoundaesthetics

Alternative, elektronische und instrumentale Musik

ergothek

Der Blog mit dem DeLorean

Strange Flowers

Highly unusual lives.

KinoKlandestin

Das freie studentische Kino der BUW

licence d'artiste

par benoit david

MISE EN CINEMA

Filmreviews.

der breite grat

Filmbesprechungen für einen Grat statt Graben zwischen Arthouse und Exploitation

%d Bloggern gefällt das: