Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Basic Autopsy Procedure {US Army, 1961} und The Act of Seeing with One’s Own Eyes {Stan Brakhage, 1971}

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Zunächst sei festgestellt: The Act of Seeing with One’s Own Eyes und Basic Autopsy Procedure sind, in beiden möglichen Reihenfolgen, eine großartige Kombination. Es ist mehr als nur die Identität des Sujets; die Filme ähneln sich auch im Aufbau, im stetigen Fortschreiten der Narration, ja selbst in den Bildern, die oft fast exakt die gleichen Handlungen und Objekte zeigen; und dennoch könnten die beiden Filme kaum unterschiedlicher sein.

Klar, die Präsenz einer erzählenden und erklärenden Stimme im Lehrvideo und die vollkommene Abwesenheit von Ton in Brakhages Film stellen auf Anhieb das deutlichste Unterscheidungsmerkmal zwischen den Filmen dar. Dennoch hat man das Gefühl, dass selbst, wenn man die Stimme im Lehrvideo ausschalten und es stumm sehen würde, noch immer Welten zwischen beiden Filmen liegen müssten. Auf der einen Seite haben wir eine unaufgeregte, betont sachliche Darstellung, bei der die menschlichen Körper, die hier auseinander genommen werden, fast unsichtbar zu werden scheinen (wie eine Maschine, von der uns als auszubildende Mechaniker nur die Einzelteile, nicht aber der Gesamtzusammenhang interessieren); auf der anderen Seite haben wir eine brutal offene, nur auf den Umgang mit und die Zerteilung des toten menschlichen Leibes konzentrierte Darstellung, die uns in ihreren mal schneller, mal langsamer werdenden Schnittfolgen emotional zu bewegen versucht. Was passiert, was wir sehen, ist immer das Gleiche – doch die Verschiebung des Tons bewirkt eine Verschiebung dessen, was wir zu sehen glauben: Was im ersten Film behutsam zerlegt wird, scheint im zweiten Film auseinandergerupft zu werden; was im ersten Film wie respektvolle, professionelle, ärztliche Eingriffe wirken, erscheinen im zweiten Film als die groben Gesten von lieblosen Schlachtmeistern.

Ist Brakhages Film deshalb manipulativ? Genauso könnte man fragen, ob nicht das vermeintlich objektivere Lehrvideo seinem Zuschauer eine geordnete, sachliche Prozedur vorspielen will, bei der vollkommen verschleiert wird, dass es ein menschlicher Körper, der Körper eines toten Menschen ist, der hier zu einer vermeintlich geschichts- und kontextlosen Organ-Masse degradiert wird. Und beide Fragen wären Blödsinn, weil sie die unterschiedlichen Zwecke der Filme ignorieren: Ein Pathologe muss, für die Autopsie, zum Körper eine Beziehung einnehmen, die jener des Lehrvideos entspricht; während Brakhage, als Künstler, mit einem Zuschauer im Sinn, der vermutlich ebenfalls kein Pathologe oder Schlachtmeister sein dürfte, eine viel persönlichere Einstellung einnehmen kann. Er zeigt uns nur die Bilder, die uns bei einer realen Autopsie am meisten überwältigen dürften; er erspart uns nicht das Blut, die Körperflüssigkeiten, die im ersten Film nur den Blick auf die Organe behindern. Und dennoch plant Brakhage keinen nervenkitzligen Blut-und-Gore-Streifen; die Auswahl seiner Bilder beschränkt sich auf die, man könnte sagen, grausamsten, er zielt auf einen emotionalen Reiz, und dennoch ist er nicht sensationalistisch. Jenseits der eigenen Überwältigung, wenn man als Zuschauer durch seine eigene Verstörung hindurchblickt, ist The Act of Seeing with One’s Own Eyes wieder ein ganz typischer Brakhage, in dem er Formen und Farben studiert – das durchtrennte Fleisch, das offen liegende Hirn, die Lichtreflexionen auf der Oberfläche der Blutlachen, die sich in einem ausgeweideten Brustkorb bilden. Natürlich könnte man auch darin wieder eine moralisch fragwürdige Objektivierung des toten menschlichen Körpers sehen, aber diese Objektivierung steht nicht am Anfang, sondern erst am Ende oder, wie gesagt, jenseits einer emotionalen, zutiefst menschlich-verstörten Betrachtung des Vorgangs. Bei Brakhage bekommt man die Fleischhaftigkeit des menschlichen Körpers in seiner ganzen Konsequenz vorgeführt, und erst nachdem man sie akzeptiert hat, beginnt die Wahrnehmung des toten menschlichen Fleischs als friedliches Objekt, als Zusammenspiel von Farben und Formen.

