Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Ritual in Transfigured Time {Maya Deren, 1946}

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Es folgt an dieser Stelle: Ritual in Transient Self-Entertainment {Meh. Schmocken, 2014}:

In meinem Text zu Derens vorherigem Film, A Study in Choreography for Camera, habe ich eine starke Veränderung von Derens Stil festgestellt: Von einer aufgeladenen Symbolik und einer nicht-linearen und unbegreiflichen, aber doch irgendwie narrativen Struktur zu einer rein an den Bewegungen eines Tänzers ausgerichteten, choreographischen Filmstruktur und Kamerabewegung. Ritual in Transfigured Time verbindet nun gewissermaßen die Maya Deren von Meshes of the Afternoon und At Land mit der Maya Deren von A Study in Choreography for Camera: Wieder haben wir einen Ansatz von Handlung, wir folgen einer (oder zwei) Hauptfigur(en), wie sie in seltsame Situationen stößt und selbst seltsame Dinge tut – sie (Rita Christiani) trift auf Deren, die sie breit grindend auffordert, Garn aufzurollen, Anais Nin führt sie in einen Raum mit einer surrealen Party, auf der die Gäste aneinander vorbeigleiten und sich in Paaren für wenige Augenblicke gegenseitig anschmachten, alles ist furchtbar schmachtig und erinnert uns an die ersten beiden Filme Derens, bis ein statuesker Herr mit unserer Hauptfigur und anderen Damen zu tanzen beginnt, erst in einem Garten, dann in einer Arena, dann in einem Wald, und zwischendurch tauchen Deren und Nin wieder auf, manchmal verwandelt sich die Hauptfigur in Deren, und manchmal bleibt das Bild für einige Sekunden stehen.

Ich frage mich, warum Deren die Zeit in ihrem Film „transfigured“, also nicht nur verändert oder verformt, sondern auch „verklärt“, nennt. Begreift sie das Kino als eine Ästhetisierung nicht nur des Abgebildeten, sondern tatsächlich der Zeit? Ihr Umgang mit den Techniken der Beschleunigung, Verlangsamung und des Anhaltens zeigen, wie Deren das Verarbeiten der Zeit als das zentrale Merkmal des Films wahrzunehmen scheint. Auch das Interesse am Tanz deutet diese Beschäftigung an – gerade weil dabei die Musik, die andere große künstlerische Verarbeitung von Zeit, so ostentativ abwesend ist.

Schmocken■

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Wie ein Traum, der schon langsam verblasst, während man gerade noch versucht sich an ihn zu erinnern, ihn gar nachzuerzählen, entwischt Ritual in Transfigured Time jedem bemühten Interpretationsversuch. Manches Bild scheint so einfach, ein leichter Ansatz, aber dann entwischt es einem und der eben noch herbeigerufene Sinn verflüchtigt sich im Aether. Taub und dumpf wandelt man von Sequenz zu Sequenz und was auffällt ist, wie viel Deren im Lynch stecken muss (auf eine gute Art und Weise).

Der Traum, den wir mit offenen Augen zu träumen haben ist nicht unbedingt angenehm. Zwar scheint nichts sonderlich böses oder schlechtes zu passieren, aber irgendetwas stimmt einfach nicht. Mayas Gesichtsausdruck beim Abwickeln des Garns…diese einfach nicht enden wollende Party auf der man sich schon beim Zusehen genauso wohl fühlt wie auf allen Partys die bis nach Mitternacht gehen…die drei Frauen im Park, die auf mich wie hämische Schicksalsgöttinnen wirken…die grandiose Kopflosigkeit des Tänzers vor Architektur und Himmel…Rita Christianis Ausdruck angesichts der Statue…Mayas Gesichtsausdruck, als sie ins Wasser läuft, ihre Geste (in der ich eine Antwort auf meine Ratlosigkeit über ihre Schlussgeste in At Land zu entdecken glaube – sie scheint mir keine Geste der Erlösung, sondern der Auflösung.)…und dann die Umkehrung der Welt.

Wie auch schon in Meshes of the Afternoon speisen sich Interpretation und Schrecken vermutlich vor allem aus eigenen Erfahrungen und Erinnerungen, denn wirklich greifbar ist dieser Film nicht. Wahrscheinlich erfühlt auch jemand, der sich mit Tanz auskennt, viel mehr als ich, der diese Kunst des Körpers immer befremdlich und rätselhaft ist.

&: Man könnte ihn ganz wunderbar mit Robert Altmans 3 Women paaren.

img164 kl

■ (Malina)

» Stills & .gifs

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 23. Februar 2014 von in Filme, Kurzfilme und getaggt mit , , , .
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