Stubenhockerei

Wir gehen nie hinaus, wir bleiben nur zuhaus'.

Twin Peaks: Fire Walk with Me {David Lynch, 1992}

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Dichte Nebelwolken treiben durch den idyllischen Berliner Wedding; weichgezeichnete Eichhörnchen und Babyfüchse tapsen durch einen pittoreken Park. Dichte Dampfwolken steigen auch aus dem dunklen, kräftigen Kaffee, den Desinteressierter Schmock zu seinem Apfelkuchen schlürft. Das. Ist ein ganz fantastischer Apfelkuchen, sagt der Schmock mit einem breiten Grinsen zu Herrn Fräulein Himbär. Ich bin der Muffin-Man, sagt Herr Fräulein Himbär. Desinteressierter Schmock beginnt zu weinen und bemalt sein Gesicht mit Lippenstift. Im Hintergrund spielt „Girl from Ipanema“.

Irgendwie scheint es mir falsch, Lynch allseits gehassten/geliebten Preepiquellog zu Twin Peaks hier in einem klassischen, linearen Text zu diskutieren. Also beginnen wir so:

Twin Peaks Walk with Me

Ist Fire Walk with Me ein eigenständiger Film? Vielleicht sollte man Twin Peaks schon gesehen haben. Ja, das sollte man.

Lauras Lachen

Laura Palmer hat ein unheimlich breites Lächeln. Ihr Mund wirkt fast unnatürlich weit aufgesperrt, beinahe künstlich, als hätte man ihn flach, zweidimensional in ihr Gesicht geschnitzt. In jedem anderen Film würde man in diesem Lächeln eine gewisse Groß- und Breitmäuligkeit, mit allen Assoziationen, sehen; bei Lynch wirkt Laura mit ihrem, vielleicht auch wegen ihres weit geöffneten Mundes aber immer verletzlich, zerbrechlich; als könnte in jedem Moment etwas unter ihre Wangen und in ihren Körper kriechen.

Überhaupt sind Münder sehr präsent in Fire Walk with Me. Oft scheint es, als sprächen die Figuren hauptsächlich, um ihre Lippen zu bewegen. Allerdings steht der Mund auch, viel stärker als alle anderen Teile des Gesichts, im Mittelpunkt der Lynch’schen Mimik.

Die Lynch’sche Mimik

Klar, Lynchs Filme sind melodramatisch, sie sind es ganz bewusst, zum Teil sicher als Hommage an US-Filme und Fernsehserien, zum Teil aber auch, weil Lynch den emotionalen Ausdrücken seiner Figuren den größtmöglichen Platz einräumt und so auf seine Zuschauer einwirken will – mir fällt gerade kaum eine aufwühlendere Szene ein, als jene in Fire Walk with Me, in der Laura und ihr Vater Leland im Auto sitzen, und die Stimmung zwischen ihnen ist enorm angespannt, und hinter ihnen drängelt ein Pick-Up und vor ihnen steht ein LKW und ein alter Mann schleppt sich mühsam über eine Kreuzung und irgendein Irrer (eigentlich eine wichtige Serienfigur, aber im Film bislang nicht aufgetaucht) keilt das Auto von Laura und Leland ein und wirft Leland vor, irgendwelche, ich weiß nicht, Marmelade geklaut zu haben, und die Ampel ist grün aber der LKW kann nicht fahren weil sich der alte Mann noch immer über die Straße schleppt, und Leland steht gleichzeitig auf Gas- und Bremspedal usw. usw. usw. aber das Aufwühlendste an dieser Szene sind wahrscheinlich die verzerrten Gesichter von Laura und Leland, Laura, die gleich in sich zu versinken und Leland der gleich zu explodieren scheint. Die Methoden sind melodramatisch, aber das, was Lynch damit erreichen will – das ist etwas anderes.

Hinzu kommt, dass viele von Lynchs Figuren vor allem durch ihre Mimik in zwei getrennte Persönlichkeiten zerfallen. Sie sind nicht das typische Krimi-Klischee von multiplen Persönlichkeiten, die in Stresssituationen ineinander übergehen, sondern gleiten ständig von einer Persönlichkeit in die andere. Ist Leland ein Monster? Wann ist er ein Monster und wann nicht? Wann ist er wirklich der ahnungslose, liebe, väterliche Leland, wann ist er der böse Leland, der sich einfach nur verstellt?

Girls Gone Weird

Und was soll das eigentlich alles – Leland, gut, böse, und dieser Mord im ersten Abschnitt des Films, jede Menge eigenartige Menschen und diese Ringe, what? Immer wieder liest man in Zusammenhang mit Lynchs Filmen, und insbesondere Fire Walk with Me, den Satz „Weird for weirdness‘ sake“, als habe Lynch irgendwann angefangen, nur möglichst unverständlichen Kram abzuliefern, um irgendwelche Weirdness-Skalen zu sprengen. Oder als habe er nichts Relevantes, oder zumindest Interessantes mehr zu sagen und wolle uns nun stattdessen verwirren.