Der Titel, „The Act of Seeing with One’s Own Eyes“ ist eine Art Übersetzung des Ursprungs des Wortes „Autopsie“ – aus dem Griechischen, „aut-“ = selbst und „opsis“ = Sehen, Sicht, Erscheinung. Man könnte einwenden, dass wir die Autopsie ja eben nicht mit unseren eigenen Augen, sondern durch das – und wie deutlich wird dies in der Gegenüberstellung mit Basic Autopsy Procedure! – gefilterte Auge Brakhages sehen. Aber vielleicht ist es gerade das – oben beschriebene – Sehen jenseits des emotionalen Schocks, den Brakhage uns bewusst aufbürdet, den man als eigenes Sehen des Vorgangs „durch die eigenen Augen“ beschreiben kann. Auch wenn wir den Anblick einer zersägt werdenden Schädeldecke kaum ertragen, unser Auge hat damit kein Problem, und vielleicht steckt hierin ein Aufruf, mehr auf unsere Augen zu vertrauen. Wobei fraglich ist, wie weit man diese von jeder Emotion abgetrennte (hier drängt sich das Bild der durchschnittenen Nervenstränge auf) Sichtweise treiben sollte – ist es auch OK, Bilder von Mordopfern als Spiele von Farben, Formen, Licht und Schatten zu sehen?

Nein, nein, in Brakhages Film ist die Präsenz des Todes, der Verweis auf unsere eigene Sterblichkeit und Fleischhaftigkeit essentiell, und das Auge lässt sich nicht davon trennen, solange wir nicht mit dem Seziermesser unter unserer Schädeldecke herumwühlen wollen. Der Akt mit unseren eigenen Augen zu sehen ist nicht nur ein Aufruf, er ist auch eine Beschreibung dessen, was wir sowieso tun, ob mit emotionalem Engagement oder nicht, und diese Handlung enthält gleich zwei Eigenschaften, die einen Gegensatz zwischen uns und den Toten schaffen: Erstens der „Akt“, denn nur wir können agieren, zweitens die Augen, die betont „unsere eigenen“ sind – denn dies sind sie, weil wir lebendig sind: Tote besitzen ihre Augen nicht, Tote haben keinen Besitz, sie können nicht über Dinge verfügen, auch nicht über ihren eigenen Körper, wie uns beide Filme so eindrucksvoll vorführen. (Es ist ja auch interessant zu sehen, wie im Augenblick des Todes eines Menschen sich jedwede Vorbehalte über Eigentum oder Privatsphäre vollkommen in Luft auflösen – wir versuchen zwar, die Wünsche des Verstorbenen zu respektieren, aber vor allem sehen wir uns berechtigt, alles, was ursprünglich in seiner Macht stand, unter uns aufzuteilen – wir durchwühlen seine Privatsachen, lesen seine Tagebücher – wenn’s ein bekannter Mensch war, verlangt sogar die Öffentlichkeit danach, jeden Liebesbrief, jeden Tage- und Notizbucheintrag, jedes noch so intime Detail vorgesetzt zu bekommen. Hätte Joyce gewollt, dass wir seine Briefe lesen? Hätte Kafka gewollt, dass wir seine unvollendeten Bücher lesen und über seine Sexualität spekulieren? Scheißegal!) Der Tod ist etwas, das uns allen bevorsteht, aber er ist kein Teil des Lebens, er steht in einem krassen Gegensatz dazu. Auch unsere Körper bestehen aus einem Haufen schleimiger Organe, auch aus uns würde dieses weiß-schaumige Unterhautfett hervorquellen, würde man uns aufschlitzen – aber dennoch besteht eine enorme Differenz zwischen uns, die wir diese Akte als Erfahrung wahrnehmen können, und überhaupt Akte und Erfahrungen haben können, und den Toten in diesen Autopsien. Der Gegensatz ist unüberbrückbar – man kann sich sein eigenes Sterben, nicht aber seinen eigenen Tod denken, und vielleicht bleibt deshalb nichts anderes übrig, als die Bilder dieses Films (dieser beiden Filme) schlichtweg zu sehen, ohne ein tieferes Verständnis oder eine Erkenntnis daraus ziehen zu können.

Warum man sich diese Filme anschauen sollte: Das Auseinandersetzen mit dem eigenen Tod, mit der Begrenztheit seiner Lebenszeit, aber auch der Lebenszeit jedes anderen Menschen, ist wichtig und wird trotz der ständigen Darstellungen von Sterben und Tod in den Medien viel zu selten praktiziert. Beide Filme zeigen uns etwas vollkommen anderes, ein vollkommen anderes Bild vom Menschen und seinem Tode, als die vielen, vielen Filme, in denen Menschen sterben oder tot sind und wir vor allem die Reaktionen ihrer Umgebungen beobachten dürfen. Das eine ist nicht wichtiger, besser oder wahrer als das andere; wir sollten uns mit beidem auseinandersetzen.

Schmock■

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„Wenn einer in sein dreißigstes Jahr geht,“, schrieb einst Ingeborg Bachmann „wird man nicht aufhören, ihn jung zu nennen. Er selber aber, obgleich er keine Veränderungen an sich entdecken kann, wird unsicher, ihm ist, als stünde es ihm nicht mehr zu, sich für jung auszugeben. Und eines Morgens wacht er auf, an einem Tag, den er vergessen wird, und liegt plötzlich da, ohne sich erheben zu können, getroffen von harten Lichtstrahlen und entblösst jeder Waffe und jeden Muts für den neuen Tag.“

Vor bald einer Woche bin ich, erstaunlicherweise sehr entspannt (vermutlich, weil mehrere Tage hintereinander in diversen jubilarischen Fress-Komata befindlich), dreißig geworden.
Ingeborg Bachmanns Erzählung Das dreißigste Jahr zu lesen erschien mir zu diesem Anlass offensichtlich sehr passend. Ebenso passend, aber wohl weniger offensichtlich, empfand ich es, nun endlich Stan Brakhages The Act of Seeing With One’s Own Eyes anzusehen. Ich habe oft an ihn gedacht, wußte aber nicht, ob ich ihn oder er mich schaffen würde.

Der Film beginnt mit einfachen, oberflächlichen Untersuchungen mehrerer intakter Leichen, wie um den Blick sanft an diesen Anblick zu gewöhnen. Das Bild ist dunkel gehalten.
Im nächsten Abschnitt sind die Räume hell und die Toten offensichtlich nicht friedlich verstorben. Ihre Kleidung zerrissen, die Haut voller Blut und Wunden. Die Farben sind zwar reduziert, aber gleichzeitig auch sehr gesättigt – vor allem das dunkle und tiefe Rot. Zunächst sieht man nur einfache Untersuchungen, bis die Pathologen dazu übergehen Brustkörbe und Schädel zu öffnen. Und man schaut in aller Stille zu und fragt sich, wie sich das wohl anhört, wenn Rippen durchgeschnitten, Schädeldecken gespalten, Häute von Knochen gezogen werden, und ist gleichzeitig ganz dankbar dafür, nicht den Geräuschen eines Seziersaals ausgesetzt zu sein.
Sehr lange geht es so weiter…ausgehöhlte Oberkörper werden ausgespült, Blut fließt durch Schläuche, behandschuhte Hände kennen keine Zärtlichkeit, es wird mitten durch Haare geschnitten, Häute gehen auseinander wie zwei gerade eben aufgeknöpfte Hemdhälften. Und Brakhages Blick versteckt sich manchmal hinter einem den Großteil des Bildes verdeckenden Körper eines Pathologen, nur in einer kleinen Ecke eine offene Leiche betrachtend. Im letzten Teil wird der Blick schneller, wie im Schwindel, wie kurz davor zusammenzubrechen, bis eine Tür sich schließt, der Film endet und wir wieder zurück ins Leben gegeben werden.

Es ist unbeschreiblich, wie der individuelle Körper zu Material auseinanderfällt. Es ist unvorstellbar, dass dieser reg- und wehrlose Mensch nicht allzu lange zuvor so lebendig war, wie ich in diesem Augenblick. Dass er dachte und sich bewegte. Und dann plötzlich erschlafft alles und versteift. Dieser Gedanke ist so schwer fassbar. Und wenn bei der Obduktion die Kopfhaut über das Gesicht, das äußerlich individuellste Merkmal des Menschen, gezogen wird und der Tote mit offenem Brustkorb und ausgehöhlt auf dem Tisch liegt, dann wird alles irgendwie abstrakt.

Durch die Stille und die unkommentierten Handlungen erscheint diese Zerlegung der Körper vollkommen sinnlos. Warum muss dieser willenlose Körper das alles noch ertragen? (Und warum denke ich, er habe etwas zu ertragen?)