Dabei könnte man gerade die Filme Lynchs, denen besonders viel selbstverliebte Weirdness vorgeworfen wird (Fire Walk with Me, Wild at Heart, Lost Highway und natürlich Inland Empire) als Lynch in Reinkultur auffassen: Er versucht nicht einmal, seine Ideen in eine klassische narrative Struktur zu zwängen, oder zumindest den Zuschauern genug Motive zuzuwerfen, um verbindliche Erklärungen zu bilden.

Vielleicht parodiert er auch gerade diesen Anspruch seiner Zuschauer, wenn er uns am Anfang von Fire Walk with Me diese absurde tanzende Frau mit dem sauren Gesichtsausdruck zeigt, die vollständig dekodiert werden will: Das saure Gesicht steht für dies, das rote Kleid für jenes – allerdings sind die Interpretationen überhaupt nicht nachvollziehbar; es sind keine einleuchtenden, sondern völlig aus der Luft gegriffene Deutungen, auf die kein Zuschauer je hätte kommen können, und die ihn eigentlich auch gar nicht weiterbringen.

Sträwkcür

Nessegrev uz thcin Tkepsa neseid mu.

Lynchen lernen

Viele Zuschauer und Kritiker wissen nicht, was sie von Lynch zu halten haben, sie lieben Filme wie Eraserhead und Blue Velvet und Mulholland Drive, und hassen, hassen, hassen Filme wie Wild at Heart oder Fire Walk with Me oder On the Air oder die zweite Staffel von Twin Peaks oder, auch ungeliebt, Inland Empire. Dabei ist Lynch immer Lynch, seine Ideen schwanken immer zwischen slapstickiger Albernheit, groteskem Humor und dem blanken Horror, sie sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen (bspw. The Elephant Man), immer in nonlinearen Erzählungen strukturiert.

Die erfolgreicheren Filme und der erste Teil von Twin Peaks erwecken zumindest den Eindruck, auf eine Auflösung oder Erklärung hinauszulaufen, oder zumindest allegorisch irgendein Problem zu behandeln, vielleicht die Sorgen der Vaterschaft oder so (Eraserhead). Aber vielleicht war das nie Lynchs Absicht. Vielleicht hatte er sich nie überlegt, wer Laura Palmer ermordet haben sollte, vielleicht, nein wahrscheinlich, wäre Twin Peaks ohne den Druck des Fernsehstudios nie auf eine Auflösung hinausgelaufen.

Beziehungsweise

Man denke auch an den ersten Teil von Fire Walk with Me, der in keinem Zusammenhang zum Rest des Filmes zu stehen scheint. Oder auch an die von David Bowie gespielte Figur… man sieht nichts, was diese Dinge vereinen würde, es wirkt doch alles vollkommen sinnlos. Dabei ist eigentlich jedem klar, dass zwischen zwei aufeinanderfolgenden Dingen nicht unbedingt eine kausale Beziehung bestehen muss, es gibt z.B. visuelle Ähnlichkeiten, im Film beispielsweise im Match-Cut umgesetzt, in der Sprache gibt es Alliterationen, Reime usw. und ich glaube, Lynch experimentiert vor allem damit, das filmische Erzählen um mehr solcher nicht-kausaler Beziehungen zu bereichern. In Lost Highway ist der zweite Teil eine Art Umkehrung des ersten, und in Fire Walk with Me wirkt der erste Teil wie eine Abstraktion von Twin Peaks – alle Motive sind irgendwie vorhanden, aber noch anders angeordnet.

Man könnte noch mehr dazu schreiben.

Fire Walk with Me ist kein Abschluss, keine Auflösung, nicht mal ein richtiges Prequel zu Twin Peaks, es ist eine Vervollständigung des Twin-Peaks-Universums. Wer sich danach immer noch nicht von der Serie verabschieden kann, dem sei die ausgesprochen putzige Twin-Peaks-Hommage der Serie Psych (Episode Dual Spires) empfohlen.

Schmock■

» Stills

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4 Kommentare zu “Twin Peaks: Fire Walk with Me {David Lynch, 1992}

  1. kielerkrimskrams
    10. Mai 2014

    Den wollte ich immer nochmal gucken, hab’s aber irgendwie aus den Augen verloren. Danke für die Erinnerung. 🙂

  2. Pingback: Boxing Helena {Jennifer Chambers Lynch, 1993} | Stubenhockerei

  3. Pingback: Filmforum Bremen » Das Bloggen der Anderen (12-05-14)

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 10. Mai 2014 von in Filme und getaggt mit , , , , .
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