Der zehn Jahre zuvor entstandene Lehrfilm Basic Autopsy Procedure, den wir uns anschließend angeschaut haben, erklärt sehr ausführlich einige grundlegende Obduktionsmethoden. Wir sehen zunächst eine oberflächliche Untersuchung, bis auch hier die Leiche geöffnet wird. Es wird erklärt wie die Organe entnommen werden können und dann jedes Organ sehr ausführlich einzeln seziert, sodass der Mensch immer fragmentierter, immer kleiner wird, bis er nur noch ein winziger Fleck auf einem Deckglas ist. Anschließend wird noch die Entnahme des Rückenmarks demonstriert.
Durch die schlechte Videoqualität des Films und die Lehrfilm-Art, ist es einfacher sich vom Gezeigten zu distanzieren. Und der Kopf ist ohnehin nicht recht fähig zu begreifen, selbst wenn er das mit seinen eigenen Augen sieht. Was unterscheidet mich denn auch von einer Leiche? Ein vertaner Atemzug, ein vergessener Herzschlag, ein geplatztes Blutgefäß…? Und schon ist alles hin und man bedecke vor Scham mein Gesicht mit meiner eigenen Haut und lasse mich verrotten…

WorteWorteWorte, die sich nicht zu einem vollständigen Satz fügen wollen und fügen werden. Begreift das denn irgendwer? Das begreift doch niemand. Aber man muss sich dem aussetzen. Man kann dem Tod doch nicht völlig ahnungslos entgegengehen! Aber eigentlich ist auch das am Ende vollkommen egal. ■(Malina)

Das letzte Geheimnis: Tod

[…] Die Leiche gilt noch als derart ansteckend, dass nicht nur ihre tatsächliche Gegenwart, sondern sogar ihre fiktive Darstellung tief liegende Ängste freisetzt; denn indem sie die Illusion von Ewigkeit und Ordnung zerstört, auf der unsere Existenz aufgebaut ist, sowie alle die beruhigenden Sicherheiten wie Macht, Wohlstand und Ideologie, mit denen wir versuchen, das Nichts unter Kontrolle zu halten, unterbricht sie das Muster des normalen Lebens.

Es überrascht also nicht, wenn der kommerzielle Film den Tod entweder meidet oder romantisiert. […]

Bedeutsamer jedoch ist, dass die Kulturfilmer – jene unerschrockenen Realisten, die den Erdball immer von neuem nach Material durchstreifen – diesen Bereich sorgfältig aussparen. […] Dass dieser ganze Bereich – der weitaus verbreiteter ist als andere, die bis zum Gehtnichtmehr dargestellt wurden – im zeitgenössischen Film einfach fehlt, offenbart ein Tabu in seiner reinsten Form.

Aus diesem Grund gibt es so wenig Filmaufnahmen von Menschen, die eines natürlichen Todes sterben; Tode auf dem Schlachtfeld oder durch Exekution wurden schon eher gefilmt. Doch selbst diese Filme werden selten gezeigt, ausgenommen zu feierlichen Anlässen, wenn sich die Zuschauer versammeln, um Schuld oder Reue zu demonstrieren oder feierliche, fruchtlose Eide zu schwören, nie vergessen zu wollen. […]

Es ist unsere unbewusste Wahrnehmung der Lücke zwischen Wirklichkeit und Erfindung, die dem zufällig gefilmten Mord an dem schwarzen Zuschauer in dem Rolling-Stones-Film Gimme Shelter so ungeheure Wirkung verleiht. Denn wenn wir im Kino Zeugen eines ungestellten, wirklichen Todes werden, erschrecken wir; wir sind in die süße und tödliche Falle des Voyeurs getappt; wir fühlen uns gleichzeitig angezogen und abgestoßen, während wir ängstlich das tatsächliche Ende eines anderen Wesens beobachten und in seinem Gesicht nach Hinweisen auf das Geheimnis oder nach angebrachten Verhaltensformen forschen. […]

Wir können Mitgefühl aufbringen für einen oder einige Tote (und diese symbolisch für mehrere gelten lassen), aber sobald wir mit Zahlen von Opfern des Krieges oder anderer «zivilisierender Missionen» konfrontiert werden, «schalten wir ab».  […]

Dieselbe armselige Vorstellungskraft – so praktisch sie in Stresssituationen ist – zwingt uns, viel mehr mit denen zu leiden, die gerade im Sterben liegen, als mit denen, die bereits tot sind. Es ist für den Lebenden anscheinend zu schwierig, sich mit einer Leiche zu identifizieren. Unsere Empfindlichkeit und unsere gezüchtete Unnatürlichkeit veranlassen uns, komplizierte Mechanismen zu errichten, um die bildliche Darstellung von Handlungen, die wir selbst begehen, zu zensieren; dabei sollten wir unsere Bemühungen lieber auf ihre Eliminierung konzentrieren. Es ist niemals das Bild, das zu weit geht, sondern immer die Realität.

[…] Und wenn dieselben Rebellen nun auch den gewöhnlichen Tod filmen und darauf aufmerksam machen, wollen sie, indem sie das Geheimnis des Todes in das Geheimnis des Lebens einschließen, eine menschlichere Einstellung vermitteln. So schreibt Alexander Solschenizyn in seinem Buch Der erste Kreis der Hölle:

Es gibt keine Unsterblichkeit und deshalb ist der Tod nichts Schlimmes; er betrifft uns ganz einfach nicht. Solange wir existieren, gibt es keinen Tod, und wenn der Tod kommt, sind wir dahin.

[…]

————————————————————————

The Act of Seeing with One’s Own Eyes

[…] Gewisse Bilder sind zeitlos: auf immer in sich selbst geschlossene Hände, blicklose Augen, das flinke, geschickte Zerteilen eines Leibes, die leere Bauchhöhle (mit einem nach außen sich öffnenden Loch am unteren Ende), plötzlich erschütternde Kleider (die unerwartet endgültig gewordene Bekleidung des Opfers eines Mordes oder eines Unfalls), ein (endlich zur Ruhe gekommener) Penis, der an einem klaffenden Körper hängt. Leben und Tod vermischen sich unentwirrbar, während (nie deutlich gesehene) Ärzte und Gehilfen an dem leblosen Fleisch herumhantieren und tote und lebende Hände sich in eindrücklichen Nahaufnahmen oft berühren. Nach jeder Blutigen Verrichtung senkt sich erbarmungsvoll ein weißes Laken über die Reste – eine symbolische Geste, die unterstrichen wird durch eine Reihe rascher, eindrücklicher Ausblendungen. Dann folgt die Kamera (in Fahraufnahmen und schnellen Schnitten) einer surrealistischen Prozession gewölbter Formen, die auf Bahren, von zuweilen noch blutig geröteten Leichentüchern verhüllt, kahlen Gängen entlang in grünlichem Licht in der Ferne verschwinden. […]

Da der Film beinahe ganz in Nah- oder Halbnaheinstellung un in völliger Stille gedreht ist, verschmelzen für einmal Form und Inhalt restlos und schaffen so ein Werk, das unser Bewusstsein verändert.

Diese endgültige Entmystifizierung des Menschen – die uns auf unvergessliche Art unsere Körperlichkeit, Gebrechlichkeit und Sterblichkeit in Erinnerung ruft – spricht uns das Metaphysische nur ab, um es auf einer anderen Ebene wieder einzuführen: Denn je deutlicher unsere Körperlichkeit zutage tritt, desto wundersamer wird ihr Geheimnis.

—–

Bildunterschriften:

Die Hand des Arztes taucht gleichgültig in einen Brustkasten, um nach einer Kugel zu suchen, während sein Arm auf den bloßgelegten Organen ruht. Die Struktur und Dicke der Haut und der Fettschicht offenbaren, welche Distanz uns von unseren inneren Organen trennt. Um diese vor Tabus strotzende Aufnahme anzunehmen, muss man seine Körperlichkeit akzeptieren und jede metaphysische Auffassung vom menschlichen Körper ablehnen. —

Zwei unpersönliche, fachkundige Hände verrichten kühl ihre Arbeit an einem geheimnisvollen Ding: Es handelt sich um den bloßgelegten Schädel eines Mannes, der geöffnet werden soll; die Kopfhaut ist nach vorne gestülpt und bedeckt das ganze Gesicht mit Ausnahme des Kinns. Der besonders erschreckende Anblick des Schädelbohrers und der abgelösten Kopfhaut stellt einen direkten Angriff auf den Betrachter dar. —

Der Blick des Todes – das offene Auge einer Leiche, das ein Meister der Filmkunst in einer atemberaubenden, nachhaltigen Aufnahme festgehalten hat. Es blickt starr nach oben in eine geheimnisvolle Abstufung von Licht und Schatten. Das ist das Ende. —

– Amos Vogel, Film als subversive Kunst

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Anbei Brakhages The Act of Seeing with One’s Own Eyes.

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